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Es
ist doch seltsam, dass man sich mit fortschreitendem Alter immer stärker
seiner Wurzeln erinnert und unbedingt wissen will, was zu dem Zeitpunkt
geschah, als man geboren wurde. So spielt zum Beispiel dieses Foto eine
besondere Rolle in meinem Leben. Es entstand 1944 über
Königsberg/Neumark (heute Chojna im heutigen Polen) und zeigt meinen Vater, der dort in
der Fliegerschule der Luftwaffe als Fluglehrer fungierte. Während der fliegerischen
Grundausbildung wurden die Nachwuchspiloten auf die Weiterschulung auf
Jagd-, Schlacht- und Transportmaschinen vorbereitet. Mein Vater war damals
24 Jahre alt und bis zum Kriegsende weitab von allen Kampfhandlungen. Im April
1945 wurde er bei Magdeburg von Amerikanern gefangen genommen und er kam
in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 entlassen wurde.
Die Kriegsgefangenschaft war für ihn die schlimmste Zeit des Krieges,
jedoch in keiner Phase lebensbedrohlich. Er hatte viel Glück gehabt. Nach
dem Krieg erzählte er zuhause nicht viel vom Krieg. Da hatte
meine Mutter deutlich mehr von den Bombennächten in Frankfurt am Main zu erzählen. Das Thema
Krieg spielte jedoch in meiner Kindheit und Jugend keine Rolle, denn auch in der Schule
wurden die Ereignisse bewusst aus dem Unterricht heraus gehalten. So
blieben die Schrecken des Krieges irgendwo im Nebel verborgen und der
wirtschaftliche Aufschwung überdeckte die Vergangenheit. Amerikaner als
Besatzer waren in Hessen
überall präsent und gehörten zur Normalität. Besiegt zu sein wurde als
"befreit sein" verkauft. Doch der Nationalsozialismus war nicht
wirklich überwunden. In den Gerichten, den Ämtern und in der Politik
saßen die Nazis noch zu Hauf und lieferten dort die Biedermänner ab.
Als
ich 14 Jahre alt wurde, rief man bereits wieder die Bundeswehr ins Leben, denn
viele Männer hatten nichts anderes als das Kriegshandwerk gelernt.
Gleichzeitig kamen die letzten deutschen Kriegsgefangenen als Spätheimkehrer aus Sibirien
zurück. Damals wusste kein Mensch, dass zum Beispiel in Ostpreußen, im
Hürtgenwald in der Eifel und an vielen Stellen Europas immer noch Kriegstote aus zerschossenem Kriegsgerät,
aus Trümmern oder auf offener Erde liegend geborgen wurden. Es passte einfach nicht ins
politische Bild der Zeit, darüber zu berichten. Die Wiederbewaffnung wurde nach
Absprache mit den westlichen Alliierten beschlossen und die
sowjetisch besetzte Zone zog auf Geheiß der Sowjetunion nach. Deutsche beider Seiten standen sich fortan an der innerdeutschen
Grenze als Feinde gegenüber, weil es die zerstrittenen Alliierten so wollten. Das war aus
heutiger Sicht in
höchstem Maße zynisch, entsprach aber der rechtskonservativen Politik der
damaligen Bundesregierung unter Konrad Adenauer. Man setzte
einfach die
alte gegen den Kommunismus gerichtete Politik mit anderen Mitteln fort und
setzte
auf bundesdeutscher Seite zu diesem Zweck über 20.000 ehemalige
"eingearbeitete" Offiziere des 2. Weltkrieges ein. Die Waffenproduzenten konnten
ebenfalls wieder ihre
technische Erfahrung aus dem Krieg nutzen und munter weiterproduzieren
(siehe Doku Kriegsberichterstattung und
Werbung). Die wahren Kriegsherren saßen wieder im Sattel. 1966
kam ich zur Bundeswehr und leistete meinen Grundwehrdienst bei den Heeresfliegern
ab. Auch zu diesem Zeitpunkt interessierte mich das vergangene
Kriegsgeschehen so gut wie gar nicht, auch wenn unser Kompaniechef uns an
den Westwall und den Hürtgenwald führte, um uns den Irrsinn des Krieges
zu verdeutlichen. In der Eifel und in Belgien betrug das
Durchschnittsalter der auf den zahlreichen Friedhöfen begrabenen Menschen
gerade mal 23 Jahre. Das Ost/West-Denken, der kalte Krieg, herrschte in unseren Köpfen
vor und wir waren der gleichen Propaganda erlegen, wie zuvor unsere Eltern,
jedoch unter anderen Vorzeichen. |


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