Zur Verfügung gestellt

von der

Internetzeitung

 

aus Maintal

im Jahr 2010

+++ Der Lange Weg zurück nach Balga +++ Erinnerungen an eine Tragödie +++ 65 Jahre nach Kriegsende +++  Krieg, Flucht und Vertreibung +++ eine Armee opferte sich für die Flüchtlinge Ostpreußens +++  Massaker an der  Bevölkerung,  den Verwundeten und  Soldaten, die sich ergaben +++  Feiges Verhalten einer gewissen Art von Offizieren +++ Erinnerungen des Soldaten  Karl-Heinz Schmeelke +++

Vorwort

Politisierung der Geschichte

Vorbemerkung von Karl-Heinz Schmeelke

Ostpreußen

Gumbinnen und die Weihnachtsgeschichte

An der Front vor Hochfließ

Gräben, Schlamm und Leichen

"Nur eine Stunde Frieden..."

Zensur

Die Zustände in den Gräben

Krieg macht wahnsinnig

Ein lustiger Sylvesterabend

Sylvesterabend in der Hauptkampflinie

Die Divisionsführung

Auf dem Weg nach Hochfließ

Die Nacht der Sinnlichkeit

Nadin Palaperschka im Jahr 2002

Zurück zur Hauptkampflinie

Das chinesische Plasthündchen "Hermann"

Warme Winterbekleidung

Marketenderware

Die Agentin

Das Grammophon

Freitag 12. Januar 1945

Samstag 13. Januar 1945

15. und 16. Januar 1945Die deutschen Sanitätssoldaten

Die Bilanz zweier Kampftage

Hauptverbandsplatz Hochfließ

Truppenverbandsplatz Wolfseck

18. Januar 1945

Räumung von Hochfließ und Gertenau

Angerapp

Die Falle schnappt zu

Verzögerungskämpfe und das Absetzen

Der 25. Janauar Pentlack bis Nordenburg

Verwundete wurden ausgeflogen

Im Raum Wandlacken und Prätlacken

Gerdauen

Truppe und die Feindpropaganda

Das Verpflegungslager

Lage am 28. Januar 1945

Allenau

28. Januar in Domnau

Abwehrkämpfe Domnau-Stellungen

Preußisch Eylau

Die Nordostfront bei Kreuzburg

Lagebeurteilung der PzGrenDiv. "Großdeutschland" vom 5.2.1945

Von Kreuzburg nach Tiefenthal

Panzer sind nicht unverwundbar

Verbreiterung der Frontlücke

10. Februar 1945

Fluchtstrecke übers Frische Haff

Bekanntmachung Heiligenbeil

Abwehrkämpfe Raum Tiefenthal

Die Kampfkraft in Zinten

Offiziere auf dem Rückzug

Die Pflicht des Landsers ruft

Missmut macht sich breit

Sowj. Tagesbericht Heiligenbeil

Zinten am 15. Februar 1945

Kämpfe am Stadtrand von Zinten

Abwehrkämpfe um Zinten

Feindliche Stukas

Die Toten von Zinten

"Die Russen kommen!"

Räumung von Zinten

Der letzte Heldenfriedhof

Abwehrkampf am Stradick

Im Gutshof Dösen

Im Kessel von Heiligenbeil angekommen

Die Nacht zum 13. März 1945

Absetzen nach Rödersdorf

Verlegung nach Groß Hoppenbruch

Der Kessel hat sich verkleinert

Der Rest der 4. Armee bei Balga

Feldgendarmerie in Heiligenbeil

Abwehrkämpfe Reichsstraße 1

Die Nacht zum 21. März 1945

Die Hoffnungslosen

Von Panzern umringt

Das Ende von Keimkallen

Kampf um Groß Hoppenbruch

Kriegsmüde Russen?

Bericht von Bruno Kahnert

Gegenangriff auf Follendorf

Die Marine - Stütze im Raum Balga

Nationalkomitee Freies Deutschland

Die Flucht übers Haff

Seenotgruppe 81 der Luftwaffe

28. März 1945 in Neutief

30. März 1945 im Hafen von Pillau

Auf dem Marineprahm nach Fehmarn

Der Weg zurück nach Balga nach 60 Jahren

 


Vorwort des Redakteurs

 

Werte Leserin, werter Leser, 

bei dieser historischen Dokumentation handelt es sich um die redaktionelle Überarbeitung der Original-Kriegsaufzeichnungen von Karl-Heinz Schmeelke aus Friedrichshafen, der als Angehöriger der 2. Fallschirm-Panzergrenadier- Division "Hermann Göring" den mörderischen Endkampf der 4. Armee im Kessel von Heiligenbeil überlebte. Mein besonderes Interesse basiert auf meiner eigenen Dokumen- tation, die ich von zirka 200 Feldpostbriefen eines nahen Verwandten erstellte, der vermutlich bei Groß Hoppenbruch im Kreis Heiligenbeil ums Leben kam. An dem Tag, an dem sich seine Spur verlor, waren Karl-Heinz Schmeelke und Hermann Lohmann im näheren Umkreis. Mit Hilfe ihrer Aufzeichnungen und ihres authenti- schen Bild- und Filmmaterials konnte ich die Wissenslücke um das Schicksal von Walter Michel schließen. Hierfür bin ich den beiden Herren sehr dankbar. 

 

Bei der Übernahme wurden einige Textpassagen sprachlich geglättet, ohne jedoch den ursprüng- lichen Charakter des Schreibstils zu verändern. Beim Lesen werden Sie bemerken, dass viele Kampfhandlungen und Lageberichte äußerst ausführlich geschildert wurden und dabei Wertungen einflossen, die wahrscheinlich in bestimmten Offizierskreisen zu Widerspruch führen. Auch wenn Karl-Heinz Schmeelke sehr genau zwischen verschiedenen Offizierstypen differenziert, überwiegen offensichtlich seine negativen Erfahrungen mit Offizieren, die sich selbst sehr gut zu schützen wussten und selten in der Nähe der Truppe zu finden waren, wenn es gefährlich wurde. Auch die enorm unterschiedliche Lebensform und die vergleichsweise üppige Versorgung der Offiziere, die im krassen Gegensatz zum Dahinvegetieren und Darben der Frontsolda- ten in der Hauptkampflinie stand, war ihm permanent ein  Dorn im Auge. Gerade die emotionalen Highlights machen aber die Berichte so authentisch und so glaubhaft. 

 

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So wurde sein erarbeitetes Druckwerk bekämpft und verun- glimpft und verschwand danach resignierend wieder in der Versenkung. Der Deutschlandfunk produzierte mit Karl- Heinz Schmeelke eine Hörfunksendung mit dem Titel "Der weite Weg zurück nach Balga", die auch als Hör-CD im Fachhandel erhältlich ist. 

 

In den letzten Jahren kehrten die Erinnerung an Ostpreußen in die Medien zurück. So berichten Dokumentationen vom Los der Flüchtlinge oder vom Endkampf des Zweiten Welt- kriegs, der über Ostpreußen hinweg eingeleitet wurde. Die Orte der grauenhaften Begebenheiten sind heute allerdings teilweise verschwunden. An den historischen Orten der letzten Kesselschlacht - im damaligen Kessel von Heiligenbeil - hat sich die Natur viele Ortschaften wieder zurück geholt. Häuser, die nur teilweise zerstört oder heil geblieben waren, wurden von Umsiedlern aus den Weiten Russlands bezogen und sie befinden sich heute noch nahezu im gleichen Zustand, wie man sie vor 65 Jahren verließ.

 

Als Leser müssen Sie sich auf Schilderungen grausamster Begebenheiten und Zustände einstellen, die für die damalige Flucht der Bevölkerung und die Lage der Soldaten zum Alltag wurden. Sie werden in einem breiten Streifen zwischen der damaligen östlichen Grenze bis zum Haff (Schwerpunkt Kreis Gumbinnen) viele Erinnerungen an Ostpreußen wiederfinden, wenngleich sie davon handeln, was passierte, als die Menschen ihre Heimat bereits verlassen hatten. Manche werden sich oder ihre Eltern in den Schilderungen der Trecks wiederfinden, wenn sie den Weg nach Westen schafften.

 

Die opferreichen Kampfhandlungen retteten Tausenden von Flüchtlingen und Verwundeten das Leben. Am Ende blieb ihm nur das Glück, das völkermordähnliche Inferno mit einigen Kameraden überlebt zu haben. 

Als Karl-Heinz Schmeelke seine Dokumentation fertiggestellt hatte, musste er feststellen, dass viele Kameradschaftsmitglieder und Mitglieder der Stäbe - vorwiegend ehemalige Offiziere - heute noch nicht zu vielen Dingen stehen, die geschahen. Interessant ist auch die Sicht eines Offiziers der gleichen Einheit. Als im Raum Balga und an vielen anderen Orten, wie zum Beispiel dem Hürtgenwald in der nördlichen Eifel, selbst 1958  noch 

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täglich die unbeerdigten Überreste von Soldaten des Welt- krieges geborgen wurden, gründete man bereits wieder mit 20.000 ehemaligen Offizieren der Wehrmacht, der Luftwaffe und der Marine die heutige Bundeswehr. Dabei war ihr Auftrag erneut wieder gegen Osten gerichtet, weil man den Deutschen genügend militärische Erfahrung mit den Russen unterstellte. Nach einem Jahrzehnt waren alle schreck- lichen Lehren aus den Weltkriegen zweitrangig geworden. Die Gewissensprüfung für Wehrpflichtige war ein Spießrutenlauf durch die Instanzen. Inzwischen kämpfen wir am Hindukusch und am Horn von Afrika. Wir nennen es auch zaghaft wieder "Krieg". Wir verscharren unsere Toten allerdings nicht im Kampfgebiet, sondern schicken sie in Leichensäcken nach Hause. Am Wesen des Krieges ändert das aber nichts. Mit der Masse der Toten bekommt der Krieg scheinbar erst eine ernst zu nehmende Dimension.

 

Kern der Dokumentation ist die späte Bewusstmachung. Es soll damit die strikte Ablehnung von Krieg und skrupelloser Bereicherung der Kriegsgewinnler auf Kosten Millionen gepeinigter und geopferter Menschen einher gehen. 

Jeder Schuss, jeder Knall, jede Detonation, jedes Gewehr, jede Landmine, jedes Geschütz, Schiff oder Flugzeug, jeder Panzer, jeder militärische LKW, die Versorgung von Millionen von Soldaten und letztendlich der Wiederaufbau alles Zerstörten spülte bis zum heutigen Tag Milliarden in die Kassen der Kriegsgewinnler. An moralischen Aspekten sind sie deshalb nicht interessiert. 

 

Ein gutes Beispiel ist ein deutscher Konzern, der nach dem Krieg einem britischen Hersteller von Bomben, die während des Zweiten Weltkriegs auf Deutschland fielen, Lizenzkosten für Hunderttausende von Bombenzündern in Rechnung stellte, weil diese Firma vor 1933 ein Patent dafür erworben hatte. Moral - Fehlanzeige!

 

Mit Karl-Heinz Schmeelke verbindet mich die feste Überzeugung, dass man den Anfängen trotzen sollte und Krieg, Terror und Vertreibung für immer geächtet werden muss!

 

Klaus Klee

Im Juli 2010

 

An alle Militaria-Sucher im Raum Königsberg: 

 

Gefundene Erkennungsmarken bitte melden! Die Telefonnummer des Leiters der Gefallenensucher vom Volksbund lautet +7 906 2302651 

So können noch Schicksale geklärt werden!

 
Поисковики из Кёнигсберга, сообщайте пожалуйста о своих находках - опознавательные жетоны со всех солдат. До сих пор тысячи числятся пропавшими без вести!  +7 906 2302651

 

Hinweis

 

Die Aufzeichnungen und Karten auf dieser Website werden inzwischen von "Schatzsuchern" missbraucht, die nach Kriegsgerät graben. Hierbei werden auch menschliche Überreste gefunden. Es wäre gut, wenn der neben stehende Aufruf befolgt würde.

 


 

Politisierung der Geschichte

 

Im nachfolgenden, sehr persönlich gehaltenen Zeit- zeugenbericht von Karl- Heinz Schmeelke  möchte ich von den  Schwierigkeiten berichten, denen ein Zeit- zeuge begegnet, der der Wahrheit verpflichtet die Geschichte des Zweiten Weltkriegs 1944 - 1945 als Zeitzeugenaussage anders darstellt als die meisten 

Medien und gesellschaftlichen Gruppierungen unseres Landes es wollen. In der Praxis bewegt sich ein Zeit- zeuge, der seinem Gewissen folgt, auf des Messers Schneide, selbst wenn er nichts anderes berichtet als das, was er - auf Fakten aufbauend - als Wahrheit erkennt. Weil die Abläufe und Begründungen jedoch unterschiedlich interpretiert werden können, wird die Wahrheit zu einer Frage der Macht. 

 

Unabhängig davon haben die Medien zwei Möglich- keiten, Zeitzeugenberichte, die nicht auf ihrer Linie liegen, zu bekämpfen. Zum einen können sie Publikationen ignorieren, die ihnen nicht passen. Die zweite Möglichkeit, eine unliebsame Publikation niederzumachen ist, sie politisch zu bekämpfen. Am einfachsten ist es, sie als "umstritten" "rechtslastig" "rechtsextrem" oder "nazistisch" zu bezeichnen. 

 

Das Signal zum Angriff auf solche Störenfriede wird im allgemeinen von einem Personenkreis gegeben, z. B. von Leuten die gar nicht dabei waren oder in der Etappe ein gutes Leben führten, sich Weihnachten 1944 von der Front in Ostpreußen nach Berlin versetzen ließen oder sich im März 1945 über Pillau nach Stettin absetzten, um ein neues Quartier (Unterkunft) für sich zu suchen oder weil sie aus verschiedenen Gründen einfach nur nach Hause wollten. 

 

Kein einfacher Soldat der 2. FschPzGrenDiv. HG ließ seine Kameraden im Kessel von Heiligenbeil im Stich.

 

 

 

Wenn Deserteure zum Russen überliefen, waren vielfach die eigenen Kameraden die ersten Opfer ihrer Tat, weil sie deren Stellungen, Bunker und Schützengräben verrieten. 

Ein bestimmter Offizierstyp der ehemaligen Wehrmacht unterscheidet sich nur wenig von bezahlten Demoskopen, die mit undurchsichtigen Statistiken genau die Ergebnisse erbringen, die ihre Auftraggeber haben wollen. Als der Krieg zu Ende ging, bekamen diese käuflichen Leute sehr oft eine gut dotierte Planstelle in einem privaten oder halbstaatlichen Institut.

Wer den Lügenwall durchlöchert, um zur Wahrheit zu kommen, kann in diesen Kreisen nicht mit Wohlwollen rechnen. Als ich 1990 als Zeitzeuge meine Front- berichte im kleinen Kreis veröffentlichte, setzte sofort die erwartete Agitation gegen mich ein. 

 

Den Anfang machten einige der ICH-bezogene ehemalige Offiziere und ein Auftraggeber, der gar nicht dabei war! Ihm folgten mit wachsendem Getöse die anderen bezahlten Meinungsmacher, meistens mit den gleichen falschen und diskriminierenden Formulierungen. Danach wagten es kompetente Gegen- stimmen nicht mehr, in der Sache das Wort zu ergreifen. Die Argumente, so dumm sie auch sein mögen, werden heutzutage mit geringen Variationen immer noch und immer wieder neu aufgetischt. Einige Trendsetzer bestimmen den Ton und geben den Einsatz.

 

Karl Heinz Schmeelke

Friedrichshafen 2006

 


 

Vorbemerkung  

von Karl-Heinz Schmeelke

 

Die Provinz Ostpreußen hat als Stammland des preußischen Staates unserem Herzen immer besonders nahegestanden. Bei ostpreußischen Regimentern den soldatischen Dienst verrichten zu dürfen, empfand ein jeder, ob Offizier oder Soldat, als Auszeichnung. Wer, von Westen kommend, die Nogat bei Marienburg überschritt, sah am jenseitigen Ufer trotzig die alte Burg des deutschen Ritterordens (gegründet 1190) emporragen, ein Sinnbild der Größe und Macht, aber zugleich auch ein Anzeichen, das der Reisende jetzt hart umkämpften geschichtlichen Boden betrat. Seine Bewohner haben stets auf Vorposten gestanden, immer beneidet und umlauert von hab- und beutegierigen Nachbarn, die nur auf den rechten Augenblick warteten, um in das Land einzufallen. Schwer hatte das Land unter den Tataren (1656) zu leiden. Und blättern wir weiter im Buch der Geschichte, dann ist es immer wieder die Gestalt Friedrich Wilhelms, des Großen Kurfürsten (1640 bis 1688), die uns in ihren Bann zieht. Zunächst sein Kampf um die innere Befriedung das Landes, dessen halsstarriger Adel sich, auf seine Rechte pochend, dem jungen Herrscher nicht fügen wollte. Dann die Nöte des Schwedenkrieges (1675).

 

 

Ostpreußen

 

Die Seefeste Pillau wird der erste Kriegshafen des neugefestigten Staates. Des Kurfürsten Schiffe tragen den roten brandenburgischen Adler ehrenvoll über die Weltmeere. Unter Krieg und Kriegsnöten hat das Land im Laufe seiner weiteren Geschichte genug gelitten. Man litt unter der ersten Russenherrschaft im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763), sah 1807 die Franzosen als ungebetene Gäste und ihre Feldzüge wenige Jahre später im Jahr 1812 nach Moskau, die in den eisigen Fluten der Beresina am 28. November 1812 ihr Ende fanden. Ein Name kommt auf, der Mann von Tauroggen im Jahr 1812: "Jork".

Hundert Jahre Frieden von 1815 bis 1914 waren dem Land beschieden, dann wurde am 2. August 1914 erneut die Kriegsfackel in seine Dörfer und Städte geschleudert, dann ein zweiter Tatareneinfall und am 16. Oktober 1944 kam dann der dritte Tatareneinfall.

Eine schwere Zeit brach über Ostpreußen herein. So gut wie ungeschützt erlag das Land dem Ansturm der asiatischen Horden, die das Land 1945 über- schwemmten. Dörfer und Städte gingen in Flammen auf. Viele unschuldige Einwohner mussten ihr Leben lassen oder wurden bis nach Sibirien in Gefangenschaft verschleppt. Von diesem Leid soll nun auf den folgenden Seiten die Rede sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gumbinnen, Dezember 1944

und die Weihnachtsgeschichte

 

Im Osten nichts Neues: Die Truppen des FschPzCorps HG hatten sich in Sichtweite ihres Gegners in Schützengräben - bekränzt von Stacheldrahtverhauen - tief in den Lehmboden eingebuddelt. Die anderen halten es ebenso. Wie zwei blutrünstige Ungeheuer liegen die feindlichen Soldaten einander gegenüber. Die Frontlinie des Stellungskrieges reicht von der Ostsee bis ans Schwarze Meer. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist längst gestorben. Hunderttausende junger Männer sind bereits gefallen. Der vom wochenlangen Regen aufgeweichte Boden ist tief gefroren. Schnee bedeckt  im Niemandsland die erstarrten Leichen.

 

Doch an Weihnachten 1944 geschieht Unerhörtes: 

Frieden bricht aus - mitten im Krieg. Als es dunkel wird, leuchten Tannenbäume über dem Stacheldraht. Die Feinde von gestern singen gemeinsam die Botschaft von Weihnachten, ein jeder in seiner Sprache. Lieder vom Frieden auf Erden. Anfangs ist es nur einer, der "Stille Nacht, Heilige Nacht..." vor sich hin singt. Leise klingt die Weise von Christi Geburt. Doch dann brandet Gesang wie eine Welle übers Feld und von der gesamten langen dunklen Linie der Schützengräben klang es empor: "...schlafe in himmlischer Ru-uh´, schlafe in himmlicher Ruh´!" Diesseits des Feldes, hundert Meter entfernt, in den Stellungen der Russen, bleibt es ruhig. Als der letzte Ton verklungen war, warten die drüben noch eine Minute, dann begannen sie zu klatschen.

 

Wir stellen über den Rand der Gräben Hindenburg-Kerzen auf und zünden sie an. Nach Einbruch der Dunkelheit an diesem 24. Dezember 1944 - dunkel war es bereits gegen sechzehn Uhr - verzog sich der Wind. Klarer Sternenhimmel und der Vollmond verliehen der weiten, schönen ostpreußischen Landschaft durch sein mildes Licht das Gepräge wohltuenden Friedens. Beides hilft jetzt, der Mond und die Kerzen. Jede verdächtige Bewegung im Niemandsland wäre sichtbar. Aber in Abwesenheit eines höheren Offiziers beschließen Deutsche und Russen spontan, an Weihnachten 1944 nicht aufeinander zu schießen. Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges. Es hat niemals wieder einen gegeben. Diese - aus heutiger Perspektive betrachtet - große Weihnachtsgeschichte besteht aus vielen kleinen Geschichten. Man muss sie alle erzählen, nur dann wirkt das Wunder.

 

Zunächst verwirren die Lichter die Gegner. Sie trauen dem Frieden nicht. "Mal wieder so ein gemeiner Trick der Hitlerristen? Wieder so eine hinterlistige Täuschung!" Alle möglichen Geschichten wurden über die Begegnung mit russischen Truppen zwischen den Schützengräben erzählt. 

 

Zum Glück haben wir Grenadiere einfach abgewartet, bis die Russen aus ihren Gräben herauskamen, doch nach zwei Tagen ist auf Befehl von oben alles vorbei. Zunächst schießen wir nach voriger Absprache noch gegenseitig über die Köpfe hinweg, dann am 27. Dezember 1944 beginnt erneut der blutige, der sinnlose Alltag des verordneten Mordens. Es wird bis 1945 dauern und noch Millionen Menschen das Leben kosten. Zwar verging auch danach kein Tag ohne Opfer und ohne das Heulen der Granaten und Schrapnelle, doch größere Angriffsversuche der Russen blieben aus. In den Gräben zu verharren bot wenigstens einen gewissen Schutz vor einzelnen Kugeln. Gegen die feindliche Artillerie half das aber wenig, da flogen wir mitsamt unserer Unterstände in die Luft. Der alltägliche Anblick, dem die Überlebenden nicht entkommen konnten, verwesende Leichen von Menschen in den Drahtverhauen und im Niemandsland oder durch den Luftdruck der einschlagenden Geschosse in kahle Bäume geschleudert - in deren Ästen sie tagelang hingen, tötete die Lust auf weitere Attacken. Abgestumpft waren wir, auf beiden Seiten der Front.

 

 

 

 

Eine Gefechtspause an der Front war an und für sich noch nicht einmal etwas Ungewöhnliches. Atempause im Töten gab es immer wieder. Der Stellungskrieg hatte tatsächlich eigene Gesetze. Wir erlebten im Graben ein unerhörte Verblüffung! Ein Feldwebel von uns warf sein Kommissbrot hinüber, etwa 30 Meter, der Russe seine Zigaretten zurück. Man sieht bald, dass der Mensch weiterlebt, auch wenn er nichts mehr kennt in dieser Zeit als Töten und Morden.

 

Der Leser muss sich das Leben in der HKL (der Hauptkampflinie) in etwa so vorstellen: Ein gepflügtes Feld. So gelegen, dass sich alles Grundwasser der umliegenden Felder darin sammelt. Schneide eine Zickzackrille (Schützengraben) etwa einen Meter tief und neunzig breit, quer übers Feld, lasse so viel Wasser reinlaufen, wie es nur geht, damit richtig schöner Schlamm entsteht, dann grabe auf einer Seite des Grabens ein Loch aus, bemühe dich, darin etwa drei Monate lang zu überleben während ein Russe die Anweisung hat, sobald du nur den Kopf über die Oberfläche des Grabens hebst, auf dich zu feuern. 

 

Das damalige Schlachtfeld zwischen Hochfließ und Grünweiden war ein Weizenfeld, dann Hauptkampflinie und ist heute wieder ein Weizenfeld.

 

 

An der Front vor Hochfließ

 

Ich werde diese Szene an Weihnachten 1944 in allen Details schildern, denn sechzig Jahre später haben wir Soldaten sie noch nicht vergessen. Zwar hatten wir Frontkämpfer den Krieg satt, wünschten uns Frieden, doch wir glaubten nicht daran, hatten zu viele Freunde schon sterben sehen. Doch wieder passierte eine jener unglaublichen kleinen Geschichten.

 

Wir waren wie erschlagen, als ob der Krieg plötzlich aufgehört hätte. Der russische Soldat empfindet zwar ähnlich, glaubt allerdings, die Deutschen da drüben seien verrückt geworden. Ein Feldwebel und ein Gefreiter aus unserer Kompanie kletterten über die Brüstung, sich selbst beleuchtend. Unter normalen Verhältnissen ein freiwilliger Abschied vom Leben, eine Einladung für russische Scharfschützen. Sie gehen in Richtung der russischen Linien und treffen inmitten des Niemandslandes auf einen Russen. Heute Nacht macht das nichts, der Mond ist hell genug und es reicht, den anderen als Schatten zu erkennen. Hat er Angst, der Russe, als er sich auf Niemandsland wagt, dass auf ihn geschossen wird und dass die Kameraden Recht hatten, die ihn vor den Deutschen warnten? Mag sein!? Man wird es nie erfahren. Immerhin ist sicher, dass der Russe und auch die beiden unserer Kompanie den Ausflug ins Niemandsland überlebt haben und sicher zurückgekehrt sind.

 

Ich nahm am ersten Weihnachtstag meine Kamera mit ins Niemandsland und machte zum Beispiel jene Fotos, die in dieses Buch aufgenommen wurden. Ein Foto, das auf einen Blick den wunderbaren Frieden sichtbar macht. Ein Russe ruft: "Ich bin ein Leutnant der Roten Armee, mein Leben liegt in Ihrer Hand. Ich bin schon außerhalb der Gräben und gehe auf Sie zu." 

 

 

Er spricht ein gutes Deutsch, jeder kann es verstehen. "Würde bitte einer Ihrer Offiziere kommen und mich auf halben Wege treffen?" Keine Antwort von deutscher Seite. Ein russischer Leutnant, der sich spontan hatte aufmachen wollen, wird von seinem Vorgesetzten barsch zurückbeordert. Der aus dem Dunkel gibt nicht auf. Ob nicht doch jemand kommen wolle, er habe etwas Wichtiges zu besprechen. "Acht Ihrer Landsleute liegen tot vor unseren Gräben im Niemandsland. Ich will für morgen ihre Beerdigung arrangieren - ich bin allein und unbewaffnet". Jetzt ist der Mann zu erkennen, der zur Stimme gehört. Hundert Gewehre sind auf ihn gerichtet. Dann klettert der Russe, der schon einmal, gerade eben, die Gräben hatte verlassen wollen, über den Stacheldraht, kein Befehl kann ihn noch stoppen, und er geht auf Feldwebel H. Völke zu. Einige Offiziere, Deutsche vor allem, vom 4. FschPzGrenRgt. die zufällig in der Hauptkampflinie als Besucher waren, versuchten, uns Männer mit Waffenreinigen zu beschäftigen oder damit, die Stacheldrahtverhaue zu verstärken, um uns so von weiteren Fraternisierungen mit den Russen abzuhalten. Obergefreiter Erwin Roock (Lübeck) sagte, zögernd, murrend, die Russen drüben seien auch Menschen, das haben wir selbst gesehen, persönlich erlebt. Die hätten auch Heimweh wie wir, Angst wie wir, den Krieg satt wie wir. Auf die können wir heute nicht schießen, als ob gestern im Niemandsland nichts gewesen wäre. Auf die würden wir am liebsten gar nicht mehr schießen, falls es nach uns ginge. Aber es ging nicht nach uns!

 

Die Offiziere vom Stab wissen keine Antwort auf diese Gedanken, denn eine solch spontane Antwort von unten gab es nie zuvor. Nach der ersten Verblüffung reagierten sie aber. Sie drohten an, selbst zu schießen - und zwar auf ihre eigenen Leute, falls wir nicht zu unseren Waffen griffen und nicht in die gewohnten Feuerstellungen gehen würden. Murrend gaben wir auf, im Ungehorsam waren wir nicht geübt.

 

Der Russe bringt einen Packen Flugblätter mit, und er hat für den nächsten Tag das Abkommen getroffen, die seit Wochen ungeborgenen toten Kameraden zu beerdigen. Als Zeichen unseres guten Willens, berichtet der Russe, sollten wir präzise um acht Uhr früh aus unseren Gräben klettern. Nur mit Spaten und Schaufeln bewaffnet. Denn wie hier auf den Äckern zwischen Hochfließ, Weidengrund, der Domäne Grünweiden und Schweizertal lägen überall sichtbare Leichen im Niemandsland. Viele dieser Toten, seit Wochen ungeborgen im Schlamm der Felder Ostpreußens liegend, trugen Raureif als weißes Leichenhemd. Zu oft waren im Stellungskrieg derartige Vorstöße von jeder Seite versucht worden. Selbst dann, wenn damit mal ein Angriff gelang, war mit den paar Metern Landgewinn nichts gewonnen. Beim fälligen Gegenangriff wurde alles wieder verloren. Vor allem das Leben derer, die ihn auf "Befehl ihrer Offiziere" ausführen mussten. Der Mensch bedeutete ihnen nichts, weil sie den normalen Menschen nicht kannten.

 

Die Soldaten in der Hauptkampflinie sollten durch nächtliche Stoßtrupps gestärkt werden - auf Befehl ihrer Offiziere, weit vom Schuss und ohne Moral - von Offizieren, die nach ihrer Auszeichnung garantiert zurückkehrten. Die Erfolge solch angeordneter Moral blieben wochenlang sichtbar: Tote!

In der Erde klafften tiefe Wunden, geschlagen von den Granaten beim Angriff. Darin sammelte sich Regenwasser. In denen lagen auch die Toten und Verwundeten, denn Verwundete versuchten im Niemandsland stets, sich in solche Löcher zu retten. Sie krepierten darin. Wer sich im System der Gräben verlief, konnte allzu leicht dort enden, wo andere schon ihr Leben beendet hatten, nämlich im Schusskreis eines gegnerischen Schützen. Es war ein Bild absoluten Grauens. Manche blieben - kaum heraus aus den Gräben - gleich in den Stacheldrähten hängen und verbluteten langsam und wehrlos.

 

Gräben, Schlamm und Leichen

 

 

 

 

 

 

Das Niemandsland zwischen Hochfließ und Domäne  Grünweiden Granattrichter, Schlamm, Baumstümpfe. Ein wüstes Land, von Menschen zur Hölle gemacht. Denn hier auf den Acker lagen deutlich sichtbar überall Leichen im Niemandsland. Hier starben die Illusionen im Feuer und im Schlamm versanken die Parolen. Hier endeten so manche Träume vom Heldentum im Stacheldraht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Foto der Soldaten im Schützengraben. Es stellte sich heraus: "Sie schlafen nicht, sondern sind tot!" Noch nie ist uns Grenadieren der "Wahnsinn" eines Krieges so bewusst geworden wie am Heiligenabend 1944 im Raum Gumbinnen/Ostpreußen. Viele deutsche Soldaten in der Hauptkampflinie hatten die Schnauze voll vom Krieg. Die Gefallenen lagen oft tagelang unbestattet zwischen den Schützengräben und vermoderten im Schlamm vor Hochfließ.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Den Offizieren war es egal. Sie mussten diesen Anblick ja nicht ertragen, bei ihnen roch es nach Gänsebraten und Rheinwein. Sie trugen zwar die Verantwortung aber an der trugen viele von ihnen nicht schwer. Also lehnten sie alle Bitten ihrer Leute um ein paar Stunden Waffenruhe an der Front, um wenigstens die Toten zu begraben, ohne weitere Begründung ab. Sie ignorierten unser Anliegen, uns so vom Anblick der Toten zu befreien. Sie lehnten es tatsächlich ab, endlich die Gefallenen oder deren Überreste unter die Erde zu bringen.

 

 

 

 

 

 

 

"Nur eine Stunde Frieden..."

 

...danach kann jeder wieder in seine Stellung gehen!" Unser Kompaniechef H. Lütz überlegt nicht lange, stimmte zu und verlor deshalb später zur Strafe im Raum Zinten seinen Rang als Offizier, wurde seines Kommandos entbunden und vom Kompanieführer zum einfachen Soldaten degradiert!

 

Dass im deutschen Hauptquartier des 4. FschPzGrenRgt. HG wegen dieses himmlischen Friedens auf Erden die Hölle los war, stimmte uns heiter. Die Herren vom Stab hatten nicht die leiseste Vorahnung, dass so etwas jemals passieren könnte. Auch am Tag und in der nächsten Nacht fiel kein Schuss. Falls wir schießen mussten, sprachen wir ab, es sollte zunächst in die Luft geschossen werden.

 

Zwar ist es wahr, dass es nicht an der gesamten Front Treffen gegeben hat, sondern nur im Raum Hochfließ-Grünweiden. Ich schrieb dennoch am 25. Dezember 1944 in mein Tagebuch: "Es ereignen sich Dinge im Krieg, die glaubt man einfach nicht und auch ich könnte es nicht glauben, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte. Punkt acht Uhr früh haben die Russen ein weißes Tuch hochgehalten und auf russisch gegrölt? Danach verließen die Russen ihre Gräben, unbewaffnet, zwei Offiziere an der Spitze." 

 

Unser Feldwebel H. Völke ermahnte uns, mit keinem über diese Geschichte zu reden, selbst in der Kompanie dürften wir nicht mal mit anderen Soldaten darüber sprechen. (Feldwebel H. Völke fiel, einundzwanzig Jahre alt, am 12. Januar 1945 durch Bauchschuss vor Grünweiden) Wir hatten strikten Befehl, darüber zu schweigen - woran sich aber nicht alle hielten. Drei Tage nach dem Fest wurden alle meine Filme konfisziert, die ich mit den russischen Soldaten geknipst hatte, um ein Bekanntwerden der unerwünschten Verbrüderung zu verhindern.

 

Stillschweigen vor allem, weil die gemeinen Soldaten in der Hauptkampflinie mit ihren Gegnern mehr Gemeinsamkeiten hatten als mit ihren Befehlshabern der Etappe vom 4. FschPzGrenRgt. HG. Die dort in der Etappe gehörten einer bestimmten Klasse an. Wir Soldaten zu einer anderen und entsprechend wurden wir behandelt. 

Hier entstand der Satz oder die Parole "Jeder Vorgesetzte ist dein Feind!"

 

Dieselben Männer, die vor ein paar Stunden noch alles unternommen hatten, um sich gegenseitig zu töten, standen nun zusammen, lachten, schwatzten, rauchten. Danach brachten wir alle Toten, denen zuvor die Soldbücher und die Brieftaschen mit Fotos und Adressen ihrer Familien abgenommen wurden, unter die Erde. Die Habseligkeiten der Gefallenen wurden dem Divisionspfarrer und Gräberoffizier der FschPzGrenDiv. HG übergeben, die dann - per Eintrag ins Regimentsregister - dafür sorgten, dass das mit dem Tod seine Ordnung hatte.

 

Die Waffenruhe kam auch uns sehr gelegen, weil endlich die vielen Leichen verschwanden, die keinen guten Einfluss auf die Kampfmoral hatten, aber auch deshalb, um mit Holz und Weidengeflecht, das in den Versorgungsstellen bereit lag, die vorderen Gräben auszubessern,  ohne von Scharfschützen behindert zu werden. Normaler Wahnsinn brauchte Methoden. Die waren im Prinzip bei allen gleich: 

Grabentiefe zwischen zwei und zweieinhalb Metern. Höchstens anderthalb Meter in der Breite. Im schon erwähnten "Leitfaden des deutschen Infanteristen", diesem ganz besonderen Lesebuch, war jeder Handgriff vorgeschrieben. In die Grabenwände hauten wir in gewissen Abständen dunkle Höhlen ein - Schlaflöcher genannt - in denen zwei bis drei Mann für ein paar Stunden im Sitzen schlafen konnten. Ende November lagen wir im Schlamm, weil der Lehmboden kein Wasser mehr aufnahm.

 

Die spontan verabredete Waffenruhe war den jeweiligen Befehlshabern vorsichtshalber gar nicht erst gemeldet worden, um sich keinen ihrer üblichen Befehle einzuhandeln. Wir bauten auf unser Glück und täuschten bei Bedarf vor, der Krieg fände statt. Als der deutsche Kommandierende General des FschPzKorps, Generalmajor Schmalz mit Generalmajor Walther und Major Stauch zur Inspektion am 27.12.1944 in die vordersten Linien kamen, schien deshalb alles wie im ganz normalen Krieg zu sein. Nein, das war kein Wunder, das war erklärbar. Das Feldtelefon von Hochfließ (Gutshaus Kuntze) zur Hauptkampflinie hatte funktioniert, die Vorwarnung geklappt. Es war genug Zeit geblieben, alles auf Vordermann zu bringen. Die Wachen standen in Hab-Acht-Stellung auf Posten und blickten grimmig entschlossen auf eine vergammelte Steckrübe auf einem Stock, die zuvor für das Wettschießen der Russen über die Grabenbrüstung gehalten wurde.

 

Doch einen Fehler hatten wir Lebensklugen gemacht: Ein Russe war drüben gerade mit dem Spaten auf dem Grabenrand und arbeitete. Wir waren von ihm nicht informiert worden. Nun musste er wohl dran glauben, denn der soeben eingetroffene General befahl einem Landser, den offenbar irrsinnig gewordenen Russen abzuschießen. Genau so lautete die Anweisung. Der mutige Obergefreite Erwin Roock schoss vorbei. "In den Dreck" habe er geschossen, rügte der Kommandeur, doch als nun der Russe auch noch mit dem Spaten winkte, bevor er sich von der Brüstung in seinen Graben begab, glaubte der General nicht mehr an einen Zufall. Es blieb dem Kompanieführer nichts anderes übrig, als seinen Vorgesetzten aufzuklären. Man habe sich, meldete er, mit dem Feinde aber nur darauf geeinigt, die Gräben auszubessern und in dieser Zeit nicht aufeinander zu schießen. Dann würde man morgen umso besser wieder Krieg führen können. Diese Notlüge war ziemlich gut und klang überzeugend.

 

An Weihnachten 1944 lag ich in den Frontgräben und nahm am damals allseits bekannten Waffenstillstand teil. Wir verließen unsere Stellungen und drückten unseren russischen Feinden die Hand. Viele Leute denken ja, wir hätten etwas Unwürdiges getan, uns erniedrigt. Ich will das jetzt hier gar nicht diskutieren. Tatsache ist, dass wir es taten und ich kam damals zu der Einsicht, die sich seitdem eher verfestigt hat, dass kein weiterer Schuss gefallen wäre, falls wir uns selbst überlassen worden wären. Es lag nur daran, dass wir von Anderen kontrolliert wurden und dass wir gezwungen waren, wieder aufeinander zu schießen. So wie ich haben sich auch andere, die das erlebten, in diesen Tagen entschieden, alles Mögliche zu tun, um das Töten zu ändern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Generalmajor Schmalz

Kommandierender General des

Fallschirmpanzerkorps HG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Generalmajor Walter

Kommandeur der

Fallschirm-Panzergrenadier-Division 2 HG

 

Zensur

 

Zensoren waren Polit-Offiziere der 2. FschPzGrenDiv. HG, die das Recht hatten, Briefe zu öffnen. Damit sollte verhindert werden, dass Einzelheiten über die Lage an der Front in falsche Hände gerieten. Aus den Briefen erfuhren die Offiziere von der wahren Stimmung da unten. Andere schrieben sich ihre Zweifel, ihre Verzweiflung in Briefen an ihre Eltern oder Frauen von der Seele. Viele dieser Briefe sind erhalten - im "Militärgeschichtlichen Forschungsamt" in Moskau. Aber sie sind nur deshalb öffentlich zugänglich, weil ihre Verfasser den Krieg nicht überlebten.

Eine Gefechtspause an der Front war noch nicht einmal etwas Ungewöhnliches. Atempausen im Töten gab es immer wieder. Oft auf Zuruf übers Niemandsland hinweg, um die eigenen Verwundeten vor den Stacheldrahtverhauen zu bergen, bevor sie, wie oft geschehen, verreckten und dabei stundenlang schrieen. Diese Abmachungen kannten an den Weihnachtstagen 1944 alle. Auch die Kommandeure!

 

Die Zustände in den Gräben

 

Wir Soldaten konnten unsere Wäsche nicht wechseln, die Socken nicht, die Stiefel nicht ausziehen und der Eigengeruch mischte sich mit dem Schweiß der Angst. Wir standen Wache in der Uniform, wir schliefen mal ein paar Stunden in der Uniform, die Kameraden starben in der Uniform. Dann erst ließen die Läuse von ihnen ab. Und falls ein Soldat auf Wache schlafend erwischt wurde, drohte ihm ein anderer Tod - ein sauberer. Die Urteile der Militärgerichte in solchen Fällen, wie in Groß- Hoppenbruch bei Heiligenbeil 1945, lauteten stets: Tod durch Erschießen - ebenfalls in Uniform.

 

Es gibt, wie immer nacherzählte Geschichten, die  Äußerungen von Veteranen, die weit hinter der Haupt- kampflinie entstanden. Manche Heldensagen begannen in den Latrinen - daher der Begriff "Latrinengerüchte", die es bis in die Geschichtsbücher schafften. Die Wahrheit lag da eher in der Mitte: "Leichen" - Geschichten von ganz normalen Männern, die bis zu hundert Tage in der vordersten Linie ausharren mussten, gibt es dagegen nicht. Aus eigener Erfahrung gibt oder gab es nur anständige oder gnadenlos grausame Menschen bei allen Völkern und in allen Armeen. Niemand, der seine Schrecken in der Hauptkampflinie überlebt hat, ist ohne Schaden davongekommen. Die Erinnerung an das unsagbare Grauen von 1945 in Ostpreußen, das Menschen an anderen Menschen schuldig gemacht hat, weil man sie zwang, an einem unmenschlichen Geschehen teilzuhaben, daran haben die Menschen Schaden genommen.

 

Und wieder passierte eine jener unglaublichen kleinen Geschichten. Ich ging als Essenhohler in der Nacht von der HKL zur Feldküche ins Schulgebäude von Hochfließ, hier waren drei russische Mädchen. So gab es ständig heißen Kaffee, oder das, was man so nannte. 

 

Auf dem Rückweg zur Hauptkampflinie fand ich bei der Villa Kuntze ein weggeworfenes Fahrrad und konnte so schneller zur HKL kommen, bis ich mich plötzlich zwei Feldgendarmen mit Maschinenpistolen im Anschlag gegenübersah. 

 

 

Der eine Offizier schnauzte mich an: "Werfen Sie das Fahrrad und die Tasche weg. Schnappen Sie sich ein Gewehr und machen Sie, dass Sie nach vorne kommen! Richtung Front"! Ich war versucht zu sagen: "Wo bitte ist denn die Front", verkniff mir aber die Bemerkung und sagte: "Ich bin Essenhohler! Dafür brauche ich das Fahrrad!" Die Antwort des ranghöheren "Kettenhundes" kam knapp und präzise: "Machen Sie schon oder es knallt!" Mich überkamen Mordgelüste. Ich sah aber keine Chance, etwas anderes zu tun als das, was mir befohlen wurde. So wurde ich wieder Essenhohler und Infanterist. Es war das Szenario eines schaurigen Zusammentreffens jenseits der Vorstellungskraft derer, die es nicht erlebt haben! Ich war noch einmal davongekommen. Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich lief über ein sumpfiges Gelände an einem Wassergraben entlang. 

Von links schossen russische Panzer T-34 auf mich. Von rechts kamen russische Soldaten auf mich zu. Ich erwachte schweißgebadet, die Traumbilder noch intensiv vor meinen Augen. Wochen später sollte sich das Geschehen bei meiner Gefangennahme zwischen Groß Hoppenbruch und Balga fast genau so abspielen.

 

Ein anderes, weit schlimmeres Erlebnis hatte ich wenige Tage darauf. Wir mussten in der Nacht den Kontakt zu unserer Nachbarkompanie zur Rechten bei Schweizertal Husarenberg - der Zehnten - herstellen. Vorsichtig gingen wir zu Vieren mit schussbereiten Waffen bei dunstigem Wetter nach Süden. Als wir in einer Senke auf sechs nahe beieinander liegende Tote im Schnee trafen. Alle waren bestialisch zugerichtet !!!

 


Krieg macht wahnsinnig

 

Helden wurden in all den vielen Kriegen geehrt. Wer sich mutig der Kugel des Feindes entgegenwarf, wurde von der Obrigkeit gefeiert. Die "Helden" aber - sie gaben keine Einzelheiten vom alltäglichen Gemetzel an der Front preis. Sie vermieden Beschreibungen des ihnen so alltäglich gewordenen Horrors. Darüber sprachen die Frontkämpfer nicht mal bei ihren Veteranentreffen, geschweige denn in ihrem nach der Heimkehr fremd gewordenen Alltag. So etwas Schreckliches wie der Stellungskrieg sprengt jede Vorstellungskraft.

 

Das hatten selbst diejenigen kaum begreifen können, die ihn erlebten. In den zensierten Briefen hätte man allenfalls ein paar Andeutungen über die Wirklichkeit entnehmen können. Vom Weihnachtsfrieden 1944 hätten alle erzählen können, denn diese Geschichte war eine menschliche Geschichte, die aber war nur durch das Grauen davor erklärbar. Also blieb auch sie tabu... - eine Anekdote, wie erfunden als Beleg für eine spezifisch deutsche Variante des schwarzen Humors. Ob sie stimmt, ist schon egal, sie passt einfach. Die folgende dagegen ist nicht ganz so witzig, aber sie stimmt ebenfalls. Noch nie ist uns der "Wahnsinn eines Krieges" so bewusst geworden wie in dieser Heiligen Nacht 1944. Ich berichte sechzig Jahre später darüber.

 

Obergefreiter Meusel aus Parchim schleppt am Heiligen Abend aus einem Depot in Ohldorf den für ihn und seine Kameraden bestimmten Christbaum, zirka achtzig Zentimeter hoch, fertig geschmückt und mit Kerzen bestückt, in den vordersten Schützengraben, vorbei an Hochfließ, wo sich die achte Kompanie eingegraben hatte. In der Frontlinie rechts davon liegt der Ort Schweizertal oder was davon außer Ruinen noch übrig ist. Der Tannenbaum musste nur noch im passenden Moment angezündet werden. Im offiziellen Regimentstagebuch (4. Regiment) wird lapidar vermeldet, bei den meisten Kompanien hätten "mit stimmungsvollen Tannenbäumen in der HKL Weihnachtsfeiern stattgefunden"

Solche Einträge sind typisch dafür, wie die Geschichte vom Weihnachtsfrieden in deutschen Aufzeichnungen behandelt wurde: mit Totschweigen, oder wenigstens mit Kleinreden. Keine Rede davon, wo und mit wem wir außerdem feierten.

 

 

In der langen Heiligen Nacht fiel nämlich an diesem Frontabschnitt kein Schuss. Am Heiligen Abend saßen wir bereits zur Mittagszeit in unseren Gräben und lasen die Briefe von zu Hause. Die Post funktionierte immer gut. Wichtiger als Briefe waren Pakete aus der Heimat. Ganz private, die den Soldaten von ihren Familien an die Front geschickt wurden. Gerade am ersten Kriegsweihnachtstag war das ein Zeichen der Verbundenheit mit der kämpfenden Truppe. Weihnachten in Ostpreußen in engster Fühlung mit dem Russen. Solche Weihnachten wird uns allen unvergesslich bleiben. 

 

Ausdrücklich zitiert der Regimentstagesbefehl zwei Tage zuvor, "...die Kompanien in der Hauptkampflinie sind eindringlich darauf hinzuweisen, dass sich nach Agentennachrichten unsere Feinde viel Erfolg versprechen, wenn sie uns in der Weihnachtszeit angreifen. Die Russen glauben, dass wir diese Zeit auch im Kriege besonders feiern und unsere Mannschaft dadurch nicht wachsam bleibt. Nach glücklicher Erfüllung unserer Aufgabe wollen wir dann ein fröhliches Weihnachtsfest feiern, in der Etappe!" (Tagesbefehl vom 23. Dezember 1944)

 

Solche Leckt-uns-doch-am-Arsch-Befehle wurden nicht in die Tat umgesetzt. Es gab übrigens Offiziere, die sehr wohl merkten, was ihnen da vorgespielt wurde, aber sie spielten mit. Die Taktik half wenigstens allen, Weihnachten zu überleben. Man soll keine schlafende Hunde in den Generalstäben wecken. Solange sie Schüsse hören, schöpfen sie keinen Verdacht.

 

Die Erklärung lag nahe: Es war nicht unser Krieg und das haben wir gemerkt. Er ist uns eingeredet und eingebläut worden. Unsere Begeisterung war längst gestorben. Unsere Illusionen waren im Schlamm erstickt. Wir lebten und wir starben in Ruf- und Sichtweite, diese Nähe verbindet. Die einfachen Soldaten schienen an Weihnachten 1944 überraschend begriffen zu haben, dass diejenigen, die ihnen zu schießen befehlen, selten unter den Toten und Verkrüppelten sind. Denn die Beobachter standen auf einem sicheren Posten und erlebten von dort aus einen Gegenstoß live - wie bei einem Manöver. Der Angriff auf Weidengrund, der ihnen vorgeführt wurde, kostete zwölf deutschen Soldaten das Leben, die in den sicheren Tod marschiert waren. (28. Dezember 1944 - 20.00 Uhr)

 

Die Männer in der Hauptkampflinie der Front wussten noch nicht, was inzwischen da hinten in der Etappe unternommen wurde, um die da vorne wieder auf Vordermann zu bringen. Die Leitungen der Feldtelefone waren oft gestört. Meldegänger haben heute Besseres vor. Deshalb ging es im Laufe des Vormittags nach Absprachen untereinander so weiter, wie es gestern Nachmittag aufgehört hatte, mit zwölf Beerdigungen (29. Dezember 1944).

 

Wir hatten es bei Tageslicht nicht überall geschafft, alle Gefallenen unter die Erde zu bringen. Da, wo es nicht gelungen war, hatten wir uns diese Pflicht für den nächsten Tag auferlegt und es dauerte fast vier Stunden, bis wir damit fertig waren, denn der Boden war hart.

 

Gegen Abend des 29. Dezember 1944 fing es an, etwas zu schneien. Der Schnee verwandelte sich aber bald in Regen mit Eiskristallen. Um 18.00 Uhr gingen wir wieder nach vorne in den Schützengraben. Es wurde immer noch nicht geschossen. Wir bauten noch tüchtig an den Unterständen, Drahtverhauen und Schützengräben. 

 

Am 29. Dezember 1944 um 20.00 Uhr wurden wir von einer anderen Kompanie für 24 Stunden abgelöst, sie hatten zwar von den Verbrüderungen erfahren, aber das waren für sie nur Anekdoten. Sie hatten das Wunder nicht am eigenen Leib erlebt. So blieb es ohne Wirkung auf ihr Verhalten. Die neuen Grenadiere müssen gezwungenermaßen in ihren Stellungen bleiben, weil die russische Artillerie wieder begonnen hatte, das Gelände von Grünweiden bis Hochfließ zu bestreichen, die wussten nichts vom weihnachtlichen Frieden hier in der Hauptkampflinie. Aus den jeweiligen Nestern im Gutshof der Domäne Grünweiden fiel kein tödlicher Schuss. Vor deren Kugeln brauchte heute keiner Angst zu haben, nur vor Granaten und Mörsern.

 

Vorne in der HKL, der Hauptkampflinie, krochen unsere braven Sanitäter oft mitten im Feuer der feindlichen Maschinengewehre und Geschütze hinaus, um ihre verwundeten Kameraden zu bergen. Oftmals mussten sie auch Verwundete aus den Minefeldern, in die sie geraten waren, herausholen. Das war dann immer ein regelrechtes Himmelfahrtskommando. Für Dr. Erwin König, Stabsarzt (Hauptmann), verheiratet, ein Kind, waren es die letzten Aktionen. Er fiel, und man kann sogar vermuten, dass er starb, während er seine Berichte und Erlebnisse im Unterstand der Hauptkampflinie aufschrieb, denn seine Eintragungen hörten mitten im Satz auf. Er bekam kein eigenes Grab, niemand weiß, wo er verscharrt wurde. 

 

Ich habe noch im Graben fotografiert, ich dokumentierte die Ereignisse, doch die dabei entstandenen Aufnahmen wurden beschlagnahmt. Erst wenn ein Zensor vom Kriegspresseamt per Stempel auf der Rückseite sein Plazet gegeben hatte, war ein Foto freigegeben. Deshalb wurden nur lebende deutsche Helden an der Front gezeigt. Der tatsächliche Tod im Dreck, die zerfetzten Glieder, die Leichen im Niemandsland blieben unter Verschluss. Solche Fotos hätten die Kriegsbegeisterung dämpfen können. Wer sich nicht daran hielt wurde bestraft. Von A wie Anschiss bis Z wie Zuchthaus.

 

 

 

Ein lustiger Sylvesterabend

 

 

Die Sylvesternacht 1944/45 verbrachten wir Offiziere des Stabes Ib/2HG in froher und ausgelassener Stimmung. Die "Soiree" fand nach dem Motto: "Das Leben hat uns Offiziere noch immer" im großen Salon des Herrenhauses des Gutes Rotgänger in Nemmersdorf statt. An diesen Abend feierte das Offizierskorps des Ib-Stabes 2 HG gleichzeitig die Hochzeit von Leutnant Kamenicky. (Ferntrauung) Die Instandsetzungskompanie hatte ihm aus einer 8,8-cm-Panzerkartusche eine Messingschale getrieben, mit der Widmung: "Ib/Staffel FschPzGrenDiv. 2. HG" . Nach einem Steh-Aperitif servierten uns Ordonanzen das Festessen: Es gab Kraftbrühe, Rindfleisch mit Kartoffeln und als Nachspeise Götterspeise. Dann kredenzte der Feldintendant Oberfeldwebel Sieme mit Stolz seinen ersten selbsterzeugten "Schnaps", den er in der Schnapsbrennerei des Gutes Rotgänger aus den angefaulten Kartoffeln gewonnen hatte. Das war ein ganz fürchterlicher, hochprozentiger Alkoholfusel. Zwei Gläser davon setzten alle Offiziere für den ganzen Neujahrstag außer Gefecht.

 

(Bericht von Ib des 4. FschPzGrenRgt. HG  Marwan-Schlosser)

 

 

Sylvesterabend in der Hauptkampflinie

 

In der Sylvesternacht starrten wir zum Russen rüber, hier und da erleuchtet für einige Sekunden von einer russischen Leuchtkugel. Der Russe schießt vereinzelte MG-Garben mit Leuchtspur herüber in Richtung Hochfließ. Ansonsten trommelt der Regen auf die Zeltplane.

 

Etwa zwei mal zwei Meter ist die Erdhöhle in der wir abwechselnd auf dem blanken Erdboden schlafen - nass, verfroren, mit Lehm und Schmutz beklebt. Gewaschen und rasiert hat sich noch keiner, so lange wir hier im Graben sind. Aber wir schlafen, weil unser Körper unerbittlich sein Recht fordert. Eine Verschalung der Wände oder eine Absteifung der Decke gibt es hier nicht. Woher sollte man sie nehmen? Bäume sind nicht da, und die paar Bretter, die man gefunden hatte, sind längst verheizt. Sogar die Handgranatenstiele mussten schon als Brennholz dienen, um wenigstens mal einen Schluck Tee warm machen zu können.

 

Woran ließe sich in der Sylvesternacht denken? An zu Hause? An Frieden oder, dass es in einigen Stunden wieder Tag wird und es am Abend wieder eine eiskalte, dicke Erbensuppe gibt mit einer schönen Schneeschicht obendrauf, die der Schneeregen besonders appetitlich gemacht hatte, oder dass dieser Krieg zu Ende gehen möge, irgendwann? Wie und wann und mit welchen Folgen es geschehen wird und dass man nicht weiß, ob man dann selbst noch am Leben ist, zum Krüppel geschossen oder halbwegs unversehrt? Man kann es sich in dieser Sylvesternacht 1944-45 nicht vorstellen.

 

Erinnerungen von Karl-Heinz Schmeelke

 

  Führung der FschPzGrenRgt. HG

 

 

 

 

 

Auf dem Weg nach Hochfließ

 

In diesen Januartagen verlor man den Sinn für die Zeit. Minuten vergingen wie Stunden. Man wusste nicht mehr, der wievielte Tag es im Monat war, man empfand nur noch den Unterschied zwischen Tag und Nacht. Man kann nicht dauernd in der Wachsamkeit des Alarmzustandes verharren, auch nicht, wenn es dabei um das eigene Leben geht.

 

Gegen die eisige Kälte konnte man kaum etwas unternehmen. Lediglich als Meldegänger oder Essenhohler hatte man die Chance, sich im vom Russen nicht einsehbaren Dorf Hochfließ hinter der Front, in dem unser Koch mit zwei 19- bzw. 20-jährigen russischen Mädchen die Feldküche betrieb, ein paar Stunden aufzuwärmen. Den etwa zwei Kilometer weiten Weg dorthin konnte man nur nach Einbruch der Dunkelheit oder bei Schneetreiben gehen. Man musste mit Scharfschützen jenseits des Flusses Rominte rechnen, außerdem schoss die sowjetische Artillerie sehr genau und nahm tagsüber jeden einzelnen Mann aufs Korn, der auf der schneehellen Fläche gut auszumachen war. Besonders gefürchtet war die von uns getaufte "Rasch-Bumm", eine 7,6-cm-Panzer-Abwehr-Kanone mit hoher Durchschlagskraft. Ihre Granaten explodierten, bevor man den Abschuss hörte, man hatte also keine Chance, rechtzeitig Deckung zu suchen.

 

Mich beschäftigte zunächst die Frage, warum mich der Russe dermaßen mit seinen Granaten eindeckte? Die Antwort musste irgendwie in Zusammenhang mit der Tatsache stehen, dass im Bereich des Dorfes Hochfließ kein deutscher Soldat zu sehen war; womöglich war ein russischer Artillerie-Beobachter in der Gegend? Das hätte so sein können. Kein Laut war weit und breit zu hören, alles bot ein Bild tiefen Friedens. Einige Häuser waren zerstört, einige davon durch Brände - wie die Villa Kuntze - und man sah andere, von Artilleriegranaten zerschossen. Ich war etwas erstaunt, dass in dem Dorf niemand zu sehen war. Man konnte erkennen, dass die Häuser fluchtartig verlassen worden waren, überall lag noch Hausrat herum, Stühle, Tische, zerbrochenes Geschirr. Offenbar hatten weder Freund noch Feind das geringste Interesse an dem Dorf.

 

Das Essenholen gehörte zu meinen ständigen Pflichten und diese Aufgabe übernahm ich gerne. Da die knappe Verpflegung nach wie vor nur aus Kohl, pappigem Brot und einer undefinierbaren Wurst bestand, war ich um eine Aufbesserung bemüht, wo sich dazu eine Chance bot. Diese Situation hatte einen erfreulichen Vorteil. Unser Koch, ein Unteroffizier, der sich sonst gerne in sicherer Entfernung von der eigentlichen Front aufhielt, musste sich mit der Feldküche im Schulgebäude im Zentrum von Hochfließ aufhalten, so gab es ständig heißen Kaffee - oder das, was man so nannte. Im Klassenzimmer stand ein rot glühender Kanonenofen der für eine regelrechte Saunahitze sorgte. Er selbst machte kaum einen Handschlag, dazu hatte er zwei russische Frauen.

 

Auch in Ostpreußen befanden sich wiederholt Spione, insbesondere russische Frauen, die in den Häusern der Stäbe und rückwärtigen Einheiten tätig waren und selbst höhere Offiziere mit deren Vornamen ansprachen. Sie waren Quellen des Verrates.

 

Unsere Feldküche im Schulgebäude von Hochfließ hatte also zwei russische Mädchen. Eine davon, hieß Luba Bobir und stammte aus der Ukraine. Die Köchin, hieß Katjuschka (Katarina) Wilschenska und kam aus Mapisewka bei Kiew. Ich beneidete sie, denn sie hatten es weitaus besser als wir in der Hauptkampflinie. Katjuschka kannte mich als obligatorischen Essenholer unserer Gruppe ganz gut. Sie reichte mir immer einen vollen Feldbecher mit "Tschai". Das Getränk war undefinierbar wie immer, aber es war heiß. Die beiden grinsten mich treuherzig an, und Luba sagte, "Nix russki Soldatt, germanski Solldat, otschin karaschow".

Irgendwie kam ich mit Katjuschka ins Gespräch. Sie war Lehrerin in Kiew und sprach ein gutes Deutsch. Wir unterhielten uns fast die ganze Nacht über dies und jenes, dabei hörte ich zum ersten Mal einen Satz, mit dem die Russen ihr Urteil über die deutschen Eindringlinge kurz und bündig zusammenzufassen pflegten: "Germanski nix kultura". Katjuschka sprach sehr freimütig über die deutsche Besetzung, und vom "Großen Vaterländischen Krieg", hier in Hochfließ

 

 

 

Sie war eine Patriotin und hatte als solche nach ihrem Empfinden jedes moralische Recht auf ihrer Seite. Meine Beteuerung, wir Deutschen wollten Russland vom Kommunismus befreien, löste bei ihr schlimmstenfalls milden Spott aus. Sie war in ihrer Haltung selbstsicherer als ich und das machte nachdenklich! Schließlich kramte ich aus meiner Brusttasche Papier und Bleistift hervor und begann zu schreiben, eng und mit kleiner Schrift. Langsam und sorgfältig, Papier war eine Kostbarkeit. Ich schrieb alles auf, was die drei damals 19-jährigen Ukrainerinnen, Katarina Wilschensko - Luba Bobir - Nadin Palaperschka - alle drei aus Kiew, in dieser Nacht in der Schule erzählten.

 

Nadin Palaperschka, geb. 13. II. 1927. Gebutsort: Salitja, Kreis: Kiew. Ukraine erzählte:

"Meine ältere Schwester, sie hatte zwei kleine Kinder, wurde von der deutschen Polizeitruppe in Kiew gefangen und auf ein Lastauto geworfen. Die zwei kleinen Kinder blieben zurück. Ich, Nadin, ging dann für meine Schwester nach Deutschland und so konnte meine Schwester in Kiew bleiben. Wir wurden dann in geschlossenen Viehwaggons - ohne Wasser und ohne Verpflegung - über den Bahnhof Kiew/Nord in Richtung Deutschland, genauer - nach Königsberg in Ostpreußen gefahren. Die Fahrt dauerte ca. drei Wochen(?). In Erinnerung blieb uns das Schicksal einer Russin, die im Waggon ununterbrochen schrie und sich vor Verzweiflung die Haare ausriss. Sie wurde ebenfalls in Kiew beim Kauf von Kinderschuhen auf ein Lastauto gezerrt und zum Bahnhof abtransportiert. Ihre vier Kinder blieben zurück. Die Frau überstand die Strapazen nicht, verstarb im Viehwaggon und wurde auf freier Strecke einfach rausgeworfen!

 

Da war viel Angst und Verzweiflung, aber wir haben das auch überstanden und sind seelisch nicht verbittert. Wir Ukrainerinnen haben immer Hoffnung gehabt, weil man ohne Hoffnung nicht leben kann, sogar dann, wenn es keine Hoffnung mehr gibt. Hier in Königsberg kamen wir in ein Lager an der Cranzer-Allee. Die Wachmänner im Lager sagten zu uns, wir sollen nicht mehr fragen, nach Hause käme eh keiner mehr! Wir sind in einem fremden Land, aber immer mit etwas Hoffnung."

 

Katarina Wilschenska, geb: -? ? -1926 Heimatort: Mapisewka, Kreis: Kiew erzählte weiter:

"Wir Ukrainerinnen mussten uns unterordnen und anpassen. Wir hatten in Ostpreußen als Untermenschen keine Endscheidungsfreiheit über unsere Lebensbedingungen. Bei der Arbeit wurde voller Einsatz verlangt und erwartet, aber auch anerkannt und honoriert. Jeden Tag ging es in Kolonnen und unter Bewachung durch die Stadt Königsberg zum jeweiligen Arbeitseinsatz. Nach zwölf Stunden mussten wir wieder zurück ins Lager. Wir Frauen waren in Gefangenschaft und wir fühlten uns auch als sowjetische Gefangene. Wir waren irgendwo angekommen, kannten aber weder den Ort, noch die Sprache!

 

Wir mussten für alles bezahlen, für das Lager, den Stacheldraht und für die Wachmänner. Sie waren allesamt menschliche Schweine. Im Lager mussten wir Frauen uns zur Kontrolle ganz ausziehen. Das war vor dem Wachpersonal unangenehm. Die oft zerrissene Kleidung bestätigte den Deutschen, die von unserem Schicksal nichts wussten, die NS-Theorie von Russen und Ukrainerinnen als "Untermenschen". In Ostpreußen wurde der Ausländereinsatz während der Kriegszeit fast gänzlich ausgeklammert. Der Arbeitseinsatz begann mit der Ankunft am Einsatzort. Zu den traumatischen Erlebnissen der Deportation gehörte das Durchgangslager mit den vielfältigen Aufgaben bei der Verteilung der Arbeitskräfte, das Krankensammellager und das Entbindungs- und Sterbelager bei Brandenburg am Haff. Angaben über die in Raum Königsberg geborenen ausländischen Kinder oder Todesursachen verstorbener Ausländer gab es nicht."

 

Katerina erzählte weiter: (6. Januar 1945)

Zitat: § 1 - Ostarbeiter sind Arbeitskräfte nichtdeutscher Volkszugehörigkeit, die im Reichskommissariat Ukraine erfasst und nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht in das Deutsche Reich gebracht und hier eingesetzt werden. Aus rassistischen Gründen gibt es keine Freizügigkeit und keine medizinische Versorgung. - § 1 der Ostarbeiterinnen.

 

Luba Bobir geb: 15.02.1923 in Werenja Heimatort: Werenja, Kreis: Obuchow.

Luba Bobir - 21 Jahre. Sie gibt uns vieren einen Trinkbecher Tee - herrlich heißen Tee, der den Mut und die Zuversicht aufmöbelt und die Gemüter belebt. Und es gibt noch eine Überraschung, von der man schlecht sagen kann, ob sie mehr wert war als heißer Tee. Luba trägt auf einmal das Haar lang und offen sichtbar. Noch geht sie ohne den dicken Rock herum und lässt das schöne Haar über die Schulter wallen. Ich vergesse das Kauen und starre die Verwandlung an als Luba mit der leer gewordenen Teekanne vorbeigeht. Luba erzählt: "Ich bin eine Ukrainerin und eine Patriotin und habe jedes Recht auf meiner Seite. Wir werden unsere Dokumente, Arbeitsbuch und unsere Fotos - es handelt sich ausschließlich um unser Eigentum - zur Aufbewahrung mitgeben, bis zum Treffen am Kriegsende in Gumbinnen. Die Geschichten, die wir drei erzählt haben, ist hart, aber wahr. Man darf nicht nur das Schreckliche sehen, denn es gibt immer eine Hoffnung."

 

 

 

 

 

 

Die Nacht der Sinnlichkeit

 

Nach diesen Bericht von Nadine, Katarina und Luba war meine Stimmung auf dem Nullpunkt. Ich konnte es nicht glauben! Dann die Inszenierung der Weihnachts- geschichte, der Zorn der Offiziere usw.. Ich hätte in der Verfassung, in der ich mich am 6. Januar 1945 befand, ohne Überlegung einen Arm oder ein Bein geopfert, um der Misere hier in Ostpreußen zu entkommen. Allmählich wurde es endgültig ruhig, die Anspannung ließ nach, ich saß mit beiden russischen Mädchen recht bequem im Schulhaus Hochfließ und fand eine Stelle, um meinen Kopf bei Katarina anzulehnen. Katarina nahm ihr Kopftuch ab, einen flüchtigen Augenblick lang kam es mir so vor, als wären wir drei allein auf der Welt. Die beiden Frauen wetteiferten jedoch nicht miteinander, so wie dies zu erwarten gewesen wäre. 

Nun war der Bann gebrochen. Luba begann ihr Jackett aufzuknöpfen, denn es war sehr warm hier drinnen. Der rot glühende Kanonenofen sorgte für eine regelrechte Saunahitze. Katarina zog auch die Jacke aus und hängte sie über die Lehne der Schulbank. Hätte sie das bloß nicht getan. Ich starrte ihre Brüste an, die sich unter der dünnen Bluse abzeichneten. Unruhig rutschten sie beide auf ihrem Stuhl herum, eine Bewegung, die die Röte in ihren Wangen verstärkte. Ihr Lächeln wirkte etwas unsicher aber ihre Stimme klang ruhig und beherrscht. Wenig später verließen beide das Schulzimmer, unter dem eng anliegenden langen Rock schwangen ihre Hüften verlockend und es war unmöglich, den üppigen Busen zu ignorieren, um den sich die taillierte Bluse schmiegte.

 

Was, zum Teufel, sollte ich tun? Die Zähne zusammen- beißend zwang ich mich, meinen Blick von diesen vollen Brüsten anzuwenden, die sich bei jedem Schritt deutlich abzeichneten. Verwirrt blicke ich auf. Mit einer Kornflasche in der Hand standen Katarina und Luba jetzt vor mir und ihr freundliches Lächeln rührte mich beinahe zu Tränen. Dann stellte sie vier Gläser auf einem kleinen Tisch. Warum vier Gläser? Sie brauchte ziemlich lang, um die Flasche zu öffnen. Erst als sich die Gläser füllten, begannen sie wieder auf russisch zu sprechen, und ich fühlte mich hoffnungslos nüchtern, während beide ziemlich beschwipst aussahen.

 

Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich müsse die verlorene Zeit als Soldat in der Hauptkampflinie nachholen, und leistete mir hier einen Luxus, den es sonst hinter der Front nicht gab. Und weil beide so leise sprachen, wusste ich nicht, ob sie das ernst meinten oder nur scherzten. Gleich wird's warm, versprach Luba und legte fünf Holzscheite in die schwellende Asche. "Wir haben genug Brennholz, um einen Ochsen zu braten", meinte Katarina. Ich genieße die Situation in vollen Zügen - um die Konsequenzen habe ich mich nie gekümmert. "Solange die Tür verriegelt ist, gibt's keine Probleme", meinte Katarina belustigt.

 

In einer hochherzigen Geste breitete Katarina die Arme aus, legte ihre Wangen an meine Brust und begann zu weinen. "Bitte, keine Tränen", flüsterte ich und streichelte ihren Rücken. Dann berühren meine Lippen ihre Stirn. Danach zog sie meinen Kopf zu sich hinab und bedeckte mein Gesicht mit Küssen zum Zeichen meiner Dankbarkeit, wie sie meinte. "Und jetzt brauchen wir ein Handtuch", sprach Katarina, entschuldige sich für eine Minute. Der Service war beträchtlich, er wurde von beiden jungen Frauen ausgeübt und umfasste nicht nur eine zweifache gründliche Rasur, sondern danach eine wohltuende heiße Gesichtskompresse. Eine ähnliche perfekte Behandlung von zarter Hand habe ich anderswo nie wieder von einer Frau erfahren.

 

Nur zur Sicherheit warf ich einen Blick zur Tür, und vergewisserte mich, dass Katarina den Türriegel vorgeschoben hatte, denn Hochfließ lag ca. 600 Meter hinter der Hauptkampflinie. Dann sprach Katarina, sie wolle mich rasieren! Auf einmal merkte ich, wie sehr sie sich nach Zärtlichkeit sehnte. Fürsorglich tätschelte Katarina mein Knie. Zum Glück ließ sich der Koch, ein Unteroffizier, nicht blicken, sonst wären wir drei in flagranti ertappt worden. (Verbot für Wehrmachtsangehörigen für private und sexuelle Kontakte mit russischen Mädchen, sie waren nicht generell verboten, sondern unerwünscht. Fast jeder Offizier hinter der Front in der Etappe, weit vom Schuss, hatte allerdings eine Frau aus dem Memelland).

 

Offenbar sind Katarina und Luba sehr eng befreundet. Kennen sich schon lange, seit der Kindheit in Kiew. "Genießen wir wenigstens die Nacht", bat Luba leise. So könnte Eva im Paradies gesprochen haben, dachte ich, und sagte "die Reinheit einer Frau schüchtert mich ein." - "Dann werden wir uns bemühen, nicht ganz so rein zu erscheinen." - "Also gut", stimmte ich zu, was konnte uns schon passieren. Der Krieg findet hier nicht statt und deshalb wollen wir uns nicht länger zieren! Zudem vertraten sie den Standpunkt, jeder Mensch müsse sein Leben selbst gestalten.

 

Die gemeinsame Zeit in Hochfließ war in der Nacht des 6. Januar 1945 begrenzt und ich wollte sie nicht mit sinnlosen Diskussionen vergeuden. Sehsüchtig betrachtete ich die halbnackten wohlgeformten Körper beider Mädchen, nur mühsam widerstand ich der Versuchung. "Willst du nicht zu mir kommen?", fragte Katarina. Ihr Lächeln war unwiderstehlich. "Lieber nicht" erwiderte ich, und es kostete meine ganze Willenskraft, standhaft zu bleiben. "Sind wir nicht ein fabelhaftes Paar?", hauchte sie und zog mich zu sich heran. Ihr glühender Blick schien meine Augen zu durchbohren, und ich genieße die Situation in vollen Zügen. Als ich sie losließ, seufzte sie enttäuscht. Aber ich hauchte einen Kuss auf ihren Mund und drückte sie in die Kissen zurück.

 

Geschickt knöpfte ich die Bluse auf und streifte sie über ihre Arme nach unten. Dann umfasste ich ihre Hände und hielt sie fest, bis die Bluse an ihren Fingern hinabglitt. Katarina sagte, "Erst bin ich dran". Luba musterte ihre Freundin Katarina durch ihre gesenkte Wimpern. Irgendwie wusste ich, dass die zwei rücksichtsvoll und freundlich waren. Dramatisch breitete Luba die Arme aus. "Waren wir nicht stets gute Freundinnen?" - "Eigentlich finde ich die Szenerie in unserer unmittelbaren Umgebung sehr angenehm", gestand Luba und schaute zum Bett hinüber. "In diesem warmen, gemütlichen Bett könnten wir drei einige Stunden ...? - Am liebsten würde ich für immer mit Katarina und Luba in diesem Bett liegen", dachte ich. Beide Herzen schlugen schneller und sie lächelten verträumt, ihren Gefühlen hilflos ausgeliefert, in meinen Armen. Mein Blick glitt zu ihren Gesichtern. "Hallo" - "Oh, jetzt bin ich auf die Erde zurückgekehrt", flüsterte Katarina zufrieden. Solche Momente gibt's nun mal. "Endlich weiß ich, warum Nadin tut was sie tut". Lubas Flüstern klang heiser vor Sehnsucht, ihre Finger gruben sich in meinen Rücken.

 

 

 

 

Kurz danach betrat Nadin Palaperschka die Dorfschule. Erleichtert öffnete sie die Zimmertür und blieb wie erstarrt auf der Schwelle stehen. Ihre beste Freundin Luba Bobir umklammerte einen dunkelhaarigen Mann, die Beine um seine Hüfte geschlungen, den Rock bis zu den Schenkeln hochgeschoben, während er sie gegen den Schrank stemmte. Von der Taille aufwärts war er nackt. Seine Uniform lag zu seinen Füßen. Nachdenklich betrachtete Nadin die am Boden liegende Unterwäsche oder sie suchte irgendetwas Verführerisches. Sie überlegte flüchtig, wer die letzten Stunden wohl mit wem verbracht haben mochte. 

 

Als Nadin sich in der Tür rührte, schrie ihre Freundin Luba leise auf. Mitten in der Bewegung hielt ich inne und blickte zur Tür. Verlegenheit trieb ihr das Blut in die Wangen, Nadin spähte den Flur entlang, in beide Richtungen. Zum Glück ließ sich niemand blicken, bis endlich die erlösende Stille einkehrte, aber nur kurzfristig. Schon nach wenigen Minuten huschte Luba ins Zimmer von Nadin, lehnte sich an die Tür und schenkte Ihrer Freundin ein glückliches Lächeln. "Ich wollte dir nur sagen, dass ich soeben ins Paradies entführt wurde und du brauchst dich nicht zu entschuldigen, weil du hereingeplatzt bist. Du hast uns den Spaß nicht verdorben." Außerdem erforderte eine verbotene Affäre einen besonderen Duft, und so besprühte sie gewisse Körperstellen mit Parfüm.

 

Wenig später verließ Nadin unser Zimmer in der Schule und ging zurück zum Gutshof Kuntze. Hier lag der III. Zug der San.-Kompanie vom 4. Regiment HG, etwa 600 Meter hinter der Front. Die deutschen Sanitäter, die russischen Mädchen und die Hiwis hatten ein denkbar gutes Verhältnis zueinander. Die russischen Hilfswilligen trugen vorwiegend noch ihre sowjetische Uniformen und das 600 Meter hinter der Hauptkampflinie. Hier traf man keinen Offizier aus der Etappe, denn schlafende Hunde in den Gefechtsstäben sollte man nicht wecken. Die Russen waren geschickt, ehrlich, zufrieden und oft von einer rührenden Dankbarkeit für jede Anerkennung. Sie alle hielten uns die Treue bis zuletzt im Raum Zinten - Heiligenbeil. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Soweit sie nach Kriegsende in sowjetische Hände fielen, waren ihnen Liquidierung, zumindest aber Straflager und Zwangsarbeit in Sibirien sicher.

 

Irgendjemand, mein Kompanie-Führer Leutnant H. Lütz aus dem Sauerland, wenn nicht sogar der Spieß, Hauptfeldwebel Schütz (er war der Kompanie- schreck von Gumbinnen bis zur Hauptkampflinie bei Hochfließ) wollten mir offenbar etwas Gutes tun. Ich wurde am Dienstag den 2. Januar 1945 als Essenhohler abkommandiert. Meine Aufgabe erledigte ich, wenn es dunkel wurde. Und so konnte ich die Nächte in der Schule Hochfließ am Weg nach nach Alt Grünwalde / Weidengrund verbringen. Das brachte mir einen unverhofften Vorteil. Zwischen Weihnachten und dem 11. Januar 1945 fiel kein Schuss, das Weihnachtswunder! (Waffenruhe) Wenn einst die Geschichte des Krieges aufgeschrieben werden sollte, würde diese unglaubliche Episode ganz bestimmt zu den Geschichten zählen. Sie wird sicherlich als eine der größten Überraschungen des Krieges in Erinnerung bleiben.

 

 

Nadin Palaperschka im Jahr 2002

 

Es gelang mir, Nadin Palaperschka im Jahre 2002 in Gumbinnen  in Ostpreußen ausfindig zu machen. Nadin erzählte: "Alle meine Familienmitglieder wurden nach dem Kriege in Kiew als Kollaborateure abgestempelt und im November 1945 nach Sibirien verschleppt. Auch Katarina und Luba. Dort mussten wir alle fünf Jahre Zwangsarbeit leisten bei Temperaturen bis zu 40 Grad minus. Ende 1950 konnte die ganze Familie nach Kiew zurückkehren. Ich ging mit meinen Mann 1960 nach Gusev/Gumbinnen zurück, in das Land meiner Jugend. Katarina Wilschenska, 30 Jahre und Luba Bobir, 38 Jahre, haben die Zwangsarbeiterlager in Sibirien nicht überlebt." 

 

Sie erzählte weiter:

"Wir drei sind noch bis Zinten bei der 14.Pi/Kompanie geblieben, wo sollten wir auch hin? Dann wurden wir von den Rotarmisten nach Bladiau in ein Lager gesteckt. Hier blieben wir vierzehn Tage. Im Lager wurden wir das zweite Mal befreit. Mitte Mai 1945 brachte man uns nach Königsberg ins Gefängnis. Hier wurden wir drei Monate von der NKWD überprüft.

Danach haben uns die Russen mit großen Lastwagen nach Kiew gefahren. Hier fing unser schreckliches, hungriges, kaltes Leben in der UDSSR an! 

Im Gefängnis in Kiew überprüfte man uns einzeln, damit wir uns nicht gegenseitig warnen konnten, danach wurden alle Frauen kahlgeschoren und in schmutzigen Arbeitskitteln für fünf Jahre nach Sibirien gebracht.

Gumbinnen wurde am 20. Oktober evakuiert. Die Wachmänner verschwanden und im November 1944 gingen wir drei ukrainischen Küchenmädchen freiwillig zu der Kompanie nach Hochfließ. Denn der Mittelpunkt eines jeden Menschen ist die Küche! Es war eine wundervolle Zeit in der Schule Hochfließ."  

In ihren Augen strahlte unverhohlene Freude, ich wusste, was Nadin meinte. Bis zum 18. Januar 1945 sind sie in Hochfließ geblieben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zurück zur Hauptkampflinie

 

Als ich in Hochfließ aufwachte, war die Zeit merklich fortgeschritten. In Ostpreußen wurde es früh dunkel, nicht nur wegen der Jahreszeit, sondern auch wegen der Zeitverschiebung. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, nahm die Kochgeschirre und den Verpflegungssack und machte mich auf den Weg zur Kampflinie. Er führte mich nach Osten in Richtung Grünweiden. An der westlichen Flanke des kleinen Waldes kam ich auf dem verharschten Schnee gut voran. Am östlichen Himmel breitete sich eine erste Morgenröte aus. Kein Laut war weit und breit zu hören, die ganze Front bot ein Bild tiefen Friedens. Als ich zum Erdbunker zurückkam, waren Erbsensuppe, Brot und Wurst bei 18 Grad minus steinhart gefroren. Alles wurde umständlich auf dem Marmeladeneimer-Ofen aufgetaut. Warmes, geröstetes Brot, mit Margarine bestrichen, galt als Delikatesse. Beim Verzehren der kargen Rationen taute auch das Gesprächs-Klima auf. Die Abgeschiedenheit und die Entbehrungen hatten zur Folge, dass es sich dabei fast immer um zwei Themen drehte. Thema eins waren die Frauen, Thema zwei war das Essen in jeglicher Form. Über die beiden Küchenmädchen Luba und Katjuschka, habe ich kein Wort verloren. Es wurde merkwürdigerweise auch nicht danach gefragt. Aber ich begriff doch, was uns allen durch den Krieg entging und was wir vermutlich nie erleben würden.

 

Der Krieg war zu meinem Schicksal geworden. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken über die Worte der russischen Küchenfrauen und kam dabei zu betrüblichen Ergebnissen. Die Realität, mit der ich mich nun abfinden musste, konnte deprimierender nicht sein. Mich beschäftigte zunächst die Frage: Warum, wurden die russischen Mädchen ganz offiziell als Gefangene bezeichnet! Jedenfalls konnte ich sie verstehen, die Mädchen von der anderen Seite. Wie sie dachten und was sie empfanden, das hatte mir Katjuschka deutlich gemacht! Der Kompaniechef kam in unsere Höhle und begrüßte uns mit Handschlag und markigen Worten: "Wie war's denn in Hochfließ?" Klasse Masche sagte ich, "Ich habe bis zur Dämmerung in der Schule Hochfließ gesessen und sogar ein Nickerchen machen können." - "Na, prima" meinte der Kompaniechef', "dann kannst du ja gleich die erste Wache übernehmen!"

 

Die Zeit für Unterhaltungen war recht kurz bemessen, denn neben Wachestehen, Essenholen und Grabenbau musste man zusehen, dass man zum Schlafen kam. Und schließlich auch noch Krieg führen - Krieg gegen die Russen und gegen die Läuse, die zumindest ich als die Aggressiveren in Erinnerung habe. Sie saßen in allen Falten und Säumen der verschmutzten Wäsche und der Oberbekleidung. Ich habe ohne merklichen Erfolg Tausende von ihnen zwischen den Daumennägeln geknackt. Bei minus 20 Grad habe ich mein Unterhemd über Nacht auf dem Bunkerdach ausgelegt und die Erfahrung gemacht, dass den Läusen auch grimmige Kälte kaum etwas anhaben konnte.

 

Unsere Erdbunker bestanden aus einem etwa vier qm großen Raum. Je nach Platzbedarf der Ausrüstung konnten vier bis sechs Mann liegen und gerade noch sitzen, aber nicht aufrecht stehen. Dabei hatte unsere Kampfgruppe noch Glück. In einem Nachbarbunker hauste ein Offizier, Leutnant Malick aus Köln, der sich von seinen Untergebenen ein Sofa aus Gumbinnen heranschaffen ließ. Im engen Bunker konnten die Leute anschließend nur noch hockend schlafen. Er wurde auch "schöner Mann" genannt, es fehlten nur noch die weibliche Ordonnanzen.

 

Mein Grundsatz: Alles, was ich selbst erlebt habe und nichts, was ich nicht selbst erlebt habe, habe ich als Episoden im Text hervorgehoben und alle Beschreibungen und Einzelheiten entsprechen den Tatsachen. Personennamen habe ich geändert, wo mir dies erforderlich erschien, um falsche Zuordnungen oder spätere Betroffenheiten zu vermeiden. Dabei können sich die Schilderungen bei der Fülle von Geschehnisse in Ostpreußen nur auf eine kleine Auswahl beschränken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Eintrag in meinem Tagebuch von 8. Januar 1945)

Unser Bunker besaß als besonderem Komfort 

einen winzigen, aus einem Marmeladeneimer

gebastelten Ofen. Er konnte wegen des Rauches 

jedoch nur kurzfristig befeuert werden.

 

 

 

 

Das chinesische Palasthündchen "Hermann"

 

Man möge sich mal vorstellen, schrieb unser Sanitäter nach Hause, wir wären endlich im Frieden und die Sieger hätten mein Buch in den Dreck getreten! Ein großer Teil der gefallenen Kameraden, die in diesem Buch vermerkt waren, gelten ja heute noch als vermisst! Der Offizier, von dem nun die Rede ist und der befreit wurde, besaß damals weit hinter der Hauptkampflinie in Wolfseck bei Gumbinnen beim 4. FschPzGrenRgt. ein chinesisches Palasthündchen, der auf den sinnigen Namen "Hermann" hörte, Wir machten uns Gedanken, ob Hermann Göring vielleicht der Taufpate war?!

 

Am 6. Januar 1945 feierten die Russen ihr Weihnachtsfest - geschossen wurde nicht - es war Kampfpause und der Krieg fand nicht statt. Da unternahm dieser Offizier in einer eleganten Uniform aus besten Tuch (darüber stets Pelzmäntel) mit seinem engsten Mitarbeitern eine "Inspektion" in der vordersten Linie. Die Russen feierten, die Luft war rein. Wenn die Herren mal kamen, hielten sie sich immer ein nasses Taschentuch vor Nase und Mund. Sie konnten den Leichengeruch nicht ertragen! 

 

 

 

Sobald dieser Mini-Hermann plötzlich irgendwo auftauchte, lief der Köter meistens so ca. 40 m voraus. Da wussten wir: der Heini vom Stab kommt! Dann beobachteten wir alle genauestens das Vorfeld und das Niemandsland. Unliebsame Überraschungen gab es daher nur selten. Wir waren nun in unsere Beobachtungen so vertieft, dass wir die Herren, die sich näherten, nicht bemerkten und auch von Ihnen keine Notiz nahmen. Keiner dachte daran, zu melden oder gar eine Ehrenbezeigung zu leisten. Da sagte der Offizier zu uns "Kennen Sie mich nicht?" Einer sagte  nur so nebenbei "N e i n !?" und wir beobachteten weiter angestrengt das Vorfeld. Da griff er an sein Ritterkreuz, das er am Hals hängen hatte, und fragte "Kennen Sie mich immer noch nicht!" Da erst drehten wir uns langsam um, besahen uns den Pifke von oben bis unten und unser Sanitäter meinte ,,Ja klar, Sie sind doch unser Divisions-Pfarrer, Sie haben doch ein Kreuz am Hals!" Anschließend begannen wir sofort wieder, das Vorfeld genau zu beobachten. Er klopfte unserem Sani kameradschaftlich auf die Schulter und meinte: "Na dann beobachten Sie mal ruhig weiter!" Unter Lachen setzte er mit seiner Begleitung die Grabeninspektion fort.

 

Der Tod im Niemandsland - von ihm leben übrigens die Ratten prächtig. Sie sind schlau und trotzen den Soldaten, die ihnen im Unterstand ans Fell wollen. Sie vermehren sich laufend und sie kennen keine Fronten. Sogar ihre natürlichen Feinde sind chancenlos. Eine Katze war im unterirdischen Jagdrevier nach wenigen Stunden verschwunden - mit Haut und Haaren von den Ratten einfach aufgefressen worden.

 

Warme Winterbekleidung

 

Ich kann aus Erfahrung sagen, dass unsere warme Bekleidung nicht an die russische Wattebekleidung heranreichte, wenn auch die Wattebekleidung den Nachteil hatte, dass sie nicht gegen Nässe schützte. Ich konnte erst später erproben, dass man bei großer Kälte erst dann einigermaßen geschützt war, wenn man über die Wattebekleidung die weite Tarnjacke überzog. Die Pelzmütze reichte zum Schutz des Kopfes oder der Ohren aus, wenn die Kapuze darüber gezogen wurde, und so war auch der Nacken warm. Allerdings wurde dadurch die Hörfähigkeit sehr stark beeinträchtigt.

 

Der Russe benutzte keine Ohrenschützer. Man kann durch Achtsamkeit und vorsichtiges Reiben der Nase und des Gesichtes Erfrierungen vermeiden. Beim Russen hatten sich die Filzstiefel (Walinkis), welche bei feuchtem Schnee mit Gummistiefeln getragen wurden, außerordentlich bewährt. Walinkis waren wärmer als unsere mit Leder besetzten Filzstiefel. Auch trockneten sie schneller aus und waren beim Gehen nicht so glatt. Filzstiefel mussten allerdings im Unterstand ausgezogen und einmal am Tage bzw. nachts zum Trocknen aufgehängt werden. Inwieweit das in Unterständen möglich war, bleibt dahingestellt.

 

Einen Vorteil brachte meine Anwesenheit für die ganze Bunker-Mannschaft. Ich hatte neben meinem für sie weniger interessanten Fotoapparat eine Armbanduhr mitgebracht, mit der man die Zeiten für das Wachestehen einteilen konnte. Sie lag als einzig verfügbares kostbares Requisit nachts neben dem MG-42 und hat nie ihren Dienst versagt. Es hat sie - was man nur viel später hätte feststellen können - nie jemand verstellt, um seine Leidenszeit zu verkürzen. Wir mussten die schlimmsten nächtlichen Wachen über zwei mal zwei Stunden übernehmen, unter Beschuss die Verpflegung und das Feuerholz holen und auch am Tage unter Feindeinsicht als Meldegänger zu den Nachbarbunkern hasten. Die Reste des Bunkers, in dem der Funktrupp lag, wurden durch zwei Treffer der feindlichen Pak nochmals verkleinert.

 

In der Hauptkampflinie war es verboten, ständig Sprechverkehr zu betreiben, weil nach Ausfall aller Verbindungen auch die Artillerie mit Hilfe des Infanteriefunks schoss. In der Nacht kam ein dritter Funker vom Nachersatz. Er ist im niedrigen Bunkern und unter Trümmerhaufen liegend noch nicht auf den Funkbetrieb eingestellt. Schwierigkeiten bereitete bei tiefem Schnee das Vorbringen der schweren Infanteriewaffen und der Funkgeräte, die auf dem Rücken getragen werden mussten. Der gerade Weg von Hochfließ zur HKL war nicht mehr erkennbar, im Schneetreiben und auf verwehten Trampelpfaden war ein Verirren ständig möglich. Erst Tage zuvor kam beim letzten Nachersatz vom Ers.Rgt.HG aus Rippin ein Unteroffizier, ein großer starker Berufssoldat, der erst nach sieben Dienstjahren Stabsgefreiter ("mit Sternchen") und jetzt Unteroffizier geworden war. Er war bisher lediglich Ausbilder in der Kaserne und ohne jede Fronterfahrung. Er ließ die Funktornister und auch das Schanzzeug von den beiden jungen Funkern, die trotz der Kälte schwitzten, vornweg tragen und lief nicht einmal Spur. Keiner kannte den Weg zur Front. Zum Glück kommen zwei Melder entgegen. Der Trupp hatte nach der Begegnung jetzt den "Vorteil einer Spur" und sie wussten nun, dass sie noch auf dem richtigen Wege waren.

 

Da eine Funkstelle nach den vielen Verlusten und bei nicht ausreichendem Nachersatz lediglich mit zwei Mann besetzt werden konnte, musste einer der Funker bei beginnender Dunkelheit allein nach Hochfließ zurück. Vor Erschöpfung lag er zweimal im wieder aufkommenden Schneesturm und erreichte erst nach Mitternacht den Schneewall am Ortsrand Hochfließ. Der feine trockene Schnee verführte zum Einschlafen, wenn man am Boden und auf dem Schnee lag. Da das Schneetreiben im weiteren Verlauf jede Sicht verhinderte, waren Feindbeobachtungen nicht möglich. Zwölf Posten wurden aufgestellt. so standen wir Mannschaftsdienstgrade auch an den nächsten Tagen mit nur kurzen Unterbrechungen fast ständig im eisigen Schneesturm Wache, hatten aber kein warmes Essen. Die teilweise ein bis zwei Meter hohen Schneeverwehungen legten auf allen Wegen sämtlichen Verkehr still.

 

 

 

 

 

 

Marketenderware

 

Eines Tages bekamen wir mit der Marketenderware auch einen grünen, ganz grauslich schmeckenden Schnaps. Wir waren bestimmt keine Antialkoholiker oder Alkoholverächter, aber dieses fürchterliche Gesöff, das irgendwo in Gumbinnen im Gutshof Husarenberg (Perkallen) von der 11. Art.Abt. HG (A. Remmers) gebraut worden war, das konnten wir beim bestem Willen nicht runterbringen. Wir schenkten es also unserem russischen Pan. Der Pan war darüber überglücklich und begann sofort, den starken Schnaps in sich hineinzugießen. Es dauerte dann auch nicht lange und er war blau wie eine Standhaubitze.

 

 

Die Agentin

 

In der letzten Nacht kam ein armes altes, auf einen Stock mühsam gestütztes und wegen der Kälte völlig verhülltes Weiblein aus Richtung Pfälzerwalde - Schweizertal zu uns in die Hauptkampflinie und bat um etwas Essen. Sie sagte, sie habe seit drei Tagen nichts mehr zu essen bekommen. Dem Uffz. E. Roock kam das Weiblein aber doch etwas verdächtig vor. Er riss ihr die Kopfumhüllung herunter und plötzlich stand eine junge, gesunde Frau von ungefähr 25 Jahren vor uns. Sie war eine Agentin und sollte unsere Stellungen ausspionieren. Jetzt wollte anscheinend unser Hiwi Pan, der sonst so friedlich war, zeigen, wer der Herr im Graben sei. Er bewaffnete sich mit einem Stock und wollte die Frau verprügeln. Warum? Das wusste er wahrscheinlich selbst nicht. Dass er sie nicht erwischen und prügeln konnte, war uns völlig klar. Er konnte sich ja selbst nur mit Mühe auf den Beinen halten. Daher schritten wir auch nicht ein. Als uns der ganze Spaß zu lang dauerte, fingen wir den Pan ein und nahmen ihm den Stock weg. Der Pan war dann auch sofort süß und friedlich eingeschlummert. Als er wieder nüchtern war, kannte seine Dankbarkeit für den Rausch uns gegenüber keine Grenzen.

 

Nach Aussagen der Agentin war die Spitze einer russischen Fernostarmee mit 300.000 Mann von Sibirien her im im Anmarsch. Noch wussten wir nicht, ob sie zwischen Großwaltersdorf und Gumbinnen zum Einsatz kommen wird. Ihre Einheiten lägen im Raum Groß Trakehnen, Mattischkehmen, Pfälzerwalde (Budszedszen), Großwaltersdorf, Sprindort, Weidengrund, Bhf. Trakehnen bis nach Ebenrode und sollen aus tadellos ausgebildeten, gut ausgerüsteten und ausgeruhten sibirischen Schützen, also aus Mongolen bestehen, berichtete die 25 jährige russische Agentin. Sie wurde der Feldgendarmerie übergeben.

 

Gestern tobte ein richtiger ostpreußische Schneesturm über die unendliche Ebene. In unserem Bunker wurde es überhaupt nicht warm, es war wieder ein strahlender kalter Januar-Wintertag. Die Russen nutzten ihre einmalige Chance und bauten die Dörfer Großwaltersdorf, Grünweiden und Weidengrund zu einer schweren Festung aus. In der Folge wurde von unserer HG-Division und auch von der 561. V GD mehrmals versucht, die Dörfer im Sturm zu nehmen, aber es war stets vergebens. Wir wurden immer wieder mit oft schwersten Verlusten abgewiesen.

 

 

Das Grammophon

 

Wie bei Landsern so üblich, waren wir in der Nacht ausgeschwärmt, um aus den verlassenen Häusern von Ohldorf und Hochfließ zu organisieren, was für uns brauchbar sein konnte. Neben anderem schleppten wir auch ein altes Grammophon mit mehreren Platten herbei und begannen, eine Platte nach der anderen abzuspielen. Von der letzten Platte ertönte plötzlich laut herausgeschmettert und von einem russischen Männerchor meisterhaft gesungen, die "Internationale".

 

Ich stellte den Apparat sofort auf geringste Lautstärke und die anderen Kameraden, tadellose Grenadiere, die auch mit allen Wassern gewaschen waren, sahen mich mit großen, fragenden und belustigten Augen an und warteten gespannt der Dinge, die jetzt kommen mussten. Aber man sprach nicht darüber und ließ die Sache ruhen. Nur unser Sanitäts-Uffz., der aus einer frommen und ländlichen Gegend der Alpen stammte und schon vor 1940 aktiver Soldat beim Rgt. HG geworden war, meinte völlig ahnungslos, ich solle das Grammophon wieder lauter stellen, das sei doch wirklich ein schönes Lied. Auf meine Frage, ob er dieses Lied denn nicht kenne, meinte er versonnen, es sei doch ein schönes altes Kirchenlied und er kenne fast alle Kirchenlieder, doch dieses schöne Lied sei ihm bisher noch nie untergekommen. Auch seien ihm russische Kirchenlieder noch völlig unbekannt. Jetzt war es aber mit der Fassung meiner Kameraden, die vorher schon hinter dem Rücken ihres Uffz. ständig Gesichter geschnitten und gefeixt hatten, endgültig vorbei. Sie konnten sich nicht mehr halten vor lachen und auch mir ging es nicht viel anders. Als aber der San.-Uffz. - die Stütze unseres Verbandplatzes - drohte, ernstlich böse zu werden, war es doch an der Zeit, ihn endlich über den Text des schönen Kirchenliedes aufzuklären. Er nahm es uns nicht krumm, musste dann selbst lachen und meinte, in seinem Dorf sei die Internationale nie gespielt oder gesungen worden und später beim Militär bei der FschPzGrenDiv. HG auch nicht. Gleichzeitig wurde aber beschlossen, die Internationale lieber von unseren abendlichen Musikveranstaltungen abzusetzen. Wir fürchteten mit Recht, dass unser Divisionsgericht der 2. FschPzGrenDiv. wenig Verständnis gehabt hätte, wenn in unserer Hauptkampflinie knapp vor den russischen Linien die Internationale gespielt worden wäre. Für solche Vorfälle war die Feldgendarmerie mit besonderer Vollmacht ausgestattet, deren Befugnisse waren beachtlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag 12. Januar 1945

 

Die Russen hatten in unserem Vorgelände zwischen Weidengrund, Dom. Grünweiden und Pfälzerwalde wieder zahlreiche neue Geschütze in Stellung gebracht. Der Beschuss hat in den letzten Tagen auch dementsprechend zugenommen. Granaten schlugen in unsere Stellungen, eine Granate 3 m vor einem San.- Erdbunker, in dem mehrere Männer von uns schliefen. Die Splitter hatten die dicken Holzbohlen glatt durchschlagen und die Schläfer grauenhaft zugerichtet. Zu allem Überfluss schoss der Russe jetzt auch fleißig mit Brandgranaten und es gab schon wieder vier Tote. Der Russe wird von Tag zu Tag dreister und frecher.

Gestern überfiel bei Morgengrauen eine feindliche Gruppe in deutschen Tarnblusen unsere vorgeschobenen Posten und nützte die Überraschung infolge der deutschen Uniformen aus, unsere Posten nieder zu machen. Wir waren jeden Morgen froh, dass wir noch heil und nicht von Splittern durchsiebt erwachten, oder dass noch keine Russen vor unseren Gräben standen, die nachts durchgebrochen oder durchgesickert waren und uns jetzt bei Morgengrauen fertig machten. Es lag überhaupt so etwas in der Luft, als wenn sich vor uns ein ordentliches Gewitter zusammenbrauen würde. (Mein Tagebuch vom 12. Januar 1945)

 

Ich schrieb in mein Tagebuch: "Heute Nacht war wieder allerhand los. Gegen 4.00 Uhr nimmt ein fdl. Panzer die Gegend um Hochfließ und unseren Abteilungsstab in der Villa Kuntze unter schweres Feuer. Viele Granaten treffen das Gebäude. Die Männer, die im 1. Stock schlafen, stürzen dadurch in die Tiefe, dann geht alles in Flammen auf. Das Feuer war deshalb so rasch ausgebrochen, weil in den meisten Räumen die Öfen gebrannt hatten und die Glut und das Feuer beim Zusammenstürzen der Holzdecken verstreut worden war. Viele Offz. vom Stab stürzten mit in die Tiefe und verbrannten, ein Offizier konnte mit Verletzungen gerettet werden."

 

Es war tiefer Winter, Ostpreußen erstarrte in Schnee und Eis. Die Temperaturen sanken bis auf 22 Grad unter Null, stellenweise noch tiefer. Das Frische und das Kurische Haff überzogen sich mit einer festen Eisdecke. Dem Russen schienen die Unbilden der Jahreszeit nichts auszumachen. Gut ausgerüstet und Kälte gewohnt, ergriff er wieder die Initiative. Die Ostfront erwachte zu neuem Leben. Hier und dort kam es zu örtlichen Gefechten, die sich ausweiteten, Ansatzpunkte bildeten und die Absicht der Roten Armee erkennen ließen: den endgültigen Durchbruch ins Reich. Von der übrigen Ostfront wurden auch noch am 12.1.1945 keine nennenswerten Kämpfe gemeldet.

 

Nach dem alten Julianischen Kalender, der unsere Zeitrechnung hinterläuft, wird der 13. Januar zum altrussischen Neujahrstag. Und da die Sowjets in ihrem "Großen Vaterländischen Krieg" psychologisch sehr geschickt auf viele ehemalige Werte und Maßstäbe zurückgriffen, könnte es durchaus sein, dass der altrussische Neujahrstag eine besondere und anspornende Bedeutung bekam. Bald würde alles jäh erwachen, Städte, Dörfer, Häfen, Menschen und Schiffe. Und wie eine Völkerwanderung würden zwischen zwei und drei Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen und nach Westen flüchten in einem Unternehmen, das die Historiker die größte Rettungstat der Seekriegsgeschichte nennen.

 

Einen Tag danach begann der Russe im Raum Ebenrode - Schlossberg - Gumbinnen und beiderseits der Rominter-Heide den Großangriff. Die ostpreußische Bevölkerung, fast schlagartig vom Unheil überfallen, suchte einen Ausweg und flüchtete zur Küste, zu den Häfen. Die Hafenstadt Pillau hatte normalerweise 5.000 Einwohner. Als die Pillauer morgens auf die Straße traten, sahen sie sich 45.000 Flüchtlingen gegenüber. Es gab bei diesem Angriff der Russen eine große Menge Leidtragender, die nichts mehr darüber sagen können, weil sie nicht überlebt haben. Die Wirklichkeit schreibt die besten Romane und bringt Szenen hervor, die man auf ostpreußischen Boden nie für möglich gehalten hätte.

 

Der russische Druck drängte die 4. deutsche Armee aus ihren Stellungen im ostpreußischen Seengebiet. Einen Tag später standen seine Panzerkräfte zwischen Insterburg und dem Kurischen Haff und erreichten den Pregel östlich von Königsberg. Als die Russen bei Elbing das Frische Haff erreichten, war Ostpreußen zu einem Kessel geworden. Die Menschen verließen ihre Heimat mit der geringsten Habe. Sie liefen und retteten das nackte Leben. Sie hielten das alles für einen höllischen Traum, aus dem sie bald zu erwachen hofften. Und inmitten des Grauens und Elends wurden Neugeborene in diese schrecklich Welt befördert.

 

 

 

 

 

 

 

 

Samstag 13. Januar 1945

 

Der Kommandierende General des FschPzKorps HG: Generalmajor Schmalz erklärte am 11. Januar 1945 durch Rundschreiben: "Die zu erwartende sowjetischen Offensive durch Ostpreußen ist nach Angaben eines gefangenen russischen Offiziers der 13. Januar 1945."

 

Das Leben verlief auch in diesen Tagen hinter der deutschen Front fast wie in Friedenszeiten. In den Städten wie Insterburg und Wehlau fanden Viehmärkte statt, die Kinos waren ausverkauft, die Straßen waren mit Fuhrwerken und Fußgängern belebt. Hinter dem "Ostwall" fühlte man sich sicher. Seit dem vergangenen Herbst hatten Zehntausende zwischen Gumbinnen und Königsberg Panzergräben ausgehoben, Kilometer um Kilometer zogen sich diese fünf Meter tiefen und sieben Meter breiten Gräben von Gumbinnen und weiter durch Ostpreußen bis zum Frischen Haff bei Heiligenbeil hin.

 

Im Morgengrauen des 13. Januar 1945 erfolgte mit etwa 200 bis 300 Mann der erste Infanterieangriff der Russen auf unsere Stellungen. Dieser Angriff wurde zwischen Schweizertal und Alt Grünwalde unter Einsatz aller Infanteriewaffen gegen 05.30 Uhr abgeschlagen. Nach auffälliger Ruhe zwischen 06.00 und 07.30 Uhr setzte am 13. Januar 1945 schlagartig Trommelfeuer auf die HKL und das Hintergelände ein, das über zwei Stunden dauert. Unter dem Schutz des Feuers schob sich ab 10.00 Uhr feindliche Infanterie mit sieben Panzern aus Grünweiden gegen die Hauptkampflinie vor. Zäh hielten wir unsere Stellung, obwohl die Angriffe mit Panzern den ganzen Tag andauerten. Schon um 11.00 Uhr wurden vier von sieben Panzern in Brand geschossen. Die fast ununterbrochen stattfindenden schweren Angriffe richteten sich vorwiegend auf die Straße von Grünweiden nach Hochfließ. Sie wurden meist durch Trommelfeuer der fdl. Artillerie und Granatwerfer vorbereitet und dann von starken Panzer- und Tieffliegerkräften begleitet.

 

Um 14.00 Uhr trat der Russe vom Dorf Weidengrund aus mit acht schweren Panzern und aufgesessener Infanterie bei Alt Grünwalde gegen die Naht zur 61. InDiv. zum Angriff an. Nachdem die ersten sowjetischen Teile in den Kampf geworfen waren, folgte das weitere Heranführen von fünf schweren Panzern sowie etwa 200 Mann aus Grünweiden. Es war zu erkennen, dass der Russe mit Schwerpunkt Schweizertal Pfälzerort angreifen würde. Durch die fortgesetzten Angriffe der Russen mit Panzern und Infanterie war es jedoch nicht möglich, zum Gegenstoß anzutreten. Zäh hielt indessen die 14./Pi- Kompanie die Stellung an der Straße Grünweiden - Hochfließ.

 

Schon um 15.00 Uhr wurden drei von fünf Panzern vor der HKL (pkt.62,0) in Brand geschossen. Unsere Kompanie hielt die feindliche Infanterie nieder und zwang sie zu Boden. Daraufhin machten die meisten Panzer halt und rollten zur Domäne Grünweiden zurück. Einzelne verwegene sowjetische Panzerfahrer durchbrachen aber an der Straße die Linie unserer Kompanie. Wegen etwaiger Minen im sumpfigen Gelände fuhren sie hintereinander in der Spur vorheriger Panzer, parallel der Straße von Grünweiden nach Hochfließ und am Gutshof Seikat vorbei. Die Panzer wurden alle noch vor dem Gutshof Kuntze von der 8,8-cm-Flak abgeschossen. An diesem Tag wurden bis zur einbrechenden Dunkelheit im Abschnitt der 2. FschPzGrenDiv. HG insgesamt 44 Panzer des Feindes vernichtet.

 

Beim Sturmbataillon Lehmann / Ostermeier wandte der Russe eine neue Taktik an. Durch die starke Rauchentwicklung beim Einschlagen der Geschosse der Salvengeschütze war uns die Sicht genommen und der Russe arbeitete sich während dieser Zeit mit einem Panzer und begleitender Infanterie an unsere Stellung im Gutshof Seikat heran. Der begleitende Panzer überrollte die vorderste Stellung und fuhr sich fest. Die restlichen Panzer vom Typ T-34 überwachten westlich von Grünweiden aus etwa 600 Meter Entfernung das Vorgehen der Infanterie und hielten durch ihr Feuer unsere vorderste Linie nieder. Die fünf sowjetischen "Überwachungspanzer" konnten wegen der größeren Entfernung von den vorn eingesetzten deutschen 7,5-cm-Panzerabwehrwaffen nicht bekämpft werden. Erkannte deutsche MG-Nester am Gutshof wurden vernichtet. Nach dem Scheitern aller Angriffe setzte ab 18.00 Uhr erneut das Feuer der schweren Waffen des Gegners ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15. und 16. Januar 1945

 

Erst im Laufe der Nacht vom 14. auf den 15. Januar schob sich der Gegner, der an den beiden Vortagen noch die alten geräumten deutschen Stellungen mit der Artillerie beschoss, an die neue Stellung vor Hochfließ heran. Drei Mal in der Nacht, jedes Mal ohne Artillerievorbereitung, robbten und rannten die sowjetischen Massen bei 18 Grad Kälte über die verharschten Felder ohne jeden Baum und Strauch als Deckung im matten Schein des Mondlichtes gegen unsere Stellung an. Alles, auch der letzte Mann, musste mit dem Gewehr an den Schneewall. Panzergeräusche vor der Front sowie die von allen Stellen gemeldeten starken feindlichen Bereitstellungen während der Nacht ließen auf einen größeren Angriff in den frühen Morgenstunden schließen. Gespenstisch klang zunächst nur das Knirschen des Schnees beim Vorrobben der Rotarmisten in voller Winterbekleidung.

Dann waren wieder mal hier, mal da, dann überall die vorkriechenden Gestalten. Gegen 05.00 Uhr erfolgte mit etwa 300 bis 400 Mann der erste Infanterieangriff der Russen auf unsere Stellungen vor Hochfließ. Unter Einsatz aller Infanteriewaffen, dabei besonders der schweren Maschinengewehre wurde der Nachtangriff  im zusammengefassten Feuer mit der 13. Flakbatterie abgeschlagen. Danach hatten sich die Feindkräfte überraschend umgestellt. Der Südrand von Alt Grünwalde war plötzlich feindfrei.

 

Die Kampftruppen und die 13. Flakbatterie hatten schwere Verluste. Die Gefechtsstärke unserer Kompanie betrug nur noch 13 Mann, Feldwebel Danhauser von der Panzerflak war erblindet, ein Hauptfeldwebel fuhr mit dem Schlitten von der Hauptkampflinie aus in der Dämmerung in Richtung Schweizertal und verfehlte den vom Schnee verwehten richtigen Weg zum Verbandsplatz. So folgte er dem linken noch offenen, durch Rotarmisten frisch vom Neuschnee geräumten Weg. Plötzlich befand er sich inmitten von sowjetischen Soldaten und es kam zu einer Schießerei, in der er geistesgegenwärtig wendete und entkam.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die deutschen Sanitätssoldaten

 

In der Kompanie gab es einen Sanitätsunteroffizier und einen Sanitäter. Sie waren im Kampf immer in der Kampflinie. Diese Sanitätssoldaten und - wenn nötig - Hilfskranken- träger dienten der Bergung der Verwundeten auf dem Gefechtsfeld. Sie richteten im Gelände Verwundetennester ein, leisteten Erste Hilfe und sorgten mit Tragen und Behelfs- mitteln für die Weiterleitung und den Transport zum Truppenverbandsplatz des Bataillons. Eine Operationsmöglichkeit gab es auf dem Truppenverbandsplatz nicht. Im Kampf trug der Btl.-Arzt alle notwendigen Medikamente in einer großen Sanitätstasche mit sich. Letztlich gehörten zu den San.-Diensten der 2. FschPzGrenDiv. noch zwei Krankenkraft- wagenkolonnen, gegliedert in je drei Züge, je Zug 40 Mann und 12 Sanitätskraftwagen, allgemein nur "Sankas" genannt.

 

Hier im Kampfbataillon begegnete ich unserem Stabsarzt Dr. von der Fecht aus Bremerhaven, dessen Leibesfülle, Gestalt und tiefe Stimme schon genügten, um eine unumstößliche Autorität zu verkörpern. Er duldete keine Zimperlichkeit und niemand wagte es, ihm zu wiedersprechen. Er kämpfte mit nimmermüden Ärzten, Sanitätern und Kranken- schwestern gegen das erbarmungslose Elend auf den Truppenverbandsplätzen an. Kein Verwundeter wurde vergessen, alle wurden bei minus 16 Grad geborgen, versorgt und dann mit Sankas von Hochfließ nach rückwärts bis zur Artillerie-Kaserne am Stadtrand von Gumbinnen gebracht. Trotz Kennzeichnung mit dem Roten Kreuz wurden die Fahrzeuge beschossen und von Feindflugzeugen gejagt. Nur selten konnten die unermüd- lichen Sanitäter den Verwundeten mit Tabletten oder Spritzen etwas Schmerzlinderung verschaffen.

In der Kaserne leisteten die fünf Ärzte eine erste fachliche Versorgung und sorgten für ein sachgerechtes Verbinden (Papierbinden), Schienen und Lagern, Abbinden und Stillen bei größeren Blutungen, Vorbereitung für den Weitertransport. Auch die Ausgabe von anhäng- baren Verwundetenzetteln mit Angabe über die Verwundung und der ersten Maßnahmen gehörten dazu. Eine Operationsmöglichkeit gab es auch auf dem Truppenverbandsplatz in der Artillerie-Kaserne nicht. Dann ging es mit Sanitätskraftwagen, zum Flugplatz Insterburg oder Gerdauen zu den wartenden Ju-52. Hier wurden die Verwundeten übernommen und wegen der grimmige Kälte in Decken eingehüllt. Alle lagen auf dem Boden der Flugzeuge.

 

Die Bilanz zweier Kampftage

 

In der Nacht zum 17.1.45 lagen die Überlebenden der Kompanien sowie der Flakkampftrupp schussbereit in ihren Schützengräben. Der Kommandeur wurde verwundet und lag niedergeschlagen im Schützengraben. An Nachschub war nicht mehr zu denken, die Verwundeten und die Toten konnten nicht abtransportiert werden. Ab 22.00 Uhr sammelten wir unsere toten Kameraden ein und brachten alle nach hinten zum HVP im Gutshof Kuntze in Hochfließ.

Die Gesamtverluste lagen am 16. und 17. 01. 05 bei etwa 50% Mannschaften.

Am Abend des 16. Januar hatte sich die Lage wieder halbwegs stabilisiert. Zwischen Altkrug, Hochfließ und Schweizertal konnte die noch bestehende Hauptkampflinie nur noch stützpunktartig besetzt werden. Die feindlichen Panzerverluste waren außerordentlich hoch. 24 Feindpanzer T-34 wurden bei den Kämpfen vernichtet, davon allein bei Hochfließ (zwischen Punkt 62,8- 61,0) vom Flakkampftrupp-8,8-cm im Panzernahkampf 11 Panzer T-34. Nachdem das 8,8-cm-Geschütz einen Volltreffer bekommen hatte, wurden mit Panzerfaust und Panzerschreck noch vier weitere T-34 vernichtet.

Die sowj. Panzerkolosse anzugehen und zu vernichten, die nur in Rudeln auftraten, kostete Nerven und Überwindung. Aber was blieb uns anderes übrig, als uns entschlossen gegen den Panzerfeind zur Wehr zu setzen.

 

Der sowjetische Angriff zwischen Hochfließ und Weidengrund wurde zum Teil in drei Wellen in Stärke bis zu 400 sowj. Soldaten vorgetragen, dann begann der Nahkampf - oft Mann gegen Mann. Wo der Russe eingebrochen war, gingen wir Grenadiere zum Gegenstoß über. Alle Teile des 4. Regiments mit den zugeteilten schweren Waffen, insbesondere die 8,8-cm-Flakbatterie hatten an diesem Abwehrerfolg großen Anteil.

 

Gegen 15.00 Uhr griff der Russe in drei Wellen hintereinander an der ganzen Front noch einmal an und erzielte Einbrüche bis kurz vor Hochfließ, die nicht mehr bereinigt werden konnten.

 

 

 

Eigene Verluste:

 

Gefallen durch Körperminen im Nahkampf mit sowjetischen Panzern:

 

Grenadier Herbert Roth

Fahnenjunker K-H Meyer

Feldwebel Völke

Uffz. Franke

Gefr. Buschulte

Grenadier Pion

Hauptmann Norbert Zimmer

Obfw. Ludwig Wam          - Flakkampftrupp

Obgefr. Helmut Krämer     K1 FlakGefr.

Heinz Schulte                      Flakkampftrupp

Kanonier Erich Heil           Flakkampftrupp

Uffz. Ernst Döring              Flakkampftrupp

Kanonier Felix Schreiber

Geschützführer Fw. Dentit

 

Sie konnten nicht geborgen werden.

 

Außer diesen Kameraden, die nicht geborgen werden konnten, gab es noch 32 Gefallene und über 50 Verwundete und Vermisste. 

Ein hoher Verlust eines einzigen Kampfverbandes!

 

In der Nacht ereignete sich beim 1. Zug ein schwerer Zwischenfall. Einige Russen, die nach einem Angriff in der Stellung des 1. Zuges (Punkt 61,0) lagen, hatten sich tot gestellt. Plötzlich eröffneten die Russen aus ihren versteckten Waffen das Feuer und töteten alle.

 

 

 

Hauptverbandsplatz Hochfließ

 

Die von vorne ankommenden Verwundeten hatten meist zugleich schwere Erfrierungen. In Hochfließ hatte die 1. Sanitäts-Kompanie HG ab dem 21. November 1944 im Haus der Familie R. Loos und W. Grün im Gefechts- streifen der 2. FschPzGrenDiv. HG den Hauptverbandsplatz eingerichtet, während die 2. Sanitäts-Kompanie zunächst noch den HVP in Luisenberg aufrecht erhalten musste, bis die dort noch liegenden Verwundeten abtransportiert waren. Das erfolgte erst am 18. Januar. Zwei Omnibusse aus Insterburg und mehrere Schlitten voller Verwundeter kamen dann von Luisenberg nach Wehlau, wo Stabsarzt Dr. Benzieg dem von dort abrückenden Feldlazarett 32 fünf Schlitten mit Verwundeten aus der "Angerap-Linie" mitgab.

In Luisenberg hatte die 2. San.-Komp. vom 1. bis 18. Januar rund 400 Durchgänge. Operiert wurde unter denkbar engen Verhältnissen im Licht von Karbidlampen. Als der Feldapotheker am 16. Januar im starken Schneesturm an der Ausgabestelle des Divisions-Sanitätsparks in Insterburg Sanitätsmaterial abholen wollte, war dieser wegen der Feindlage schon abgebaut. Am Morgen des 18. Januar wurden von der 1. San.-Komp. in Hochfließ auf 25 kleinen Wagen und Schlitten 65 Verwundete verladen und über 40 km zur nächsten Sanitätszwischen-Station geschickt.

Von dem zur Verstärkung der fechtenden Truppe abgestellten "Kommando der Sanitäts- Kompanie" waren bei der 10. und 14. Pi.-Kompanie in der Hauptkampflinie vor Hochfließ neun Gefallene und zwölf Schwerverwundete abzuholen. Der Boden war jetzt tief gefroren, so dass es unmöglich war, Gräber in gewohnter Weise auszuheben. In der Ev.-ref. Neustädter Kirche in Gumbinnen/Königs-Straße, durch die der eisige Wind pfiff, hatte die 1. Sanitäts-Kompanie die am HVP Hochfließ gestorbenen und gefallenen Kameraden in Reihen gelegt. Es war eine Versammlung, deren Anblick einem ans Herz ging. Aber die stetigen, täglich scheinbar nur geringen Verluste auf deutscher Seite schwächten zunehmend die Kampfkraft, vor allem die der Infanteriekompanie.

 

Truppenverbandsplatz Wolfseck

 

Zwischen dem 12. und 18. Januar 1945 fielen 2 Offiziere sowie 41 Mann- schaften. Verwundet wurden 4 Offiziere sowie 54 Unteroffiziere und Mann- schaften. Am Vortag wurden im Raum Hochfließ-Schweizertal 2 Offiziere verwundet und 17 Mannschaften fielen.

Die Kampfeinheiten und auch die Artillerie nahmen in vielen Fällen ihre Gefallenen bei Stellungswechseln mit zurück, um sie an geeigneter Stelle bzw. in der nächsten Stellung beizusetzen. Am Abend des 17. Januar lagen vor dem Ort Hochfließ sieben noch nicht geborgene tote deutsche Soldaten, steifgefroren und wohl bald vom Schnee völlig zugeweht. 

 

 

 

 

Die Arroganz einzelner Dienstgrade in rückwärtigen Sanitätseinheiten ist im HVP-Wolfseck ohnegleichen. Einem Funktrupp vom 4. Regiment, der zwecks Einrichtung eines Meldekopfes nach dem Marsch in einem Schneesturm über waldlosen Hochflächen zwischen Hochfließ und Gertenau am Abend in Wolfseck ankam und bei der dort liegenden Sanitätskompanie ein Nachtquartier suchte, wurde lediglich die Ecke im Kuhstall zugewiesen ("wegen der nassen Klamotten") und dies auch nur widerwillig vom "Putzer" eingeräumt. "Dieser Stall ist für Euch, alles andere ist vom Hauptmann der Sanitätskompanie beschlagnahmt!" Die Mannschaftsdienstgrade auf diesem HVP in Wolfseck standen fast alle drei Stunden Doppelposten, während ihre Vorgesetzten, die teils gar keine Funktion ausübten, nur darauf sannen, wie gewohnt bedient zu werden und immer nach rückwärts abmarschbereit zu sein. Die Schreibstuben der Kompanien waren mit der Erledigung von Todesmeldungen und der Beantwortung von Rückfragen der Fürsorgeoffiziere in der Division sowie von Angehörigen der Gefallenen beschäftigt. Daten und Örtlichkeiten aus den Januarkämpfen mussten in vielen Fällen nun erst von Frontsoldaten in der Hauptkampflinie, die trotz der Kämpfe Tagebuch bzw. Notizkalender führten, erfragt werden. Mit einbrechender Dunkelheit bekamen wir prompt Beschuss von einem eigenen MG-Nest.

 

18. Januar 1945

 

Ein neuer Tag brach an: Es war der 18. Januar. Noch ging in unserem Abschnitt zwischen Jägersfreude, Hochfließ und Brückental kaum Boden verloren, aber was schon in den nächsten Stunden geschehen würde, das wussten nur die Götter. Die eigenen Stellungsbauarbeiten, das Aussetzen von spanischen Reitern und Verlegen von Minen wurde vom Russen auch während der Nächte durch Feuerüberfälle gestört. Der Divisions-Kommandeur Gen.Maj. Walter und Obst. Söth waren jeden Abend und jeden Morgen bei einer der Kompanien in der vordersten Linie, um die Kampftruppen und Stellungen zu überprüfen.

 

Wegen des hellen Mondscheins mussten die Stellungsarbeiten und das Minenverlegen zur Panzernahbekämpfung um 23.00 Uhr wieder unter- brochen werden, da der Russe auf jede Bewegung mit gezieltem Feuer reagierte. Dass die Zeit drängte und ein neuer Angriff drohte, zeigte die Beobachtung, dass der Gegner einen Teil der schweren Waffen vor dem rechten Regimentsabschnitt abzog und vor dem linken beiderseits Alt Grünwalde Weidengrund, dem II. Bataillon/4.Rgt. HG, konzentrierte. Die eigene Artillerie und die schweren Granatwerfer bekämpften daher schwerpunktmäßig alle Feindbewegungen vor Weidengrund. Bis zum 18. Januar hatten wir rund 280 Ausfälle. Wir benötigten daher dringend Ersatz an Offizieren und Mannschaften.

 

Wegen Mangels an Munition (insbesondere Spezialmunition) konnten erkannte Feindziele oft nicht ausreichend wirksam bekämpft werden. Dringend erforderlich war daher eine erhöhte Zuweisung von Munition, besonders für Steilfeuerwaffen, da nur diese bei der gegebenen Lage und dem Gelände beim (Pkt.54,2) den Feind niederhalten konnten. Nach den hohen Ausfällen an Waffen bei den vergangenen schweren Kämpfen war der Nachschub von leichten Maschinengewehren sowie schweren Granatwerfern dringend nötig. Insbesondere Zielfernrohre und Schießbecher für Gewehrgranaten fehlten dem 3. und 4. Rgt. völlig. Der Kompaniechef gab noch einige Punkte an, die als lohnende Ziele bekämpft werden sollten. Generalmajor Walther ließ alle Wünsche notieren und versprach, entsprechend der gegebenen Möglichkeiten für Abhilfe zu sorgen. (Aus meinem Tagebuch, 18. 1.1945)

 

Ich saß allein im Gefechtsstand. Das Schweigen des Telefons und das sich steigernde Artilleriefeuer kündeten erneut das kommende Unheil an. Unterdessen wurden wir benachrichtigt, den Kompaniegefechtsstand in das Bauernhaus von Otto Seikart zu verlegen, auf dessen dazu- gehörendem Hof bereits die erbeuteten russischen Waffen lagerten. Von hier hatte man wieder eine telefonische Verbindung zum Bataillon hergestellt. Der Raum war zwar klein, lag aber auf der dem Russen abgewandten Seite. Dann erschien auch Leutnant Malick ohne Sofa und inspiziert mit verzweifeltem Gesicht das neue Domizil. Der tags zuvor noch protzende Held holte sich ein Brecheisen und machte sich gerade daran, mit Gewalt die nächstgelegenen Räume aufzubrechen. "Was machen Sie denn da?" rief ich, Da warf er sich in Positur, seine Hamster- backen liefen puterrot an, er holte tief Luft, wobei er die Proportionen eines Ochsenfroschs annahm und fauchte: "Sie Pflaumenaugust! Ihnen passiert gleich was". Wenn ich sein Lametta richtig zu deuten wusste, war er dienstgradmäßig Leutnant oder Oberleutnant? Er fauchte weiter und begann, um seinen Bauch herum umständlich nach seiner Pistolentasche zu tasten. Ich hatte meine 08 ungefähr ebenso schnell in der Hand. Dann erst wurde uns das Urkomische der Situation und dieser Figur da vor uns bewusst und dessen, was er von sich gegeben hatte. Mein Auftritt zeigte volle Wirkung. Der Fettwanst sackte zusammen, seine Gesichtsfarbe wechselte zum bleichen Ton von Schmelzkäse der normalen Heeres- verpflegung!

 

Uffz. Erwin Roock und ich begannen lauthals zu lachen und hatten alle Mühe, unsere Heiterkeit wieder in den Griff zu bekommen. Dann verließ er ohne ein Wort zu sagen wieder den Raum. Das war sie, die Kaste der arroganten "Herrenmenschen" - Angehörige von Stäben aller Art, Sonderführer und Kommissare!

 

Niemals hatte man uns bei der FschPzGren.-Division HG Respekt vor dieser Art von Offizieren beigebracht und wenn, wäre er durch den Anblick der im Oktober 1944 vor Gumbinnen wild flüchtenden Haufen an Offizieren, die uns noch frisch in Erinnerung waren, auf den Punkt gesunken, wo sie auch schon vorher waren, auf Stufe Null! 

Ihr Krieg spielte sich nicht da ab, wo gelitten, gehungert, gefroren und gestorben wurde, denn kämpfen war nicht ihre Sache, sondern in der behaglichen Etappe, da, wo es warm war. Im neuen Gefechtsstand läutete andauernd das Feldtelefon, als ob Befehle oder Anordnungen das kommende Desaster noch hätten abwenden können.

 

Es war 02.00 Uhr nachts. Wir kamen wegen dringender Arbeiten nicht zur Besinnung und wir dachten ergriffen an die Kameraden des II. Bataillons, die in der ersten Hauptkampflinie im Raum Alt-Grünwalde lagen. Was sich dort beim Nachtangriff der Russen wohl abgespielt haben mag? Nicht eine Menschenseele kam damals zurück, um als Augenzeuge zu berichten. Da die Schießerei vom selben Standort wie vor dem Angriff auszugehen schien und die Leuchtkugeln in einiger Entfernung aufstiegen, wollten wir zwei, Uffz. E. Roock und ich, soweit wie möglich das Vorfeld absuchen.

 

Es war ein stetiger Kampf mit tiefem Schnee. Der eisige Ostwind verursachte Erfrierungen. Unsere Gesichter waren mit einem Kranz aus Reif und Eis umgeben. Wir beobachteten uns gegenseitig. Wurde die Nasenspitze weiß, musste schnell mit Schnee gerieben werden. Schneehemden waren unerlässlich, ebenso, dass wir vor dem Fortgang unsere nächsten Posten über den Erkundungsgang informierten. Vorsichtig auf der Straße gehend gelangten wir zwei nach ungefähr dreihundert Meter an eine Panzersperre, die 1944 vom Volkssturm gebaut wurde. Es wurde gefährlich, aufrecht weiterzugehen, denn der Russe konnte mit gleichen Absichten ebenfalls unterwegs sein.

 

Unser Erkundungsgang endete kurz vor Alt - Grünwalde an dem rechts bis zum Gutshof reichenden Wäldchen. Von hier aus dürften es noch weitere hundert Meter bis zur Abbiegung zum ehemaligen Kompanie- gefechtsstand auf dem Gutshof Schawaller sein. Aber dann verließ uns der Mut zum weiterkriechen. Wir wussten nicht, was sich in dem sehr nahen Wäldchen befand und welche Gefahren von dort ausgehen könnten. Erst jetzt ergab die Gefechtsaufklärung, dass sich zwischen dem Wäldchen und den Häusern stärkere Feindkräfte festgesetzt hatten. Zum Glück verhielt sich der Russe uns gegenüber ruhig.

 

Kurz vor 04.30 Uhr kehrten wir unverrichteter Dinge in den Gefechtsstand zurück und machten Meldung. Was sich dort abgespielt hatte, konnten wir nicht feststellen. Der Kompaniechef verschwand wortlos im Graben als wolle er bei den wenigen noch verbliebenen Kameraden Trost suchen oder den kommenden Untergang mit ihnen gemeinsam über sich ergehen lassen. Ich ging wieder zurück zum Feldtelefon und hoffte auf eine erlösende Nachricht von höherer Stelle.

 

Ab 06.00 Uhr blieb das Telefon stumm, scheinbar war die Leitung erneut unterbrochen. Da alle Fernsprech-Leitungen ausgefallen waren, konnten alle Meldungen nur über Funk abgegeben werden - in der Notlage wieder nur Sprechfunk! Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die Morgen- dämmerung allmählich durch den Frühdunst drang. Nach und nach wurde das vor uns liegende Gelände, wenn auch nur begrenzt, sichtbar. Vom überhöhten Gefechtsstand im Hof Seikart 800 m östlich Hochfließ, hatte man einen guten Einblick auf den Gefechtsabschnitt und das ein bis zwei km davor liegende Schlachtfeld, wo Dutzende abgeschossener russischer Panzer lagen, von denen viele noch brannten. Einzelheiten der vordersten Linie zwischen Weidengrund und Grünweiden konnte man in der beginnenden Dämmerung nicht sehen.

 

Um das Vorfeld übersehen zu können, ging ich in den angrenzenden Stall und beobachtete hinter einem Durchschuss der russischen Artillerie in der Außenwand der Scheune, ob und was der Russe im Schild führt, um unsere nur spärlich besetzte Stellung zu überlaufen. Von den zur Verfügung der Division gehaltenen fünf Sturmgeschützen war laut Funk eines zum Auftanken zurückgefahren und lag wegen Betriebsstoffmangel fest. Schon vor Beginn des Trommelfeuers meldet die 10./2 um 07.45 Uhr durch Funk starke Feindansammlungen im Raum Grünweiden sowie eine Ansammlung von bis zu 20 Panzern mit Infanterie hart südwestlich des Ortes Weidengrund.

 

Um 08.15 Uhr arbeitete sich die sowjetische Infanterie am trigonomet- rischen Punkt 56,1 aus des Mulde westlich Weidengrund heraus. Sechs Panzer standen bereits vor unserer Front. Erst dann setzte um 08.30 Uhr schlagartig das Trommelfeuer ein.

Der Russe schoss dabei auch mit einem Wurfgerät, dessen Granattrichter etwa 3 m Durchmesser betrugen. Indessen gingen etwa zwei sowjetische Kompanien mit fünf Begleitpanzern durch die Mulde westlich Weiden- grund vor, um unsere Stellungen zu umfassen. Der von Panzern unter- stützte Infanterieangriff schlug durch, nachdem die Feindpanzer beim Fehlen schwerer Panzerabwehrwaffen ungehindert die einzelnen deutschen MG-Nester unter Feuer nehmen und ausschalten konnten. Vier der Panzer T-34 wurden durch Haftladungen vernichtet.

 

Die eingesetzten Panzerabwehrgeschütze kamen im Nordteil Hochfließ gar nicht zum Schuss. Auf beiden Seiten war alles zerschossen und zerbombt, auf deutscher Seite war die Front von Panzerlöchern durch- setzt, sonst wäre ein Überleben nicht möglich gewesen. Sobald der Russe den Funktrupp angriff, musste das Dora-Gerät in ein Erdloch gezerrt werden. Die Funkstelle war bei dieser Gefechtslage das Führungs- instrument und der Rettungsanker bei Hilfe in der Not. Auch beim III. Bataillon im Raum Schweizertal hatte das Trommelfeuer begonnen. Die Funkstelle im Dorf, welche die Verbindung zu unserer Gruppe hielt, wurde durch Splitter zerfetzt. In seinem Umfeld wurden acht Mann verwundet aber es gelang der Infanterie frühzeitig, die feindliche Infanterie an den Schnee- boden zu zwingen.

 

Das Zurückgehen des ll./Inf.-Batl. ausnutzend, stieß der Russe ab 11.00 Uhr in etwa Bataillonsstärke und von Panzern unterstützt in die Lücke zwischen dem 1. und III. Bataillon bei Schweizertal und drang nach Nordwesten vor. Von den zur Verfügung der Division erhaltenen vier Panzerkampfwagen "Panther" musste einer zum Auftanken zurück- gefahren und lag wegen Betriebsstoffmangel in Hochfließ fest, ein zweiter "Panther" musste abwarten, bis ein Bergepanzer aus Gumbinnen kam, da er sich an der Brücke in Ohldorf im Grund der Rominte festgefahren hatte.

 

Östlich der Naht zum rechten Abschnitt des ll./Inf.-Batl. welches nach den schweren Kämpfen an den Vortagen auf rund 20 Mann Gefechtsstärke zusammengeschmolzen war und dessen sämtliche Reserven an Infanterie-Munition und Wurfgranaten im Trommelfeuer in die Luft geflogen war, gelang dem Russen der Durchbruch. Das erneut stark geschwächte Bataillon ging auf Husarenberg zurück.

Tagebuch vom 19. Januar 1945.

 

Durch den Ausfall an Offizieren und Unterführern war es nur durch Einsatz des Regimentskommandeurs und der Offiziere seines Stabes in vorderster Linie möglich, die zurückgehenden Teile auf den Höhen beim Gutshof Reisch (Husarenberg) aufzuhalten. Die erst vor wenigen Tagen eingetroffenen Ersatzmannschaften der Luftwaffen-Feld-Division (lnfDiv. mit Lw-Personal) waren völlig kopflos geworden. Das in seiner Stellung verbliebene 1./Inf.-Batl. wurde durch das Zurückgehen der Lw-Felddiv. bedroht. Die 14. Pi/Kompanie lag im Bauernhof Seikart abgetrennt, ebenfalls ohne Anschluss in der alten Stellung östlich Hochfließ. (Pkt.66,3)

Trotz aller Verwirrung hatten währenddessen die Gruppen vom 1./Batl. bis 15.00 Uhr mit Resten der 14./Pi-Kompanie wenigstens den Höhenrand östlich Hochfließ besetzt und gehalten und damit endlich die Spitze des Hauptangriffes zum Stehen gebracht. Das III./Batl., das ebenso wie das I./Batl. die Stellungen nach Südosten bei Pfälzerort behauptete, wurde von stärkstem Feuer der sowj. Artillerie, Schlachtfliegern und mindestens von fünf Salvengeschützen aus dem Raum Grünweiden beschossen. Das forderte schwere eigene Verluste.

 

Gegen Abend verlief die Hauptkampflinie etwa 1,2 km südöstlich Hochfließ, danach 200 m östlich (Pkt.66,5), weiter zum Fluß Rominte, entlang des Weges von Schweizertal nach Husarenberg und schließlich bis Brückental. Dass der Gegner am Abend gegen 20.00 Uhr noch einmal mit etwa 100 Mann gegen Hochfließ vorging und abgewiesen wurde, war als Erkundungsvorstoß zu werten und ein Hinweis dafür, dass der Russe weiterhin auf breiter Front angreifen würde.

 

Aber auch dieser Angriff, lang wie eine Ewigkeit, hörte schlagartig auf. Vorerst würde sich hier nichts abspielen - so glaubten wir jedenfalls. Unverzüglich wurde die Bergung der Verwundeten fortgesetzt. Sie konnten zwar noch nicht abtransportiert werden, vorerst aber teilweise eine halbwegs geschützte Lagerstatt im Kompaniegefechtsstand finden. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde es bei uns lebhaft. Weniger durch den Beschuss des Feindes gestört, begannen die Tätigkeiten auf humani- tärem Gebiet. Zuerst mussten sämtliche Verwundeten an die Straße von Grünweiden nach Hochfließ gebracht werden.

 

Um 21.00 Uhr waren alle Wagen eingetroffen, um sie abzuholen. Aber es waren so viele Fuhren, dass sich die Aktion bis spät in die Nacht hinzog. Danach wurden auch alle Toten in den rückwärtigen Raum nach Gum- binnen gebracht. Inmitten dieser hektischen Tätigkeiten erschien der Koch und seine zwei russischen Küchenhilfen aus Hochfließ und erkundigte sich, wo er mit der Verpflegungsausgabe beginnen könne. In Absprache mit dem einzigen noch verbliebenen Leutnant sollte der Verpflegungswagen 100 m vor der Hauptkampflinie stehen bleiben, da es zu gefährlich sei, auf offener Straße heranzufahren, was zudem noch den Abtransport der Verwundeten und Toten behindert hätte. Mittlerweile trafen ein paar ältere Soldaten vom Gumbinner Volkssturm ein, die nun alle unverletzten sowj. Kriegsgefangenen abführten. Die verwundeten Russen blieben in der Hauptkampflinie, sie mussten sich selbst unter- einander helfen. Mit wessen Erlaubnis die Russen in einem unserer Unterstände teilweise Zuflucht suchen durften, blieb unbekannt. Gebraucht wurde der Bunker ohnehin nicht mehr, da die Stellung so ausgedünnt war, dass während der restlichen Nacht nur noch wenigen Kameraden - in weitem Abstand zueinander - ausnahmslos auf Wache bleiben mussten.

 

Dann wurde es Zeit, das Essen zu fassen. Der Verpflegungswagen war kurz vor der HKL auf das erste, linksliegende Grundstück des Bauern Kurbjuhn gefahren. Als wir den Hof betraten, bot sich uns ein undefinier- barer Anblick. Der Koch und die zwei russischen Mädchen Luba und Katjuschka standen wie erstarrt im Hausflur. Kurz vor unserem Eintreffen waren Granaten vor der gegenüberliegenden Scheune und im Wohnhaus eingeschlagen. Die Pferde mit dem Küchenwagen hatten sich selbständig gemacht und waren zwischen Wohnhaus und Stall zum Stehen gekommen. Dabei hatten sie sich in der Enge so verklemmt, dass es schwer war, sie rückwärts heraus zu bekommen. Im Küchenwagen war das Brot oder die Butter steinhart. Brotbrocken wurden mit einem Beil abgehauen. Gelang ein Feuer, das leicht Artilleriebeschuss bewirkte, verbrannte die ihm zugewandte Seite früher, als die andere auftaute. Trotzdem waren die Stimmung und die Disziplin hier bei der kämpfenden Truppe besser als hinten, bzw. in der Etappe, wo es von Versprengten wimmelte, die nur jammerten und klagten.

 

Unerwartet griffen russische Infanteristen unsere Stellungen und die Küche mit ihrem durchdringenden "Urräääh" an. Es muss so gegen 02.00 Uhr in der Nacht gewesen sein. 

Als ich vom Hof aus hinunter in unsere Stellungen sah, sprangen bereits russische Infanteristen über unseren Graben hinweg und gingen fast auf gleicher Höhe vor dem Minenfeld hinter dem Wohnhaus und Stallungen in Schießbereitschaft. Fast unglaublich sind die Ereignisse in den nächsten Minuten. Alles, was noch schießen konnte, blieb wachsam zwischen Hof und Stallungen stehen. Mit Sicherheit war anzunehmen, dass viele Russen in die Trichter im Hof sprangen, jedoch war nicht abzusehen, ob es eventuell von dort aus einen Angriff zur Erstürmung unserer Stellung gab. Mit dieser Unsicherheit wollten wir uns nicht länger belasten und es kam der Befehl zum Gegenangriff.

 

Nach dem Verlassen des Hofes gelangten wir bereits nach wenigen Schritten an die Bombentrichter, in welchen die Angreifer Zuflucht gesucht hatten. Hier sah es noch schlimmer aus als bei uns. Tote und Verwundete in großer Anzahl. Die noch kampffähigen Rotarmisten hatten bereits ihre Waffen weggeworfen und ergaben sich. Leider mussten ihre Verwundeten in den Bombentrichtern ausharren. Um jede sich anbahnende Gefahr gänzlich auszuschließen, wurden die Waffen der Russen sichergestellt und auf den nächstliegenden Hof Kurbjuhn jenseits der Straße gebracht. Auf der Feindseite wurde nach Gefangenenaussagen auch die "Kaleniner Kadettenschule" eingesetzt. Entgegen der Absicht, die unversehrten Russen abzuführen, mussten diese in den Trichtern bleiben. Den Russen wurde daraufhin erklärt, nicht über die Ränder der Bombentrichter zu sehen, da wir sonst schießen würden. Sie mussten wohl oder übel zur Kenntnis nehmen, dass sie jetzt vom eigenen lebhaften Störfeuer bedroht waren. Wir Übriggebliebenen waren zufriedengestellt, da wir unsere Stellung gehalten hatten. So konnten wahrscheinlich zum letzten Mal alle Verwundeten mit einer ordnungsgemäßen Bergung rechnen. Auf der Ostseite des Dorfes Hochfließ war wegen des welligeren Geländes ein Überlaufen der Straße und damit auch das Bergen der verwundeten Rotarmisten sowie der deutschen Verwundeten möglich, da es hier keine Feindeinsicht gab.

 

Entlang der selben Straße, auf der wir unsere Verwundeten zurückbrach- ten, kam ein unbekannter deutscher Soldat im Kugelhagel der Russen von vorne angerannt. Schnell bog er zu uns auf den Hof, um etwas zu ver- schnaufen. Ich frage ihn noch, wo er herkomme, ob er sich irgendwie aus der Hauptkamplinie durchschlagen konnte aber die Zeit reichte nicht mehr aus, meine Fragen zu beantworten.

 

Wir hatten vor dem "Iwan" grundsätzlich Respekt und empfanden ein vages Mitgefühl, weil er uns als Soldat Achtung abnötigte und weil wir wussten, dass es ihm nicht besser ging als uns. Die, welche in kleinen Gruppen in Gefangenschaft gerieten, wurden manchmal einfach in die deutschen Verbände übernommen. Die 14. Kompanie, der ich angehörte, bestand während des Kampfes zeitweise bis zu einem Viertel aus Russen, die vorübergehend als Munitionsträger eingegliedert wurden. Damit wurde bei hohen eigenen Verlusten ein Ausgleich geschaffen. An Munitionsträgern herrschte deshalb immer Mangel und das führte zu dem grotesken Faktum, dass zeitweise bei harten Einsätzen gefangene Rotarmisten, denen diese Lösung lieber war als das Gefangenenlager, bei uns Dienst taten, kämpften und auch starben! Mir ist nicht bekannt, dass einer von ihnen nicht seine Pflicht getan hätte oder desertiert wäre.

 

Das 4. FschPzGrenRgt. HG war eine Eliteeinheit, die an Brennpunkten des Kampfgeschehens zur Erreichung strategischer oder taktischer Ziele eingesetzt wurde. Trat sie in Aktion, so geschah dies mit einem furiosen Elan, dem sich niemand entziehen konnte und ohne jede Rücksicht auf das Leben ihrer Männer. Den Russen war dies bekannt. Manchmal genügte es, dass sie erfuhren, wer ihnen gegenüberlag, um sie zu veranlassen, auf einen Angriff zu verzichten. Wir hatten uns bei Dunkelheit etwa 200 Meter zurückgezogen, weil wir vom Iwan massiv mit Artillerie und Stalinorgeln eingedeckt wurden.

 

Die gespenstischen Feuersäulen der Stalinorgeln in der Nacht, dazu detonierende Granaten, Granatwerfereinschläge, pfeifende Infanterie- geschosse von Freund und Feind, das Rattern der Maschinengewehre und die bellenden Abschüsse der Sturmpanzer ergaben ein Szenario und einen Kampflärm, in dem das Schreien und Wimmern der Verwundeten beider Seiten unterging. Das Geschehen war die "Hölle". Auf beiden Seiten fielen Soldaten auch durch eigene Waffen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Dunkelheit war auch nach Abebben des Kampfes noch nicht zu erkennen, wie zerfetzt das Gelände rings um Hochfließ war. Beide Seiten bargen Verwundete, die Schleifspuren waren erst bei Tagesanbruch zu sehen. Alle Drahtverbindungen waren unterbrochen und an Tastfunk und Verschlüsseln der Funksprüche war bei dieser Gefechtslage nicht zu denken. Es wurde zum Sprechfunk übergegangen. Mehrmals sprach von hinten (Ohldorf) selbst der Divisionskommandeur Generalmajor Walther offen Klartext.

 

Nach dem Morgengrauen griff der Russe mit rund 300 Mann an, die beiden Kampfgruppen mussten sich absetzen. Da es auch für diese Übermacht kein Halten gab, dürfte es kaum zwanzig Minuten gedauert haben, bis alles zu Ende war. In diesen bangen Minuten musste ich überstürzt reagieren, denn die unmittelbare Gefahr für das eigene Leben steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. Ohne viel zu überlegen, sahen wir keine andere Möglichkeit, als sofort im Kugelregen auf der offenen Landstraße nach Hochfließ davon zu laufen. Die Hoffnung, noch einmal mit dem Leben davonzukommen, war sehr gering, zumal beide Straßengräben mit Schnee verweht waren und daher jede Deckungsmöglichkeit fehlte. Nur nicht stehen bleiben oder hinfallen, immer weiter, ohne einen Gedanken zu fassen, wenn auch die überlastete Lunge wie Feuer brennt!

 

Bei der Villa Kuntze auf der anderen Straßenseite, ebenfalls im Blickfeld der Russen, befanden sich einige Schützengräben unserer Sturmgeschütze, die bereits ihre Stellung geräumt hatten. In diesen Minuten wäre es ohnehin mit dem Abrücken zu spät gewesen, da augenblicklich das Gelände und Hochfließ unter dauerndem Beschuss aller Waffen lag. Noch aber gab ich die Hoffnung nicht auf, dass einige Kameraden bis zur Villa Kuntze herausgekommen waren.

 

Ich sprang über die Straße zur Ruine der Villa, um, wenn erforderlich, mit meinen bescheidenen Mitteln - eines Sturmgewehres-44 - Feuerschutz zu geben. Beim Erreichen der Ruine traf ich meinen Unteroffizier E. Roock, der gerade beschloss, zur Ruine der Villa Kuntze zu laufen. Dort hatte er seine Gruppe mitten im Mittagessen aufgeschreckt. Die militärische Lage war so, dass die Straße nach Husenberg und weiter zum Wasserturm im Dorf Gertenau von unserer Gruppe gehalten werden sollte. Der Russe war also bei Nacht ungesehen über Schneefelder durchmarschiert und sperrte jetzt mit seinem MG die Straße. Es war ein deutsches MG 42, das erkannte ich am Klang des Schusses und auch an der Schussfolge.

 

Unsere 14. Pi-Kompanie hielt im Kreis Gumbinnen seit 100 Tagen verbissen ihren Frontabschnitt zwischen Hochfließ und Grünweiden und trotze der starken Übermacht. Es war den Russen nirgends gelungen, bei uns durchzubrechen. Das dauerte bis zum 20. Januar 1945, bis der Iwan bei einer anderen Einheit zwischen Ohldorf, Gutshof Serpenten (von Below) und Hochfließ eine schwache Nahtstelle fand, durchbrach und den ganzen Frontabschnitt einzukesseln drohte. In der Nacht zum 20. Januar mussten wir unseren Abschnitt räumen und zurück nach Hochfließ. Uffz. Erwin Roock meinte, wir sollten die Offiziere vom RgtStab. ständig im Auge behalten. Es war nämlich nicht nur einmal vorgekommen, dass die hohen Herren abgehauen waren, ohne die Truppe, die vorne am Feind war, davon zu verständigen.

 

Unser Sa.- Uffz. war mit mehreren unserer Männer im Gutshof Kuntze. Hier waren noch die drei russischen Mädchen, die Köchin Katarina, Luba und Nadin. Sie reichten uns zum Abschied einen vollen Kochgeschirrdeckel mit "Tschai". Das Getränk war wie immer undefinierbar, aber es war heiß! Zwischen uns hatte sich eine herzliche Freundschaft entwickelt. Uffz. E. Roock meinte, wir sollten die drei mitnehmen und sie blieben fast bis Heiligenbeil bei unserer Feldküche. Die drei Mädchen steckten uns noch schnell, meist heimlich, ein halbes gebratenes Huhn und ein Stück Speck oder Selchfleisch zu. Kein Offizier durfte es wissen!

Unsere Offiziere von damals sprachen im Jahr 2006 vom Kriegsende als vom "Tag der Befreiung". Wir von der kämpfenden Truppe haben unsere aufrechte Haltung nie verloren, unsere soldatische Ehre, die Achtung vor uns selbst, auch nicht in Gefangenschaft! Als unser Sani am 10. Mai 1945 bei den Amerikanern in Gefangenschaft kam, wurden auch ihm alle seine Habseligkeiten abgenommen! Bis zum Schluss, - von Gumbinnen bis nach Balga am Haff - hatte er in einem Buch gewissenhaft alle Gefallenen und Verwundeten unserer Kompanie mit Lazarettangabe und auch der Grablagen mit Ort und Namen des Kameraden vermerkt. Als er dieses Buch behalten wollte und dem Amerikaner mit deutschem Namen den Inhalt des Buches erklärte, meinte dieser zynisch: "Kamerad kaputt", nahm ihm das Buch ab, trat es in den Morast der Lagerstraße und stieß den Sanitäter zu den anderen Gefangenen! Das war für ihn der Tag tiefster seelischer und körperlicher Not!

 

Die russischen Angriffe auf Hochfließ dauerten an, waren aber bereits schwächer geworden. Dafür legte der Russe jetzt seine Feuerüberfälle mit ganz schwerem Kaliber vorzugsweise in unseren Gutshof Kuntze. Er blieb aber immer stehen und wartete so lange, bis Reserven herangeschafft und die Einbruchstellen abgeriegelt werden konnten. Nur könnten auch bei ihm einmal die Reserven zu Ende gehen, zu wünschen wäre es für uns gewesen, denn bei uns waren die Reserven schon längst verbraucht.

 

Irgendwann kam eine neu aufgestellte Luftwaffen-Feld-Division bei uns zum Einsatz. Sie bestand aus Bodenpersonal der Luftwaffe, aus Männern, die durch die großen Verluste unserer Luftwaffe überflüssig wurden. Es waren alles gute Leute, die aber vom Infanteriekampf hier in Hochfließ soviel verstanden, wie ein kastrierter Offizier vom Kindermachen. Sie hatten dementsprechend hohe Verlust. Es war ein Wahnsinn!

 

Hier ein typischer Vorfall, der sich Anfang Januar bei uns ereignet hatte. Während der Nacht zum 3. Januar 1945 war ihnen ein Infanteriegeschütz vom Russen gestohlen worden. Die Männer hatten es nicht bewacht, sondern sich wie gewohnt zum Schlafen zurückgezogen. Am Morgen war das Geschütz samt Munition weg. Darauf fragten sie einen von unseren alten Italienkämpfern (kein Offizier), was sie in Zukunft dagegen machen sollten. Dieser riet ihnen spaßeshalber, sie sollten beim Rad des Geschützes einen großen Pfahl einschlagen und daran einen Ziegenbock mit einer festen Kette zum Geschütz befestigen. Wenn die Russen den Ziegenbock riechen würden, käme keiner von ihnen. Die Luftwaffensoldaten taten das dann auch tatsächlich. Da sich das blitzartig bis Gumbinnen herumsprach, gab es ein Gelächter im ganzen Frontabschnitt.

 

Am 4. Januar fiel Leutnant B. bei einem Gegenstoß, bei dem er mit seinen letzten Männern den Russen das deutsche Infanteriegeschütz entreißen wollte. Da sein gestriger Kampfabschnitt vom Russen besetzt war, war es ihm unmöglich, es zu bergen. 

Er war einer der besten jungen Offiziere unseres 4. FschPzGrenRgt. HG - Träger des Deutschen Kreuzes in Gold, usw.

 

 

Die Räumung von Hochfließ 

und der Auszug aus Gertenau

 

Die ganze Front war in Aufruhr. Leuchtkugeln erhellten jeweils für Sekunden den Himmel, grün, rot, grünweiß. Soweit der Sprechfunk in der damaligen Qualität funktionierte, diente er nur der Verbindung zum Bataillonsstab, der Gefechtstross hatte kein Gerät. Unter Zurücklassen der schweren Waffen zogen sich Reste der Kompanie zum Sammelpunkt in den Gutshof Hochfließ (Kuntze ) zurück. Vier Mann als Nachhut und eine weitere Umgliederung wurde befohlen und durchgeführt. Die Kampf- gruppen setzten sich um 00.15 Uhr von Hochfließ durch ein Minenfeld am Westufer der Rominte auf die neue Linie an der Reichsstraße 132 ab. Inzwischen führte der Russe auch gefährliche Angriffe gegen das südlich von Tellrode kämpfende FschJgRgt. 16. Ein verwundeter Unteroffizier, der von Girnen zurück kam, brachte die erste Meldung vom 16. FschJgRgt. mit. Danach hatte das Bataillon starke Angriffe abgewehrt, war aber durch das Zurückgehen des Nachbarn (60 InfDiv.) zum Absetzen gezwungen worden. Bisherige Verluste 110 Mann, darunter Leutnant D. gefallen, der Führer der 6. Kompanie.

 

Unsere neue Linie an der Reichsstraße 132 verlief vom trigonometrischen Punkt 60,0 Husarenberg - Schweizertal nach Westen am Weg nach Gertenau  entlang(Pkt.66.1) zum Wasserturm. Der Gefechtsstand verblieb im Haus des Wasserwerkes Gertenau. Die Absicht war, diese Linie jeweils 24 Stunden zu halten.

 

Am Sonntag, dem 21. Januar 1945, zeigte das Thermometer am Morgen minus 21 Grad Celsius. Bei diesen Temperaturen wurden die Fernsprech- kabel brüchig und rissen bei Granat- oder Bombeneinschläge anders als im Sommer. Ganze Stücke mussten eingesetzt werden. Die längere Verweildauer beim Flicken der Kabel gab den sibirischen Scharfschützen vermehrt Gelegenheit, Abschüsse zu tätigen, zumal keine Winterbe- kleidung da war und die Tarnhemden, zwei Leinenstreifen, den Kopf nicht abdeckten. So gab es laufend tropfenweise Verluste.

 

Wir marschierten zunächst in der kleinen Gruppe weiter, die sich zusammengefunden hatte. Vor Angerapp stießen wir auf zwei junge Kameraden, die an einen Baum gelehnt unter vielen Toten saßen. Einer hatte einen Bauchschuss, war aber bei vollem Bewusstsein und völlig ruhig. Wir blieben eine Weile stehen und sprachen in seinem hoffnungs- losen Zustand mit ihm, wir gaben beiden auf ihren Wunsch zu trinken. Beide wussten, dass sie sterben würden und baten uns, ein Gebet zu sprechen. Das Ende kam recht schnell. (21./22. Januar 1945)

 

Im Gefechtsabschnitt Gertenau traf eine Alarmnachricht ein. Der Russe griff seit 08.45 Uhr aus dem Raum Großwaltersdorf - Prassfeld, also nach Westen in Richtung Schulzenwalde zur Einschließung der Kampftruppen an und hatte erneut die Stellungen des FschJgRgt.16 durchbrochen. Aus dem Einbruchsraum Hoheneck und Erlengrund kamen am östlichen Dorfrand Wagen der Artillerie mit Verwundeten an und die Artilleristen teilten mit, dass feindliche Panzer schon in den Geschützstellungen bei Marienhöhe stünden. Viele haben außer der Verwundung schwere Erfrierungen. Beim Festhalten am kalten Eisen ohne Handschuhe hatten sich alle aufsitzenden Verwundeten die am Eisen anklebende Haut abgezogen. Am Hauptverbandplatz war man entsetzt!

 

Am 21. Januar 1945 war der achte Tag der sowjetischen Offensive. Trotz der grimmigen Kälte griff der Gegner immer wieder unsere Stellungen an der Reichsstraße 132 an. Der Kampf nahm dramatische Formen an. Zwar vernichtete ein Stoßtrupp ostwärts der Straße 132 vier Panzer und fünf weitere aus Richtung Husarenberg durch Volltreffer, die russische Infanterie drängte aber stetig weiter vor. Alle verfügbaren Gerätschaften auf der Reichsstraße 132 wurden mit Teilen des Pi-Zuges zur Verteidigung am Wasserturm nach Gertenau eingesetzt.

 

Der Anschluss zum rechten Flügel ging verloren. Reserven der Division waren nicht vorhanden. Die Hauptkampflinie wurde bis zur Angerapp- Stellung zurückgenommen. Gegen Abend wühlte der Russe mit gewisser Planlosigkeit in der tiefen Einbruchstelle bei Wilken und Dauginten bis zum Waldrand der Kettenberge herum, überall  mit Bataillonen, Kompanien oder kleineren Gruppen angreifend. Dabei traten wieder grölende, betrunkene Haufen auf, die nachts ohne Artillerie- und Panzer- Unterstützung angriffen und zusammengeschossen wurden. Auch die eigene Truppe war am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. An manchen Stellen konnte die Front nur noch durch Einsatz von Trossen gehalten werden! Nach heftigem Artillerie- und Stalinorgelfeuer brach der Russe ins Dorf Bismarckshöh ein. Es gelang dem überlegenen Gegner in verlust- reichen Nah- und Waldkämpfen, in unsere Stellungen einzudringen.

 

Die Kampfgruppe selbst war bisher keinen Fußbreit gewichen, wurde aber immer wieder in der Flanke bedroht. Um 02.00 Uhr kam der Befehl, den Bismarck-Turm mit 60 Tellerminen zu sprengen, sonst würde der Turm während des Rückzugs zur Angerapp-Linie der Roten Armee als B-Stelle dienen. 

Bei Nacht bildeten die Leuchtkugeln einen fast geschlossenen Kreis. Nur nach Südwesten waren die Wege in Richtung Angerapp noch offen, jedoch erfolgten schon Überfälle auf Verwundeten-Konvois, die in Schlitten mit Panjepferden in Richtung Angermühle unterwegs waren. Eine ganze Baukompanie wurde vermisst. Es durften im rückwärtigen Gebiet nur noch Doppelposten aufgestellt werden. Die Feindeinbrüche bei Nacht erfolgten so überraschend, dass in vorderster Linie nicht geschlafen werden durfte. Der überlegende Feinddruck machte es erforderlich, dass sich die Kampftruppen auf eine neue Linie zurückzogen. Die Linie verlief am Fluß Angerapp entlang bei Angermühle - Schweden-Schanze.

 

Das 4. FschPzGrenRgt. HG berichtete über sowjetische Angriffe mit Panzern vor der gesamten Front, im Abschnitt des FschJgRgt. allein mit 18 Panzern T-34. Leutnant Knobl meldete dem Regiment, dass auch Oberarzt Becker und Leutnant Göde gefallen waren. Damit hatte das 16. FschJgRgt. ab Nov. 1944 nur noch vier Offiziere. Erneut ließ die Division alle Trosse "auskämmen", um die Stellungen wenigsten bis zum folgenden Tag halten zu können.

 

Die sowjetischen Angriffe rissen nicht ab, die Kämpfe spielten sich bereits 40 km westlich der ursprünglichen Hauptkampflinie ab. Trotz einer schier aussichtslosen Lage leisteten unsere Verbände gegen eine gewaltige Übermacht tapfer und bewundernswert einen als heldenmütig zu bezeichnenden Widerstand bei gleichzeitiger Wahrnehmung unserer selbstverständlichen Pflicht gegenüber den Flüchtlingen im Kampf ums Überleben. Trotz eines allgemeinen Verbotes gab unser Kompanieführer die Weisung, so weit wie irgend möglich Flüchtlinge aufzunehmen und mitzuführen, um nicht von Sowjetpanzern überrollt zu werden. Inzwischen befand sich unser Heimatkreis Gumbinnen völlig in sowjetischer Hand. Der Verlust unserer Heimat bedeutete zugleich verlorene Kindheit, für die noch älteren und uns Soldaten: verlorene Kindheit und Jugend. Deshalb bewegen uns auch nach Jahren des Geschehens solche Berichte und nehmen uns Älteren gefangen. Wir Soldaten stemmten uns gegen die unaufhaltsam westwärts rollende Kriegswalze mit allen noch verbliebenen Kräften als schon alles verloren aber noch nichts endgültig aufgegeben war.

 

Um auf jeden Fall den Abmarsch der Nachhut ungestört sicherzustellen, wurde eine Sturmgeschütz-Batterie zur Reichsstraße 126 geleitet, die nach Osten und Süden sicherte. Mit Beginn der Dämmerung zogen die Reste der Bataillone im Gänsemarsch an zahlreichen Soldatengräbern vorbei und entlang der vielen Fernsprechleitungen in Richtung Angerapp. Am Sammelpunkt in der Stadt fanden sich nur wenige Grenadiere ein. Unsere Situation und die gesamte Lage hatte noch niemand erfasst. Der Regimentsstab war nicht mehr zu erreichen, alle Stabsoffiziere waren abgerückt!

 

Rund um den Ort Angerapp wurden die Reste der Grenadiere zur Orts- sicherung verteilt. In der folgenden Zeit lagen die Stadt und die Bahnlinie am Ostbahnhof und Westbahnhof unter feindlichem Artilleriebeschuss. Vom Dorf Ströpken her waren Granateinschläge zu hören. Wir erhielten den Befehl, das erhöhte Ufer der Angerapp in Richtung Schimmelhof zu besetzen und mindestens diese Nacht die Brücke zu halten. Vom hohen Ufer hatten wir einen guten Einblick ins Hinterland, teils über den Ort und den Gutshof Schimmelhof hinweg. In der Morgendämmerung erkannten wir, dass Gestalten von Haus zu Haus in Richtung Brücke huschten. Wir waren uns einig, dass sowjetische Infanterie in den Ort eingesickert war. Es durfte erst geschossen werden, wenn ganz eindeutig ein russischer Angriff auf die Brücke zu erkennen war. Es war totenstill, nur von einzelnen Einschlägen schwerer Artillerie unterbrochen. In einige Keller wurden Schießscharten zur Sicherung der Stadt Angerapp eingeschnitten oder gebrochen.

 

Unser Rückzugsweg und Sammelpunkt war das Postamt am Marktplatz von Angerapp. Hier standen noch vier Flüchtlingstrecks mit Frauen und Kindern, die nicht mehr weiter konnten. In der Nacht stießen Teile der sowjetischen 352. Division südwärts an Angerapp vorbei nach Westen in Richtung Domäne Gutwallen und machten die Alarmierung des letzten beiden Gruppen des 16. FschJgRgt. notwendig. Die Aufklärung hatte schon um 03.00 Uhr gemeldet, dass sich der Russe im nahen Waldgelände, der Ziegelei Ströpken und Schimmelhof bereitstelle. Der Druck auf Angerapp unweit der Brücke verstärkte sich.

 

Um größeren Angriffen der Russen entgegen zu wirken, besuchte der Kommandeur des FschPzGrenRgt. den Gefechtsstand im Postamt Angerapp und unterstellte dem Regiment eine Gruppe des 16. FschJgRgt., damit die Gegend erneut mit stärkeren Kräften durchkämmt werden konnte. Der angesetzte Stoßtrupp traf bereits 500 m südlich des Vorwerkes Schimmelhof auf ein gesichertes Lager in Stärke von 100 Mann. Da der Russe die Aufforderung zum Niederlegen der Waffen mit Feuer beantwortete, wurde das Lager gestürmt. Ein Major und 28 Mann wurden gefangengenommen. Etwa 40 Rotarmisten gelang es, über die Straße 137 hinweg in Richtung Ströpken zur sowjetischen Hauptfront zu entkommen. Diese Feindteile, dabei Kavallerie, folgten einem Pfad zum Ostbahnhof und weiter in Richtung Weedern.

 

Von der östlichen Front her belegte der Russe indessen weiterhin die Stadt Angerapp mit Feuer schwerer Artillerie und schweren Infanterie- waffen, bei Schimmelhof auch durch Panzer im Direktbeschuss. Die Schwerpunkte der sowjetischen Angriffe lagen südlich der Angerapp- brücke, da an diesen Stellen offenes und festes Gelände die Annäherung feindlicher Panzer ermöglichte. Da von unserer Seite aus nichts geschah, glaubten die Russen, die Brücke erobert zu haben. Unsere Gruppen mussten sich absetzen. Zuerst kriechend, dann gebückt und schließlich freiweg zum Marktplatz zurückziehen. Doch es blieb ruhig, obwohl drei Panzer auf die Brücke fuhren.

 

Um 07.45 Uhr wurde die Brücke mit zwei Tonnen Sprengstoff und mit allem was sich darauf befand, gesprengt. Die Ziegelbrocken flogen weit umher und kamen bis zum Marktplatz auf die Stadt herunter. Zur gleichen Zeit wurden die Brücken über das Ragawiszetal und die Brücke Menturrer Straße gesprengt.

 

Um 08.00 Uhr wurde ein feindlicher Funkspruch mitgehört, wonach sich nunmehr starke Feindteile südlich des Flusses Angerapp zusammen- drängen. Alle Versuche, der stärkste um 08.20 Uhr, scheitern jedoch bei blutigen Verlusten des Feindes im Abwehrfeuer aller Waffen. 

Die Beobachtungen der Verschiebung von Feindkräften nach Westen waren zutreffend. Niemand wusste allerdings etwas Genaues. Man hörte nur, dass es "mulmig" sei und die Frontlage sich dauernd verändere.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Angerapp

 

Die alte Kreisstadt an der Angerapp hat zum dritten Mal einen anderen Namen erhalten. 1539 wurde sie erstmals als Darkeym erwähnt. Bis 1938 hieß sie Darkehmen. Danach wurde sie in Angerapp umgetauft. Die neuen sowjetischen Herren gaben ihr die Bezeichnung Osersk.

 

Die mehr als 250-jährige Stadt - 1725 waren ihr diese Rechte verliehen worden - zählte bei Kriegsbeginn 45.000 Einwohner. Heute kennt man nur ihre Größe in der sowjetischen Bewertung. In Angerapp steht noch ein weiteres Wasserkraftwerk. Es handelt sich dabei ebenso wie in Friedland um die aus deutscher Zeit stammende Anlage. Beide Anlagen wurden im Krieg nicht beschädigt und von den neuen Behörden sofort in Betrieb genommen. Im Kreis Angerapp war folglich einer der ersten, deren Bewohner mit Strom versorgt wurden. Die früheren Eisenbahnlinien gibt es nicht mehr. Vermutliche haben Busse den Verkehr übernommen.

 

 

 

 

 

Die Falle schnappt zu

 

Es begann die Phase des Krieges, in der die deutschen Soldaten in Ostpreußen nicht mehr um den Sieg kämpften, sondern in dem immer deutlicher werdenden Bewusstsein, jedes Opfer bringen zu müssen, um den Bolschewismus von ihren Familien und von ihrer Heimat fern zu halten. Dies geschah in der tiefen Verbitterung darüber, dass alle Nationen der zivilisierten Welt der Sowjetunion mit allen Kräften halfen und dass eine pflichtvergessene Führung durch ihre dilettantische Politik und ihre miserable und brutale Kriegsführung diese Situation im Osten herbeigeführt hatte, aus der sich kein Ausweg mehr bot.

 

Die rote Armee war infolge  ihres materiellen und personellen Nachschubs den deutschen Einheiten deutlich überlegen. Der deutschen Führung war nicht nur ihre strategische Konzeption abhanden gekommen, sie hatte auch ihre taktische Inspiration verloren. Es wurde nur noch improvisiert und das wurde im Kampfge- schehen deutlich.

 

In diesen chaotischen Tagen des harten Kampfes zur Verteidigung von Nordenburg bis Gerdauen fehlte es an allem. Verpflegung, Munition und Treibstoff kamen eher zufällig als organisiert heran. Vor allem benötigten wir dringend die Unterstützung des Artillerieregiments und der Versorgungseinheiten, besonders aber das Panzerregiments, das erst vor Wochen als erste Einheit des FschPzKorps HG mit Panther- und Tigerpanzern ausgerüstet worden war.

 

Diese 1./FschPzDiv. HG wurde am 17. Januar 1945 aus Ostpreußen abgezogen und in Richtung Schlesien gebracht. Wo sie sich befanden, wusste niemand, nicht einmal die Standorte der 1./FschPzDiv. HG und der Divisionsstab waren bekannt. Es galt allgemein der Spruch: "Wenn der Landser nicht mehr mosert, ist die Lage besonders beschissen". Der Aufbruch zum Rückzug aus der Nordenbug-Pentlack-Stellung ging in tiefstem Schweigen vonstatten, nur ein paar knappe Befehle waren zu hören. Ebenso stumm verhielten sich die Gruppen der Flüchtlinge. Fast alle schliefen auf ihren Wagen, nur der Fahrer hatte sich eine Decke über den Kopf gezogen.

 

In der Woche vom 22. zum 29. Januar 1945 entschied sich das Schicksal Ostpreußens. Während es der deutschen 4. Armee gelang, den russischen Vormarsch an ihrer Südflanke zu verlangsamen, brach der Russe in ihrem Rücken in Richtung Frisches Haff nach Norden durch. Am 26. Januar 1945 hatten sich die Russen in breiter Linie im Osten Elbings schon bis an das Frische Haff bei Tolkemit vorgeschoben, womit Ostpreußen nur noch über die Frische Nehrung mit dem Westen verbunden blieb.

 

Drei Tage lang war die sowjetische 48. Armee in schwerer Not gewesen und hatte unter den Angriffen der deutschen 4. Armee etwa 30 km zurückweichen müssen. Einen Tag lang sah es so aus, als könnten die deutschen Truppen südlich Elbing bis Marienburg vorstoßen und damit den Kessel um Ostpreußen aufbrechen. Aber der deutsche Angriff blieb weit vor Elbing stecken. Die Sowjets warfen mehrere Korps und fünf Panzerbrigaden in die gefährdete Front und drängten die deutschen Truppen schließlich zurück.

 

Aufgeregt ging es in den Flüchtlingstrecks zu. Erschreckt verließen Frauen und Kinder so manchen Treck und rannten über die verschneiten Felder in den nahen Wald. Einige der Frauen wollten mit den Wagen nachfahren, kamen aber auf den gefrorenen Schollen der gepflügten Äckern nicht voran und mussten auf die Straße zurück, wo inzwischen eine panikartige Flucht nach Norden eingesetzt hatte. Über eine Stunde lang verbargen sich die Frauen und Kinder in einer Schonung. Als sie sahen, dass die Kette der Trecks nicht abriss und die Wagen wieder in ihr normales Tempo zurückgefallen waren, wagten sie sich wieder hervor. Schüsse waren nirgends zu hören. Von ihrem Treck war weit und breit nichts zu sehen, überall nur fremde Fuhrwerke. Sie gingen zu Fuß weiter und wurden schließlich von unseren Militärlast- wagen des 4. FschPz- GrenRgt bis Gerdauen mitge- nommen.

 

Die fast tägliche Verlegung in neue Stellungen bean- spruchten die Truppe aufs Äußerste. Nachts wurde marschiert, beim Morgengrauen mussten wir die neue Verteidigungslinie beziehen, zum Angriff antreten oder wurden zur Sicherungsaufgaben in Frontlücken einge- setzt.

 

 

 

 

Die Verzögerungskämpfe  

und das Absetzen

 

Der Rückmarsch war seit Angerapp ein stetiger Kampf mit tiefem Schnee, großer Kälte, und glatten Wegen. Bei dem Neuschnee im Januar blieben an der Höhe Gutwallen und Hasenbrück zuerst die Lkw-Kolonnen hängen und verursachen Stauungen, die über Stunden andauerten. Der eisige Ostwind verursachte ständig  Erfrierungen, selbst während des Marsches bzw. des Wartens in freier Landschaft. Die Pferde der Flüchtlinge waren von Schnee und Eis "bedeckt" und hatten Felle wie Eisbären. Die Gesichter der Soldaten waren mit einem Kranz von Reif und Eis umgeben. Jeder musste auf ständige Bewegung der Zehen, Finger, Ohren und selbst der Nase bedacht sein, um keine Erfrierungen zu erleiden. Bei den notwendigen Marschpausen standen die Pferde oft ohne Wasser und mit hängenden Köpfen da, tote Pferde lagen beiderseits der Straße. Wer nicht mehr konnte, blieb liegen, wer liegen blieb, wurde von den anderen überfahren. Den Toten tat es nicht mehr weh und die Räder fragten nicht danach, ob die Menschen jung oder alt waren. Man gewöhnte sich daran. Der Boden war jetzt so tief gefroren, dass es unmöglich war, Gräber in gewohnter Weise auszu- heben. Die Flüchtlinge waren gezwungen, die Toten im Schnee zu beerdigen. 

 

Die 2./Sanitäts-Kompanie und der Stab der 2. FschPzGrenDiv. HG verlegten am 21.01.1945 bei Schneesturm und minus 18 Grad um 18.00 Uhr vom Gutshof Gutwallen in Richtung Trempen, wo die Trosse der Kampftruppen zur Zeit im Gasthaus lagen. Im Belegungsdurcheinander in den Trossräumen von Trempen, wo ja auch Teile der fechtenden Truppe durchzogen und meist nur für Stunden ein Dach über dem Kopf suchten, kam es teilweise zu harten Auseinandersetzungen, wenn von sich überzeugte Hauptfeldwebel in der Funktion von Ortskommandanten für ein paar Stunden glaubten, uns Infanteristen in verdreckten Uniformen und außergewöhnlichen Kleidungsstücken ein Strohlager verweigern zu können. Sobald wir Grenadiere in eine Stadt kamen oder von Gumbinnen über Trempen, Nordenburg, weiter über Friedland, Domnau, Pr. Eylau und Zinten in einem Dorf Quartier nahmen, kamen "Herrschaftsstrukturen" wie in einer Garnison  auf, nur ohne Kasernenhofdrill.

 

Am nächsten Morgen, dem 22. Januar 1945, um 05.30 Uhr mussten wir, die ungebetenen Gäste, schon wieder aufbrechen und marschierten ab 06.00 Uhr über Ernstburg, Adamsheide, Polleiken nach Kurkenfeld. Im nördlichsten Haus am Dorfrand war der Meldekopf eingerichtet, um die zurückmarschierenden Teile - auch solche des FschPzKorps, das nun ebenfalls unter Feinddruck stand - beobachten zu können. Welch ein Unterschied und Gegensatz zwischen dem Gebiet hinter der Front und dem Einsatzraum der fechtenden Truppe! Die als Gefechtsvorposten eingesetzte 14. Pionier- Kompanie hatte bei minus 23 Grad Celsius 14 Ausfälle allein durch Erfrierungen. Diese Tatsache zwang das Regiment, die so wichtigen Gefechtsvorposten zurück- zunehmen und dem Russen die Höhen südöstlich Kurkenfeld, von der aus der Feind gute Beobachtungs- möglichkeiten auf die HKL hatte, zu überlassen. Aber auch die sowjetischen Truppen litten unter dem auch für russische Verhältnisse ganz außergewöhnlich harten Winterwetter und nutzen die Beobachtungsmöglich- keiten nicht aus. Sie veranstalteten ein regelrechtes Planschießen auf die Gutshöfe Korkenfeld, Charlottenruh und Pentlack, das Opfer forderte. Unser Kommandeur Hauptmann D. verlor dabei ein Auge durch einen Splitter und musste dem Chef der 10. Kompanie, Oberleutnant Schink, die Führung des III. Bataillons übergeben.

 

In den Mittagsstunden griff der Russe pausenlos den Südrand von Kurkenfeld und die gesamte Front bis Nordenburg an, in einer Winterschlacht, die in den nächsten Tagen über Sein und Nichtsein unserer Truppe entschied. Die Erdaufklärung vor unserem Abschnitt ergab vermehrte Bewegungen und häufige Motoren- geräusche, die auf feindliche Bereitstellungen schließen ließen. 

Um 15.40 Uhr beantragte Generalmajor Walther beim A.K. allgemeines Absetzen in die Nordenburger Linie, um dort den unmittelbar bevorstehenden sowjetischen Großangriff abzufangen. Das A.K. erwiderte, dass der Befehl zum Absetzen auf keine Fall gegeben werde. Der OB der FschPzGrenDiv. schaltete sich in das Gespräch ein: 

"Dann muss man eben die Folgen ziehen!"

 

Unterdessen waren die Feindangriffe bei Kurkenfeld und damit auch beim 16. FschJgRgt. Schirmer erneut überaus stark, obwohl Gefangenenaussagen und feindliche Funksprüche bestätigten, dass auch bei den Sowjettruppen der Betriebsstoff knapp war und manche sowj. Truppenteile keinen Verpflegungsnachschub erhielten. "Die Rotarmisten sollen sich beides bei den Deutschen holen".

 

Zum Antrag des Absetzens in die Nordenburger Linie ging um 18.00 Uhr beim 4. FschPpzGrenRgt. die kurze Entscheidung ein: 

"Der Führer hat das Verlassen der Nordenburg- SteIlung in Höhe von Kurkenfeld verboten".

 

In den Morgenstunden des 23. Januar 1945, schon ab 07.00 Uhr, bewegten sich größere feindliche Kolonnen aus Schönfeld und Waldburg heraus auf dem Weg nach Kurkenfeld gegen das 3. und 4. FschPzGren. Regiment. Obwohl die 7. und 8./ A.R. HG die Kolonnen unter Feuer nahmen, gelang es jedoch den Russen, im Schneesturm ein ganzes Bataillon in das Wäldchen bei Kurkenfeld heranzuführen und dort zum Angriff bereit- zustellen. Trotz Bekämpfung der Bereitstellung mit Artillerie und Infanteriegeschützen gelang es 40 Sibiriaken in voller Winterausrüstung bei 22 Grad Kälte bis an die HKL um Kurkenfeld heranzukommen,  wurden jedoch zurückgeworfen. Durch Heranbringen von mindestens zwei feindlichen Regimentern im Bereich Kurkenfeld und Nordenburg wurde der Kampf ohne Rücksicht auf Verluste fortgesetzt.

 

Die erwarteten neuerlichen Großangriffe auch gegen Nordenburg und Kurkenfeld - Pentlack begannen. Schon am Vortag waren bei einem notgelandeten sowjetischen Kurier Karten mit Einzeichnungen zu einem Angriff bei der 2. FschPzGrenDiv., gefunden worden, der am 23. Januar beginnen sollte. Die Kampftruppen hatten sich darauf eingestellt. Zur Verringerung der Abschnittsbreite wurde die Grenze des 16./FschJgRgt. an den Ostrand von Pentlack verlegt. 

Ein vom Feind im Abschnitt der 4./FschPzGrenRgt. aufgefahrenes Salven-Geschütz (Stalinorgel) - ein sicheres Zeichen für noch größere Angriffe - bekämpfte unsere Artillerie mit Erfolg. Die Trosse wurden darauf vorbereitet, nochmals Kräfte nach vorne abzugeben, um auf jeden Fall im Abschnitt die wichtige Reichsstraße 139 zu halten.

 

Nach der Zustandsmeldung vom 23. Januar hatte allein die 2. FschPzGrenDiv. zwei leichte und drei schwere Batterien verloren und mindestens die Hälfte der schweren Infanteriewaffen mussten dem scharf nach- drängenden Feind während des Rückzuges überlassen werden. Die Gefechtsstärken der Bataillone betrugen noch 80 bis 100 Mann und ein rascher Ersatz an Menschen und Waffen wurde deshalb zur Lebensfrage der FschPzGren.-Division. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einem Armeebefehl wurde dem FschPzKorps HG als Pflicht auferlegt, einen winterbeweglichen Verband (ein verstärktes Bataillon) aufzustellen. Die scharfe Kälte trieb die deutschen Verteidiger in Ortschaften und Häuser, wenn sie sich am Leben halten wollten. Dadurch entstanden besonders bei Nacht kilometerbreite Frontlücken, die durch Spähtrupps nur ganz unzulänglich überwacht werden konnten. Die Verteidigungsfront im Raum Nordenburg war eine mehr oder weniger zusammenhängende Reihe von Häusern. Die Folge war, dass der Russe abseits der Dörfer ungehindert die "Front" durchschritt und die einzelnen Ortschaften dann in der Flanke und im Rücken umfasste und vernichtete. Von der Truppe und insbesondere von den fechtenden Teilen wurde weiterhin der letzte Einsatz verlangt.

 

Bei nur 18 Grad Kälte am Morgen des 24. Januar 1945 griff der Russe beim 16. FschJgRgt. vergeblich auf der ganzen Front an. Dem Antrag des Regiments beim Korps, nach den vielen Verlusten die HKL auf dem rechten Flügel beim 561. InfRgt. an den Masuren-Kanal heran zu verlegen, wurde entsprochen. Wie schon am Vortag führt der Russe erneut wieder im verschneiten Wald allein gegen das 16. FschJgRgt. in Pentlack sechs Angriffe nach Bereitstellungen. 280 tote Rotarmisten lagen schließlich nach insgesamt zehn Angriffen in Eis und Schnee vor der Stellung.

 

 

Um 16.30 Uhr erklärte Generalmajor Schmalz, dass ein weiteres Zurückgehen zur Rettung der Front im Raum Nordenburg und Pentlack unumgänglich sei. Gegen 20.00 Uhr erteilte der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe die Genehmigung, ab 21.00 Uhr die Front auf eine rückwärtige Linie zurückzunehmen. Damit wurde der schwere Entschluss gefasst, an einigen Stellen die Front nach rückwärts zu korrigieren.

 

 

Der 25. Januar 1945

zwischen Pentlack und Nordenburg

 

Ein Donnerstag und ein sonniger dazu, wurde zum schwarzen Tag der 2. FschPzGrenDiv.HG. Er begann mit verhältnismäßig mildem Frost bei minus 12 Grad. Die aufsteigende Sonne verwandelte das Land in eine weithin überschaubare funkelnde Fläche mit Schnee- kristallen. Am Regimentsgefechtsstand im Gutshof Pentlack erhielt unsere Kompanie um 03.45 Uhr den Befehl zum Weitermarsch in den Abschnitt Nordenburg - Stadtwald, um dort die Waldzone in der Linie Bhf. Stadtwald, Gutshof Friedrichsflur und NordenthaI zu sichern und die Feindteile aufzuhalten. Aussagen von Gefangenen ergaben kein klares Bild von der Stärke der im Wald sitzenden sowjetischen Kräfte. Die angege- benen Zahlen schwankten zwischen 1000 und 4000 Mann. Zwischen dem Bahnhof Karlsburg und dem KI.Bhf. an der Straße von Pentlack nach Nordenburg wurde ein Munitionslager festgestellt, das schleunigst gesichert wurde.

 

V-Leute der 2. FschPzGrenDiv., welche den Feind zum Überlaufen aufforderten, hatten keinen Erfolg, zumal der Russe im Raum Nordenburg zwecks Aufbrechen unserer Front heftig mit zahlreichen Panzern angriff. Im Raum Pentlack entwickelte sich die Lage schlagartig besorgniserregend, als den Sowjets zwischen Pentlack und Bhf. Burgsdorf nach der Aufsplitterung des 16. FschJgRgts. ein tiefer Einbruch mit freien Zugang zum Bruchorter Forst gelang. Es hatte nur eines geringen Druckes an dieser Stelle bedurft, um die Nahtverbindung zwischen dem 4. Regiment und Teilen des FschJgRgts. zu zerreißen. Ich kroch und robbte vorsichtig am Straßenrand entlang, bis ich den jenseitigen abfallenden Hang bis zum Gutshof Nordenthal überblicken konnte.

 

Was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern erstarren. Vier Panzer T-34 stürmten in voller Fahrt auf die Stellung des 16. FschJgRgt. zu, deren über etwa 150 Meter breit verteilte Gruppen ihre Stände und Deckungslöcher nur teilweise in den harten Boden vorangetrieben hatten. Bei ihrem schnellen Angriff schossen die vier sowjetischen Panzer T-34 schon aus größerer Distanz aus allen Rohren. Dabei konnten sie im Gelände und mit ihren wild schaukelnden Bewegungen noch nicht viel anrichten. Uffz. Erwin Roock befand sich plötzlich hinter mir. Ich schrie "Versuche, Hilfe zu holen!" Er machte sich davon, so schnell er konnte.

 

Ich blieb an Ort und Stelle und wurde ohnmächtiger Zeuge des furchtbaren Szenarios, das sich vor mir entwickelte. Die stählernen Kolosse strebten ausei- nander, je zwei gingen den linken und den rechten Flügel der Stellung an und dann kamen sie grausam und methodisch zur Sache. Ohne einen Schuss abzugeben kurvten sie auf die teilweise unfertigen Schützenlöcher und MG-Stände zu, überrollten sie, setzten zurück und drehten sich über jedem Loch und über jedem Mann solange auf der Stelle, bis alles zwischen ihren breiten Rappenketten zermalmt war. Dabei leisteten sie gründliche Arbeit und ließen sich dazu Zeit. Als sie mit den ersten Deckungslöchern fertig waren, war dort nichts mehr zu sehen als die tief aufgewühlte schwarze ostpreußische Erde.

 

Niemand lief davon! Es wäre auch sinnlos gewesen, denn jeder Versuch hätte die Fliehenden in das Schussfeld der Panzer-MGs gebracht. Angesichts des Schicksals ihrer Kameraden stellten sich die übrigen  Männer des FschJgRgts. ihrem Schicksal. Sie nahmen verbissen und kaltblütig ihre Chancen in diesem ungleichen Kampf wahr. Da sie mit ihren leichten Waffen gegen die Panzer nichts ausrichten konnten, blieben sie nach Möglichkeit im toten Winkel der Sehschlitze und der MGs der Ungetüme, sprangen und wälzten sich im letzten Augenblick vor ihnen zur Seite und hielten sich, so gut sie konnten seitlich von ihnen neben den Raupenketten.

 

Mancher hatte bei dem verzweifelten Versuch, so sein Leben zu retten, so viel Glück, dass er ihn mit Erfolg mehrfach anwenden konnte und schließlich davonkam. Alle jungen Soldaten die von Görings schrumpfender Luftwaffe kamen und im November 1944 zum 16. FschJgRgt. abkommandiert wurden, haben es damals nicht überlebt. Ich sah, wie einer nach dem anderen zerquetscht wurde; ich sah es wie in einem Albtraum, verwirrt und betäubt von dem Bewusstsein, dass ich (wir) nichts tun konnten als jeden Tod voll verstörter Trauer mitzuerleben.

 

Später sind immer wieder Fragen aufgeworfen worden, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Warum hatte die Kompanie damals keine Panzerfäuste oder Haft-Hohlladungen zur Panzerbekämpfung zur Hand? Es waren keine vorhanden! Es wäre auch sehr zweifelhaft gewesen, ob jemand sie hätte anbringen können. Denn dazu hätte er auf einen fahrenden Panzer springen müssen. Die Russen kannten die Gefahr und vereitelten dies durch ständige abrupte Richtungswechsel ihrer Kampfwagen. Dabei nutzten sie den Vorteil, dass sie bei ihren neueren Typen T-34 gleichzeitig den Raupenkettenantrieb auf der einen Seite vorwärts und den auf der anderen Seite rückwärts laufen lassen konnten. Auch darin waren sie den deutschen Modellen voraus.

 

In der harten Ausbildung beim ErstRgt.FschPzDiv. HG in Holland gab es merkwürdigerweise keine militärische Ausbildung zur Panzerbekämpfung! 

Alles konzentrierte sich auf Exerzierdrill und andere wenig sinnvolle Kasernenhofspäße, wie das "richtige Vorbeigegehen am Ausbilder in strammer Haltung". Mit viel Geschrei achteten dabei die Ausbilder darauf, dass wir Rekruten immer die Fersen dicht an den Boden pressten. Im Ernstfall hätte ein Granatsplitter diese treffen und so dem Schützen Arsch einen ihm möglicherweise willkommenen "Heimatschuss" verpassen können.

Das Gewehrexerzieren und vor allem die Schleiferei zur Beherrschung des perfekten Stechschritts hätte allenfalls zur gloriosen Parade nach dem Endsieg getaugt. Alles in allem entsprach die Ausbildung kaum den gewaltigen  Anforderungen der Ostfront, denen man uns aussetzen wollte. Sie war mit ihren vorwiegend auf Gewehr- und Paradeexerzieren, Schikanen wie "Maskenbälle" und dem Schrubben der Kasernenflure mit Zahnbürsten untauglich, gehörte aber zu den täglichen und nächtlichen Übungen. Dafür gab es keine Ausbildung mit der Panzerfaust, dem Panzerschreck (Ofenrohr), des Nahkampfes mit Tellerminen gegen fdl. Panzer oder, um Verwundete zu bergen. Es gehörte merkwürdigerweise nicht zur militärischen Ausbildung. 

Nach meiner Beobachtung und Erfahrung war hierfür vor allem das niedrige Persönlichkeits-Niveau des Unteroffizierskorps maßgebend. Was mir wenig behagte, war der menschenverachtende Zynismus der Ausbilder.

 

Die sowjetischen Panzerbesatzungen gingen damals ein hohes Risiko ein. Schon ihre Attacke ohne Infanteriebegleitung war ein Husarenstück, zumal sie mit deutscher Panzerabwehr rechnen mussten. Dass sie nicht zur Stelle war, musste für die Russen als Glücksfall gelten. In jedem Augenblick, der verging, konnten Panzerjäger oder Pak eingreifen. Dass sie ihr Katz- und Maus-Spiel buchstäblich mit jedem Einzelnen unserer Männer zu Ende bringen mussten, kostete sie Zeit. 

 

Ich habe mir später nie eine Vorstellung davon machen können, wie lange die furchtbare Tragödie dauerte, deren fassungsloser Zuschauer ich war. Für mich stand die Zeit still, gleichzeitig verflog sie in einem rasenden Ablauf. Ich war mir aber in jedem Augenblick bewusst, dass nur die Zeit und ein neues Ereignis eine Wende in dem mit mörderischer Logik ablaufenden Geschehen bringen konnte.

 

Das Ende kam ebenso überraschend schnell wie der Anfang. Hinter mir auf der Hanghöhe aus Richtung Nordenburg tauchten drei Panzerjäger auf - "Nashorn mit 8,8-cm-Pak-43" - im selben Moment wandten sich die T-34 zur Flucht. Sie kamen höchstens 150 Meter weit, in Richtung Pentlacker-Wald. Dann bellten die 8,8-cm Kanonen der Panzerjäger kurz hintereinander auf, und sofort lösten sich drei der T-34 in einer Explosionswolke auf. Der vierte versuchte in einer Schneewolke davonstiebend einen Haken zu schlagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nordenburg

 

 

Der aus dem 15. Jahrhundert stammende Bau wurde nach dem Brand von 1705 als rechteckige Feldsteinkirche mit Turm wieder aufgebaut. Der Friedhof wurde geplündert und die Überreste eingeebnet. Viele Zerstörungen kamen nicht durch Kampfhandlungen zustande, sondern durch Siegesfeiern der Russen in Nordenburg. Viel blieb nicht übrig, was an früher erinnert.

 

 

 

 

 

 

Einer der Panzerjäger schoss noch einmal und aus dem Heck des T-34 löste sich eine Stichflamme, das Turmluk öffnete sich, ein Mann der Besatzung versuchte auszusteigen, blieb aber in dem sich in Sekundenschnelle ausbreitenden Feuer seitlich am Turm hängen. Im Nu war er eine lodernde Fackel. Nach allem, was vorangegangen war, war es ein vergleichsweise undramatisch wirkender Abschluss.

 

So schnell ich konnte rannte ich in die Kompaniestellung, hinter mir etliche Angehörige unserer Kompanie. Wir trafen auf die erschöpften Überlebenden, darunter Fw. Paul Hollfelder aus Ansbach, der die Kompanie nach der Verwundung des Kompanieführers führte. Vor dem Angriff waren die Züge 68 Mann stark, die Bilanz: 20 Tote hatte unsere Gefechtseinheit der schwarze Donnerstag in weniger als einer Stunde gekostet; 48 Mann waren noch übrig.

 

Über das Ganze wurde anschließend nicht viel gesprochen. Noch schlimmer - wir erfuhren , dass es verhindert wurde. Als Uffz. Erwin Roock aus Lübeck die Panzerjäger kurz vor dem Bahnhof Nordenburg, in dem der Gefechtstross lag, angetroffen und alarmiert hatte, stellte sich heraus, dass drei Pak-Geschütze etwas weiter im Gutshof Karlsburg an der Reichsstraße 131 westlich unserer Stellung in Schussweite bereitgestanden hatten, aber in der falschen Richtung eingefroren waren und deshalb nicht eingreifen konnten.

 

Dies ist die wahre und richtige Fassung und wenn sie zu Not, Tod und Grauen passt, so möge man bedenken, dass im Krieg vieles unmenschliche geschieht. Diese Menschen, die am eigenen Leib hier in Ostpreußen das kommunistische Glück zu spüren bekommen hatten, wussten bereits, was noch niemand in der Welt wusste: Dass es auf dem ganzen Planeten und in der ganzen Geschichte kein bösartigeres, blutrünstigeres und gleichzeitig raffinierteres Regime gibt als das bolschewistische; dass ihm weder an Vernichtungseifer noch an Beharrungsvermögen noch an radikaler Zielsetzung irgend ein anderes Regime gleich kommt.

 

Sämtliche Ortschaften vor der HKL wurden von der Roten Armee "befehlsgemäß", entsprechend den Weisungen des Genossen Stalin "planmäßig abgebrannt". Wo die Sowjets hindurchgezogen waren, erleuchteten die gespenstischen Feuer brennender Häuser den Himmel. So auch hier. Eine Feuerwand stand abends am Himmel über Nordenburg, der Feind schoss ohne Unterbrechung mit Artillerie in die Stadt, vor allem auf den Ostrand der Swine. Die Kirche und die Häuser brannten an vielen Stellen lichterloh. Für die Infanteristen war das Zurückgehen aus den Kellern und den Häusern der Ruinenstadt Nordenburg unheimlich. Der Übergang über das Eis der Swine, das Erklimmen der steilen Ufer durch teilweise tiefen Schnee und die Granattrichter bei über 18 Grad Frost. Sodann ging es über den vom Brand der Häuser getauten und wieder vereisten Schnee durch die verwinkelten und teils brennenden Gebäudekomplexe.

 

Das alles war mit Bewegungen im freien Gelände nicht zu vergleichen. Im Feuerschein der Brände und im Schatten dunkler Ruinenviertel musste nicht nur auf die gleiche Höhe mit den sich zurückziehenden Nachbargruppen, sondern auch auf die Sowjets geachtet werden, die jedoch nicht folgten. An der Kirchenruine lag der Rauch an mehreren Stellen so tief, dass man kaum atmen konnte.

 

Ab 18.00 Uhr des 25. Januar 1945 ging dann bei Dunkelheit das 4. Regiment und das 16. FschJgRgt. auf die Linie der Eisenbahn bis Kl. Sobrost zurück. Um die gleiche Zeit wurden die Nachsicherungen von Nordenburg-Nord bis Pentlack zurückgenommen und der Regimentsgefechtsstand nach Dreimühl verlegt. Um 03.00 Uhr in der Nacht stand am 26.1.45 das 4. SchPzGrenRgt. trotz aller Schwierigkeiten planmäßig in der befohlenen Abwehrlinie Dreimühl. Während der Russe der zurückgehenden 50. Inf.-Div. und dem 16. FschJgRgt. mit nur ganz schwachen Kräften folgte, hielt der Feinddruck gegenüber des an die Stelle der 61. Inf.-Div. getretenen FschPzGrenRgts. mit unverminderter Stärke an.

 

Nachdem sich der Russe dann am Abend des 26. Januar in diesem Abschnitt bis hart westlich des Masurischen Kanals und weiter bis Wandlacken vorfühlte, versuchte der Kommandeur des II. Bataillons des 16. FschJgRgts. Hauptmann Gr. mit seinem schwachen Bataillon und den noch greifbaren Teilen des Bataillons 1./50 den Einbruch der Russen auf der Linie Masurischer Kanal und der Straße nach Gerdauen abzuriegeln und unter allen Umständen zu halten, da die Feindstärke noch unklar war. Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die erfolgreiche Verteidigung der Stadt Gerdauen für den gesamten Abschnitt von entscheidender Bedeutung sei. Indessen lag Dreimühl unter immer heftigerem Feuer der feindlichen Artillerie und der schweren Waffen. Jede Annäherung an das Dorf war wegen der Lage am Vorderhang und bei Feindeinsicht kaum möglich.

 

Die Feindeinbrüche südlich und westlich Dreimühl verschlech- terten die Situation zunehmend. Nicht nur, dass große sowjetische Einheiten nach Westen drückten und das Dorf von dort bedrohten, der Russe saß sogar überraschend auf breiter Front vor dem Panzergraben, etwa 500 Meter vom Dorfrand. Hauptmann Gr. zog alle zur Sicherung des Ortes postierten Gruppen an den Dorfrand zurück, setzte die Gruppe Roock zur Abwehr am Westrand des Dorfes ein und lief selbst, nach Befehl an den Funktrupp, in die Dorfmitte. Der Russe hatte bereits in der Nacht Pak und "Ratsch- Bumm-Geschütze" in die Randzone am Panzergraben im Süden von Dreimühl vorgeschoben und schoss nun direkt auf alles was sich bewegte.

 

 

Der Funk-Unteroffizier B. als Duz-Freund eines Offiziers unserer Division, der zwecks Erlangung einer Auszeichnung zur "Frontbewährung" bei unserer Kompanie war, brauchte im Artilleriefeuer eine halbe Stunde, um mit dem Funktornister in die Dorfmitte zu gelangen. Der Hauptmann war durch den Einsatz schwerer Waffen so abgelenkt, dass er nicht bemerkte, wie der Uffz. unter den Trümmerberg eines Hauses zurückkehrte. Er gab vor, keine Funkverbindung mit der Division in Gerdauen zu bekommen. Das bemerkte aber unser Hauptmann nicht! (Es wäre Befehlsverweigerung gewesen). Unser Kompaniefunker bekam mit dem gleichen Funkgerät sofort Funkverbindung mit dem Divisionsgefechtsstand, mit Generalmajor Walther im Kreishaus Gerdauen und der Funkspruch ging ab: "Bitte sofort Verstärkung. Feind greift mit starken Kräften Dreimühl an!" (Soweit der Erlebnisbericht aus meinen Tagebuch - 26.1.45)

 

Unerwartet griffen russische Infanteristen in den Vormittagstunden unsere Stellungen mit ihrem durchdringenden "Urräääh" an. Der Russe schoss grundsätzlich auf jeden, überall wo sich etwas bewegte. Infolge von zwei Treffern von Geschossen einer Stalinorgel brannten auch die Reste der Trümmer des Hauses, in dem der Funktrupp schon seine erste Funkstelle eingerichtet hatte. Decken und alle persönlichen Sachen verbrannten, nur mit Mühe kamen die zwei Funker noch durchs Kellerloch hinaus. Auch das erste Haus an der Straße, in dem zuerst der Gefechtsstand war, brannte erneut. Ein Feldwebel sowie einige Pioniere verbrannten infolge der Phosphorgranaten der Stalinorgeln bei lebendigem Leibe. Als einer der Funker am Brandort das Funkgerät retten wollte, erhielt er Feuer von einer russischen Pak und Uffz. B. ging in Deckung.

 

Nach dem Stellungskampf offenbarte sich uns das befürchtete chaotische Bild des Grauens. Tote und Verwundete lagen im Graben. Fest stand, dass der Angriff abgewehrt wurde. Alles was noch schießen konnte, blieb wachsam im Graben stehen. Wir waren rund 80 Männer im Dorf Dreimühl, in Friedenzeiten eine halbe Kompanie, jetzt der Rest eines Bataillons.

 

Wir mussten mit ansehen, wie der Russe aus der Tiefe von Osten her Gruppe auf Gruppe Rotarmisten östlich von Dreimühl in die Waldspitze bei Hochlinden- berg einsickern ließ. Am frühen Nachmittag waren es schon mindestens 800 bis 1000 Mann.

 

Gegen 15.00 Uhr erfolgte mit etwa 300 bis 400 Mann der zweite russische Infanterie-Angriff auf Dreimühl. Unter Einsatz aller Infanteriewaffen, dabei besonders der schweren Maschinengewehre, wurde der Angriff abgeschlagen. Ebenso brach der dritte Angriff um 19.00 Uhr mit etwa 500 bis 600 Rotarmisten kläglich zusammen. In der Dunkelheit gelang es, einen leichten Pak-Zug nach vorne zu bringen, denn die Annäherung an Dreimühl war für uns nur bei Nacht möglich, da der einzige Zugangsweg von Wicherau aus entlang der HKL verlief.

 

Im Laufe der Nacht wurde eine Gruppe des 16. FschJgRgt. eingesetzt, um eine Lücke zu schließen. Eine Entlastung der in Dreimühl kämpfenden Teile trat dadurch jedoch nicht ein. Der Russe kam in dieser Nacht nicht einmal dazu, aufzustehen und zu versuchen, mit Urräh-Geschrei vorzubrechen, er blieb im Einzelfeuer des Vorfelds wie festgenagelt liegen. Verwundete Russen versuchten, nach hinten zurückzukriechen.

 

Wie gebannt lagen sich dann beide Seiten untätig gegenüber, so lange, dass schließlich einzelne übermüdete Männer trotz des Artilleriefeuers an der Waffe einnickten, erschrocken und sich wegen der Kälte erst wieder bewusst wurden, dass jeden Augenblick ein Rotarmist aufstehen und vorpreschen konnte. Ein Splitter einer einzigen kleinen Bombe der "Nähmaschine" riss meine rechte Wange etwas auf. Dabei habe ich nun zum siebten Mal Glück gehabt! Auf der offenen Fläche waren die Verluste enorm, aber auch bei uns gab es viele Ausfälle. Die Toten blieben liegen, die Verwundeten wurden geborgen, was nur bei Dunkelheit möglich war und wurden durch ungesichertes Gelände zum Hauptverbandplatz gebracht.

 

Die Verbandsplätze lagen nahe der Bahnlinie im Dorf Wandlacken. Der Hauptverbandsplatz der I. Sanitäts- Kompanie war ab dem 24. bis zum 26. Januar 1945 im Gutshof Althof am Flugplatz, nördlich Gerdauen. Der Hauptverbandsplatz der II. Sanitäts- Kompanie war nahe der HKL in Altendorf. Bei den teils großen Entfernungen zur Front und dem Weg zu den Hauptverbandsplätzen wurden seit dem 15. Januar Umschlagstellen mit einem Arzt eingerichtet und dadurch die jeweiligen Transport- zeiten verkürzt, um bei der großen Kälte die Zahl der Erfrierungen zu vermindern.

 

Vom 13. bis zum 25. Januar 1945 wurden allein der I. Sanitäts-Kompanie fast 2000 Verwundete und Kranke zugeführt. Bei den Kranken waren Kinder, Frauen und Soldaten mit Erfrierungen vom ersten bis zum dritten Grade. Hinzu kamen Darmkatarrhe infolge schlechter, oft gefrorener Verpflegung. Bei den Verwundeten über- ragten die Verletzungen durch Artilleriegeschosse mit zum Teil schweren Zertrümmerungen und Zerreißungen. Bei allen Einheiten war bei der großen Kälte der Rücktransport der zu bergenden Verwundeten und der Gefallenen entlang der Rückmarschstraßen  besonders schwierig.

 

Die Reste der Grenadierbataillone waren seit Tagen ohne Schlaf und ohne warmes Essen. In der Nacht lautete der Befehl schließlich: "Die Lage beim 4. FschPzGrenRgt. HG zwingt zu einer schrittweisen und kämpfenden Zurücknahme der Stützpunkte im Dorf Dreimühl in die neue Linie Wandlacken-Prätlack." 

Der Russe erkannte jedoch das Absetzen und stieß in die Absetzbewegungen hinein. Dass es trotz zahlreicher schwieriger Lagen gelang, eine neue HKL aufzubauen und zu halten, spricht für die besondere Erfahrung und das Leistungsvermögen des 4. FschPzGrenRgts..

Durch die starken Schneeverwehungen und bei 17 Grad Kälte kam der gesamte Rückzug fast zum Erliegen. Zum Glück hat das FschPzGrenRgt. unter großen Anstrengungen und unter Zurücklassung selbst der Feldküchen den befohlenen neuen Einsatzraum beim Dorf Wandlacken - mit Altendorf als Gefechtsstand, etwa 4 km westwärts Wandlacken - erreicht. In diesem Raum hatten, je nach Lage, die Angriffs- und Abwehr- kämpfe ständig gewechselt. Schon am Mittag hatten die Russen die Bahnlinie zwischen Wandlacken und Gerdauen nach schweren Kämpfen mit etwa 300 Mann und 12 Panzer (T-34) überschritten.

 

 

Verwundete wurden ausgeflogen

 

Es ging um das Kämpfen mit der Luftkrankheit sowie um den Gedanken der Wehrlosigkeit, des Risikos, auf diesem Wege auch noch abgeschossen zu werden. Vier bis fünf Einsätze wurden täglich von Gerdauen und Heiligenbeil aus geflogen und 4.851 Verwundete abtransportiert. Dabei lagen sämtliche Plätze im Kessel von Heiligenbeil ständig in Reichweite sowjetischer Fliegerangriffe. Die San.- Staffel flog trotzdem die vordersten Frontflugplätze an und suchte einen Teil der Plätze auch noch auf, nachdem sie bereits vom Boden- personal geräumt waren. Solange der Boden gefroren war, konnte jede Straße und jeder Platz benutzt werden. Mit Beginn der Tauwetterperiode traten jedoch im März 1945 die größten Schwierigkeiten ein. Dies machte sich vor allem im An- und Abtransport der Verwundeten zu den Einsatzplätzen bemerkbar.

Auf den Straßen kamen die Sanitätskraftwagen nur langsam vorwärts oder blieben liegen. Die verwundeten Kameraden mussten oft mit Pferdefuhrwerken - soweit diese zur Verfügung standen - zu den Flugzeugen gebracht werden.

(von Lt. Hinz)

 

Zwei Sanitäts-Ju's hatten am 26. Januar 1945 Luft- kämpfe mit sowjetischen Jagdflugzeugen. Eine Maschine wurde dabei durch Splitter am Rumpf, eine andere bei fünf Tiefangriffen von vier Schlachtflugzeugen IL-2 auf dem Platz Gerdauen schwer beschädigt. Vier weitere Sanitäts-Jus erhielten Infanteriebeschuss. Die Sanitäts-Störche haben bei Gerdauen im Abschnitt der 2. FschPzGrenDiv. HG Hervorragendes geleistet und zahlreiche Verwundete von den vordersten Linien nach Heiligenbeil zurückgeflogen. Trotz derartiger Präzisions- arbeit hatten die Einsätze jedoch gezeigt, dass die Ju-52 mit ihren Flugeigenschaften für derartige Aufgaben zu schwerfällig war und dass tragbare Einsatzergebnisse nur noch bei einigermaßen günstigen Wetterlagen erzielt werden konnten. Bei Wolkenuntergrenzen zwischen 100 und 1000 Meter konnte die rote Flak 100%ig mit Treffer- wirkung rechnen. Erst das Ausrollen der Maschine im Westen ließ die Besatzungen erleichtert aufatmen. Stand die Maschine, so wurden die Verletzten in Sankas umgeladen und dann begann die Fahrt ins überfüllte Lazarett.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Raum Wandlacken und Prätlack

 

Die feindliche Artillerie beschoss an der Straße von Nordenburg nach Gerdauen die von uns besetzten Ortschaften Wandlacken und Prätlack. Bewegungen der Russen erfolgten in den von den Sowjets besetzten Orten östlich davon, am Gutshof Luisenwerth, Assaunen und Rosenick. In jeweils kleinen Kolonnen und mit Schlitten nahm der Russe offensichtlich Ablösungen vor, denn auf dem gleichen Wege gingen auch Feindkräfte zurück. Sie wurden nur mit Störungs- feuer bekämpft.

Die Nachrichtenstaffel konnte dann sowohl mangels genügend Fernsprechkabel als auch wegen Fehlens ausgebildeter Funker, wegen der weiten Entfernungen zwischen den Gefechtsständen sowie zur Division in Gerdauen nur sehr eingeschränkt unterhalten werden. Gegen Mittag wurde ein Rotarmist eines vorfühlenden feindlichen Spähtrupps bei Rosenick gefangen  genommen und zur gleichen Zeit trieb der Russe einen Spähtrupp gegen Wandlacken vor, wiederum an der Straße nach Gerdauen. Ein großer Angriff der Sowjets unterblieb im ganzen Divisionsabschnitt.

Im Abschnitt der Bataillone des FschJgRgts. verhielt sich der Russe ruhig, beschoss aber mit schweren Granatwerfern am Mittag überfallartig die Stellungen vom stark besetzten Wald östlich von Linde aus. Hier zeichnete sich vor dem 16. FschJgRgt. mehr und mehr eine Schwerpunktbildung seitens des Feindes ab. Auch im benachbarten Gutshof Schiffus waren am Nord- ausgang des Gutshofes und an der Bahnlinie sowie der Straße 131 Feindbewegungen zu beobachten. Sie wurden durch Beschuss mit 8,8-cm-Flak bekämpft.

 

Da die Bevölkerung nicht evakuiert wurde, waren die Häuser von Flüchtlingen und Soldaten eng belegt. Ein Haus, eine Siedlung nach der anderen wurde in den nächsten Tagen schrittweise verteidigt und aufge- geben,  jeweils nur 100 oder 200 Meter weit. Wir waren  immer nur auf Zeitgewinn für den Abzug und Vorsprung der Zivilbevölkerung bedacht. Die sowjetische Infanterie griff laufend die Flüchtlings-Trecks an. Der hauchdünne Schleier der eigenen Infanterie zerriss immer wieder durch die schweren Waffen der Russen. 

Die angreifenden Rotarmisten waren ausgeruht, wurden von schweren Waffen unterstützt und waren in Sieger- stimmung. Die verzweifelten Flüchtlinge versuchten im sowjetischen Panzer- und Artilleriefeuer andere Treck- fahrzeuge zu überholen und verursachen dabei erst recht Unfälle und Verzögerungen. Für eine entschei- dende Wende fehlten hier bei Gerdauen die Kräfte. Der hohe Schnee bedingte zudem außerordentliche physische Kräfte, die Truppe war daher erschöpft.

 

Inzwischen war die allgemeine Lage auf diesem Teil von Wandlacken immer bedrohlicher geworden, und als nun die eigene Artillerie zurückzugehen begann, bildeten sich in den Feuerstellungen der Artillerie Widerstandsgruppen , damit wir die Rotarmisten zwei oder drei Stunden hinhalten konnten. Welcher Geist unter den Soldaten herrschte, mag ein Bericht des Leutnant Hesse vom 4. FschPzGrenRgt. HG zeigen. Der damalige Leutnant schrieb:

"Um Wandlacken und am Bahngleis war ein beson- ders heftiger Kampf entbrannt. Mit der letzten Kraft hatte die 14. Pi-Kompanie des Regiments das Dorf wieder genommen und lag nun an einer hohen Mauer auf freien Feld. Es war eine furchtbare Ernte, die der Tot hier hielt. Aber der Chef des II. Bataillons, Hptm. Schink, der sich bei den vordersten Grenadieren befand, wollte nichts davon hören, dass es zu Ende sei, dass seine Soldaten nicht mehr können. Er richtete sich immer und immer wieder auf, nahm das Fernglas hoch; irgendwo musste der Russe doch sein, bis auch ihn eine Kugel erreichte, ihn mitten durch die Schläfe traf. Feldwebel Knop, springt zu ihm heran, um ihn zu verbinden, doch er hat noch nicht das Mullpäckchen aus der Tasche genommen, da bricht auch er zusammen. Vier Leute sind es gleichzeitig, die den Hauptmann hinter der Mauer schleppen wollen, ein sowjetisches Maschinengewehr setzt ein - drei Soldaten fallen, der vierte kriecht stöhnend, zu Tode verwundet, zurück. Die Verluste mehrten sich rasch, der Zugführer des ersten Zuges, Feldwebel Weithe, fiel durch Halsschuss. An seiner Stelle trat Leutnant Doempke."

 

Während des ganzen Tages litt die Truppe furchtbar unter der Wirkung der feindlichen Luftwaffe. Deutsche Flugzeuge schien es nicht mehr zu geben!? Vielfach forderte das Regiment Schutz durch deutsche Jäger, jedoch ohne spürbaren Erfolg. 

In der Stadt und im rückwärtigen Raum herrschte ein unübersehbares Gedränge von Flüchtlingen, Trossen, Versorgungstruppen, Versprengten und flüchtenden Heeres-Soldaten in großer Zahl. Ein Offizier des AOK forderte dringend Maßnahmen, zumal in der Stadt jegliche Führung fehlte. Man sah, wie schwierig die Befehlsführung infolge völlig unzureichender Verbin- dungen geworden war. Die Straße 131 in Richtung Böttchersdorf war stundenlang völlig verstopft, man begann, sich allenthalben auf die Zerstörung von Kraftfahrzeugen im großem Umfang einzurichten.

 

Um 11.00 Uhr kam nochmals eine Verbindung zum Divisionsgefechtsstand HG in Böttchersdorf zustande. Der Funkspruch ließ erkennen, dass sich die feindliche Zangenarmee um Gerdauen auf ca. 8 km genähert hatte, während die HG-Verbände an der Bahnlinie im östlichen Teil der Stadt gegen diese drohende Ein- schließung kämpften und den scharf nachdrängenden Feind abwehrten.

 

Vor 12.00 Uhr konnten wir zwei stärkere motorisierte fdl. Kolonnen im Raum Prätlack Altendorf erkennen und melden. Wir beobachteten aber auch eine Feind- kolonne von ca. 100 Fahrzeugen und Panzern auf der Reichsstraße 141 beim Vw. Langmichels auf dem Marsch in Richtung Gerdauen. Es zeichnete sich schon eine engere Umfassung durch Panzer ab. 

Das 16. FschJgRgt. erhielt den Auftrag, ein Vordringen des Feindes über die Linie Vw. Korblack, Gutshof Bauden an der Bahnlinie nach Friedland zu verhin- dern. Aus späteren Berichten weiß man, dass sich die Masse der Truppen gegen 17.00 Uhr bei Hochheim nach Norden in Marsch zu setzen begann und die Nachhuten, Teile des 16. FschJgRgt., noch bis 18.00 Uhr am Südrand der brennenden Stadt den scharf nachdrängenden Gegner abwehrten. Die Lage bei Kinderhof wurde zunehmend bedrohlicher.

 

Um 13.00 Uhr unterrichtete dann die Division das 4. FschPzGrenRgt., dass der Russe in unbekannter Stärke mit Artillerie, dahinter geschlossene Infanterie- kolonnen, an der Bahnlinie bei Posegnick südlich Gerdauen gemeldet wurden.

 

Gegen 14.00 Uhr herrschte größere Klarheit über die südlich Gerdauen versprengten Kampfgruppen der 61. Inf-Division und man ließ durch den Ib-Offizier melden, dass sich der Gefechtsstand auf dem Westufer des Banktinsee befände. (Eintragungen im Kriegstage- buch der Divison )

 

Um 15.00 Uhr erfolgte der Einbruch einer feindlichen Kompanie zwischen dem Bahnhof und der Gasanstalt, der von Teilen der 14. Pi-Kompanie bereinigt wurde. Gefangene Russen gaben bei Arnsdorf etwa 80 Panzer an. Danach begann die FschPzGrenDiv. die rückwärtigen Verbindungen (Reichsstraße 131) sichern zu lassen. Die Division hatte den Eindruck, dass der Russe unter beiderseitiger Umgehung die große Straße von Gerdauen in Richtung Friedland und weiter nach Westen öffnen will.

 

Nachmittags unterrichtete das 4. Regiment die Heeres- gruppe über die Zuspitzung der Lage um Gerdauen und stellte den Antrag, die HKL westlich Banktinsee zurückzunehmen, weil ein Absetzen aus der Stadt durch die Bedrohung aus Richtung Flugplatz beim Vw. Althof, Kinderhof und Schlossmühle zu einem Verlust des ganzen Regiments führen könne. Der kommandierende General des FschPzKorps Generalmajor Schmalz lehnt diesen Antrag ab und befahl nochmals, alle Kräfte rücksichtslos auf Gerdauen heranziehen zu lassen. Die vordersten Teile des Feindes erreichten abends den Nordost- und den Südrand von Gerdauen bis zur Kirche, Schule und den Wasserturm. Im Laufe der Nacht betonten die Kampfgruppen gegenüber der Heeres- gruppe wiederholt, dass ein sofortiges Ausweichen auf Böttchersdorf erforderlich sei. Für einen festen Platz in der Stadt Gerdauen stünden allerdings keine Besatzung zur Verfügung. Die Zuspitzung der Lage der 2. FschPzGrenDiv. HG führte dazu, dass sich die Kampftruppen zunächst um Böttchersdorf versammeln sollten. Ganz offenbar waren die obersten Führungs- stäbe noch zuversichtlich, die Front durch ein Zurück- führen schließen und stabilisieren zu können.

 

Wie Hauptmann Dreßler sich mit seinen Kanonieren der zwei 8,8-cm-Kanonen bis zur letzten Granate wehrte und in der befohlenen Stelle im Dorf Prälack ausharrte, werde ich hier schildern. Ein Volltreffer traf den Munitionswagen des zweiten Geschützes, der in Brand geriet und dann nach mehreren Explosionen in die Luft flog. Major Thimey, der sich in der vordersten Linie befand, wurde schwer verwundet, lag mit zersiebten Stahlhelm und Lungenschuss während des ganzen Kampfes bewusstlos beim V.B.

 

Auch der Abteilungsadjutant wurde hierbei mehrfach am Kopf verwundet, blieb aber mit verbundenem Kopf in der Batterie und half bis zum Schluss beim Bedienen der Geschütze. Die Verluste mehrten sich rasch. Unser Gruppenführer des zweiten Zuges, Lt. Penner, wurde durch Arm- und Brustschuss, der Zugführer des dritten Zuges, Lt. Barczewski, durch Oberschenkelschuss verwundet. Sie behielten das Kommando ihrer Kampf- gruppen, trotzdem sie körperlich sehr behindert waren.

 

Von den zwei 8,8-cm-Geschützen feuerte das linke Geschütz auf Ersuchen der Infanterie auf eine 4000 Meter entfernte, deutlich sichtbare russische Batterie zu acht Geschützen, von der zwei Munitionswagen in die Luft flogen. Das rechte Geschütz feuerte mit sichtbarem Erfolg auf auffahrende Artillerie. Die Wirkung war dank der hervorragenden Einheitsgeschosse, die verwendet wurden und der guten Beobachtungsmöglichkeit von unserer Stelle aus fast immer recht gut, bis die Munition zu Ende ging. Die Verluste hatten sich inzwischen auch so gehäuft, dass von einem Abwehrkampf nicht mehr die Rede sein konnte.

 

Die kämpfende Truppe lag jedoch weit verstreut, teils in Kämpfe verwickelt. Die Befehle, sich jetzt aus den Stellungen im Dorf Wandlacken zurückzuziehen, erreichten die Einheiten zu ganz verschiedenen Zeiten. Ablösungen erfolgten nicht, es sollte weiter hinten bei Altendorf eine neue Auffanglinie gebildet werden. Teils durch die nicht befohlenen Absetzbewegungen aber auch unter dem Druck der wieder angreifenden sowjeti- schen Verbände verließen manche Einheiten einer LwFeldDiv. ihre Stellungen, viele fluchtartig, weil das offene Gelände ihnen keine andere Wahl ließ!

 

Nur die Reste der Panzer- Grenadiere mit der 7. und 14. Pi-Kompanie hielten noch bis zum frühen Abend, denn am Tage war es unmöglich, die Kampfgruppen durch Melder zu erreichen. Das 4. FschPzGrenRgt. ging dann in einem Zug bis Altendorf zurück und wurde nicht nur von Osten, sondern auch von Süden angegriffen, hielt aber tapfer seine Stellungen. Wir erhielten dann in der Dunkelheit den Befehl, das Dorf Altendorf zu räumen, gingen in der Nacht in Richtung Gerdauen zurück und bezogen neue Stellungen am Bahngleis, Hbf. Gerdauen, Gasanstalt bis zum Ostufer des Banktinsees.

 

 

 

 

Gerdauen

 

 

 

 

 

 

Vom Morgengrauen des 27. Januar 1945 an lagen alle Anmarsch- und Verbindungswege, die neuen Stellungen am Bahnhof, die B-Stelle an der Ziegelei und Artilleriestellungen an der Schlossmühle, unter dem Feuer angreifender Schlachtflieger. Nach Eintreffen der ersten Meldungen von Feindzusammenballungen bei Altendorf griff der Russe um 09.00 Uhr mit etwa 300 Mann unsere Stellungen entlang der Reichstraße 131 an. Der Angriff wurde ohne Panzer vorgetragen und von uns Grenadieren im Zusammenwirken mit der Flak-Abteilung glatt abgewehrt. Damit hatte der Russe trotz seiner hohen Verluste keinen Boden vor Gerdauen gewonnen. Um 10.00 Uhr schickte das 4. Regiment einen Ordonnanzoffizier zur Verbindungsaufnahme zum Gefechtsstand der Division in Gerdauen, denn vom 4. Regiment war ein Gegenstoß zur Wiedergewinnung der Brauerei beim Vw. Kinderhof geplant.

 

Durch die fortgesetzten Angriffe der Russen mit schweren Panzern und Infanterie war es jedoch nicht möglich, zum Gegenstoß auch nur anzutreten. Mit der Masse ihrer Panzerkräfte drückten die sowjetischen Truppen die Hauptkampflinie ein. Da der Russe gegen Mittag zwischen Rauschen und Hochheim durchgebrochen war und die Reichsstraße 141 in Besitz genommen hatte, hing der rechte Flügel bei der Vw. Kinderhof noch immer in der Luft und wurde stark bedroht, weil noch weiter zurückgegangen wurde. Dadurch verlief die vordere Linie des 4. FschPzGrenRgt. am Mittag durch die Mulde von Kinderhof bis zum Schloss Gerdauen.

 

Haltung der Truppe zur Feindpropaganda

 

Man konnte sich nicht erklären, warum deutsche Offiziere vom "National- komitee Freies Deutschland" - auf sowjetischer Seite kämpfend - deutsche Kriegsgefangene teilweise außerordentlich sadistisch behandelten und so zu Tode brachten. Möglicherweise diente diese Quälerei wehrloser Gefangener dazu, den Makel vorheriger Zusammenarbeit mit Hitler auszugleichen. Wiederholt fanden wir bei Wiedereroberung eines vorher verloren gegangenen Dorfes die in sowjetische Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten mit Seitengewehren erstochenen in irgendeinem Schuppen vor. In einigen Fällen, so bei Friedland/Allenau, mussten sich deutsche Gefangene auf Befehl von Offizieren des "Nationalkomitees Freies Deutschland" ausziehen, um  anschließend nackt dem qualvollen Tode durch Erfrieren bei minus 18 Grad ausgesetzt zu sein. Es handelte sich bei den Toten um eine Gruppe deutscher Gefangener des "Sturmbataillons Lehmann". Wenn von der Truppe des Nationalkomitees Bund Deutscher Offiziere deutsche Gefangene eingebracht wurden, so wurden diese je nach Wichtigkeit ihrer Aussagen dem sowjetischen Regiments-Stab zugeführt. Die Vernehmungen wurden von einer besonderen Abteilung der NKWD (Abkürzung NKWD = Narodny Kommissariat Wnutrennich Del = Geheimpolizei) in Gegenwart des Nationalkomitees durchgeführt!

 

 

 

 Hatte ein deutscher Gefangener eine Aussage gemacht, die nicht von besonderer Bedeutung war, so wurde er nach der Vernehmung erschlagen oder erschossen! Die Russen sahen im Einsatz "Deutsche gegen Deutsche" in Ostpreußen keine Gefahr, weil niemand aus dem Kessel von Heiligenbeil entkommen konnte. Man konnte sich einfach nicht vorstellen oder man hielt es nicht für möglich, dass sich ehemalige deutsche Offiziere nach Durchbruch der Russen durch die deutsche Front bereit finden würden, Marschkolonnen in falsche Richtungen zu weisen und damit in die Arme der Roten Armee treiben würden. Viele deutsche Frauen und Kinder, ja ganze Einheiten, liefen durch solch gewissenlose deutsche Offiziere in das Feuer sowjetischer Scharfschützen und damit in die Vernichtung. Man hielt es für völlig ausgeschlossen, dass ein dem gleichen Heer entstammender Offizier sich in den Dienst des Russen stellen und die eigene Truppe zum Landesverrat und zur Fahnenflucht auffordern könne. (Flugblatt) Mancher kannte die Unterzeichner der Aufrufe persönlich, so die früheren Artillerieoffiziere General Müller und Lattmann, die sich selbst vorher als 100 % Hitler-hörig bezeichneten. Solche Personen forderten zur Fahnenflucht ins Paradies auf.

 

 

Das Verpflegungslager

 

Am 28. Januar war ringsum alles so ruhig, dass uns der Kompanieführer anwies, bereits am Vormittag eine Hühnersuppe zu kochen. Unsere Unterkunft im Dorf Rosenberg zeichnete sich durch eine bemerkenswert hohe Zahl noch vorhandener Hühner aus. Sie waren flugfähig und so intelligent, dass sie sich ausschließ- lich auf den Firsten der Häuser aufhielten, wo sie für uns unerreichbar waren. Ich muss der Objektivität halber bei dieser Gelegenheit bemerken, dass selbst für eine disziplinierte Truppe bei knapper und eintöniger Verpflegung Hühner im Kampfgebiet keine Tabuobjekte waren. Der Mangel an Brot und Betriebsstoff war so groß, dass die mitgeführten letzten vier Brotrationen aufgebraucht waren. Die Kampftruppe war auf Selbstversorgung aus dem jeweiligen Land angewiesen. Für die Soldaten der "Hungerdivision" waren Kartoffeln, und Frikadellen aus Pferdefleisch, letztere lediglich mit Wasser zubereitet, ebenso eine Mahlzeit wie "Kappes" (Weißkraut) in verschiedenen Zubereitungsformen, die mit scherzhaften Namen bezeichnet wurden.

 

Kurz vor Böttchersdorf stieß unsere Kampfgruppe als Nachhut auf ein Verpflegungslager. Wir Landser stürmten es und schoben den händeringenden Zahl- meister zur Seite. Der jammerte, denn er hatte noch keinen Räumungsbefehl und niemand wollte ihm einen geben. Er machte sich dabei lächerlich, denn er ging im Dienstgrad immer weiter nach unten und landete zuletzt bei unseren Gefreiten.

 

Es war für die Truppe einfach unglaublich, was hier lagerte. Wir trauten unseren Augen nicht und stießen uns gegenseitig an, um uns zu versichern, dass wir nicht träumten. Direkt vor uns lagen neben geöffneten Kisten mit Holzwolle kostbar aussehende Flaschen. Ich nahm eine in die Hand und las "Champagne - Veuve Cliquot" und auf einer anderen "Hennessy V.S.O.P ." Auf den Riesenstapeln, die sich dahinter türmten, standen weitere Ehrfurcht gebietende Namen wie "Benedictine", "Bols Chartreuse" und "Cointreau". Allein dieser Berg von Kisten musste Tausende von Flaschen beinhalten. Zehn, zwanzig, dreißig Meter weiter standen andere Gebirge von Kisten und Kartons mit einfachen Schnäpsen, vermutlich gedacht für einfache Kampftruppen wie uns.

 

Es ging weiter mit Schokolade, Pralinen, Hummer und Salami für die Offiziere. Dosen mit Gemüsekonserven und "Knäckebrot" gab es dagegen jeden Tag für die Kampftruppe. Außerdem lagerten Zigarren, Zigaretten (sieben Stück pro Tag) und was sonst die Gaumen der Stabsoffiziere mitsamt ihrem Gefolge erquicken konnte - selbstverständlich alles vom Feinsten. Noch weiter hinten türmten sich hoch aufgetürmt Fässer mit Butter, Butterschmalz, gepökeltem Fleisch, Bier und Trockengemüse.

 

Andächtig betrachteten wir die angehäuften Kostbarkeiten, bis unser Kompaniechef mahnte: "Wir müssen uns beeilen! Nur das Beste aussuchen!" Wir wussten, er hatte Recht; wir konnten nur begrenzte Mengen mitnehmen und da war der Cognac besser als Champagner, Schokolade besser als Kekse, Butterschmalz besser als Trockenerbsen. Wir luden auf, was unser Fahrzeug (SPW) tragen konnte, daneben machte jeder seine private Beute.

 

Mit unserem Coup waren wir allerdings jemanden unbeabsichtigt ins Gehege geraten, der unangetastet seit Bestehen unseres Haufens eine Sonderstellung besaß und die im ureigenen Sinne des Wortes genoss: Albert Remmers aus Bremen, dem die leibliche Versorgung der Einheit oblag. Er war der merkwürdigste Mann in der Kompanie und sah so aus, wie er hieß und es seiner Stellung entsprach: wohl genährt, rundlich, rosig und er wurde nie ausfällig.

 

Unser Koch, der Unteroffizier mit den russischen Frauen Luba und Katjuschka, war unserem Fourier ergeben wie ein Hund. Die beiden stammten, wie die meisten im übrigen Tross unter der Allmacht vom Spieß N., ebenfalls aus Bremen. Der Fourier A. Remmers war ein Mann von Grundsätzen. Dazu gehörte das Prinzip, dass man Soldaten ein gutes Essen nicht zu oft bieten sollte, damit sie es als Ausnahme empfanden und damit die Bedeutung des Fouriers zu schätzen lernten. Andererseits: Für irgendeinen Fraß sorgte er immer und machte sich auf diese Art unentbehrlich. Wegen einer bei einem sowjetischen Feuerüberfall erlittenen Verwundung bekam unser Fourier Remmers das "Verwundetenabzeichen" verliehen und er trug es mit Stolz.

 

 

Lageentwicklung am 28. Januar 1945

 

Auf dem Rückzug nach Westen hatten wir Böttchersdorf erreicht und dort eine neue Sicherungslinie aufgebaut, und schon standen die Sowjets vor dem Dorf. Der planmäßige Rückzug in Richtung Norden wurde um 18.00 Uhr von Gerdauen aus eingeleitet. In dieser Nacht vom 27. zum 28. Januar 1945 blieben mir Bilder der nackten Brutalität des Krieges unvergesslich. Da war eine vorüberfahrende Kolonne. Im mit Scheinwerferkappen abgeblendeten Licht der Fahrzeuge sah ich einen toten Soldaten, quer über der Straße mit angewinkelten Armen liegen, ob Russe oder Deutscher, war nicht mehr erkennbar. Wenn ein Rad über ihn fuhr, hob sich der steif gefrorene Oberkörper an und es wirkte wie eine verzweifelte Geste oder Bitte um Hilfe.

 

Auch die folgende Szene war exemplarisch für die neue Dimension, die den Krieg zu beherrschen begann: In einem schmalen Straßen- stück am Bahnhof Schnackenhof begegneten wir einer Abteilung von Tigerpanzern. In beiden Richtungen waren alle Fahrzeuge so dicht aufgefahren, dass es unmöglich war, durch Zurücksetzen mehr Bewegungsraum zu schaffen. Direkt vor mir hatte der Fahrer eines Beiwagen-Krads in einer besonders engen Biegung versucht, für den Gegenverkehr dadurch mehr Platz zu schaffen, dass er so dicht wie möglich an die steile Wegbegrenzung heran und in den dort tieferen Schnee fuhr. Weil die Fahrbahn nach seiner Seite hin stark abfiel, kam er nicht mehr frei. Ein entgegenkommender Tigerpanzer setzte sich in Bewegung, um die Stelle zu passieren, begann jedoch auf der schrägen, vereisten Straßenfläche abzugleiten. Der Panzerfahrer hielt zwei Meter vor dem Krad an. Der im Turmluk stehende Panzerkom- mandant, der bei relativ hellem Licht der massierten Fahrzeuge an den Kragenspiegeln als Leutnant einer Heeresabteilung deutlich erkennbar war, schrie den Kradfahrer an: "Machen Sie sofort Platz!" - "Ich kann nicht", erwiderte der, "ich stecke fest! - Ich muss mich erst frei schleppen lassen! Sie können so nicht vorbei ohne abzurutschen!" - "Sie werden sehen, was ich kann!" - Der Leutnant gab über sein Sprechfunkgerät einen Befehl nach unten. Der Panzer rollte an, verlor augenblicklich seine Bodenhaftung und schlitterte mit einem Krach gegen das Krad. Das linke Bein des Kradfahrers war bis zur Hüfte nur noch eine zerquetschte blutige Masse. Der Panzermotor erstarb, einen Augenblick herrschte gespenstische Stille, nicht einmal der Kradfahrer gab einen Laut von sich. Er blickte für einige Sekunden auf sein zerquetschtes Bein, dann zog er seine Pistole und schoss erst dem Panzerkommandanten und danach sich selbst durch den Kopf.

 

Es geschah noch mehr Denkwürdiges. In einer unserer kurzfristig bezogenen Stellung sicherten wir als Nachhut die Reichsstraße 131. Aus unseren Quartieren der Bauernhäuser des Dorfes Rosenberg hatten wir eine weite Sicht in Richtung Gerdauen zum Iwan, von dem jedoch nichts zu sehen war. Trotzdem wurden Außenposten aufgestellt und für eine Stunde war ich einer von ihnen. Um mir die Zeit zu vertreiben, gab ich mit meiner Pistole 08 zur Übung eine Reihe von Schüsse auf einen Baumstumpf ab. Danach entfernte ich nach Vorschrift eine noch im Lauf steckende Patrone, sicherte die Waffe und legte mich aufs Ohr. Uns allen war bekannt, dass die 08 eine heimtückische Waffe war. Sie konnte noch einen Schuss auslösen, wenn das Magazin herausgenommen und der Kolben von Lauf und Verschluss abgelöst waren. Diese beiden Teile bildeten eine Einheit, die man nach Betätigung der so genannten Abzugstange trennen musste. Wenn man nach Entnahme des Magazins eine möglicher- weise im Lauf befindliche Patrone nicht entfernt hatte, löste sich ein Schuss. Dies war mir passiert. Die Kugel war in Hüfthöhe durch meine Hose gefahren und war unmittelbar am Kopf meines Kameraden Roock vorbei in einen verglasten Schrank geschlagen. Für den Vorfall gab es anschließend eine Erklärung. Während ich schlief, hatte einer meiner Stubengenossen meine Pistole zur Hand genommen, dabei auch durchgeladen und sie dann, gesichert, aber nicht entladen, wieder hingelegt, als ich sie in dem vermeintlich von mir ordnungs- gemäß versorgten Zustand reinigen wollte. Trotzdem: Es war meine Waffe, ich hatte die Verantwortung. Mit etwas weniger Dusel hätte die Sache für mich schlimm ausgehen können. Aber es wurde nicht weiter darüber gesprochen.

 

Um Befehle zu erhalten, begab sich unser Kompaniechef indessen nach Friedland, dem bisherigen "Urlaubsstop für die Fronttruppen". Aber Friedland war schon leer und machte einen trostlosen Eindruck. Nur noch Reste des Stabes vom bisher hier befindlichen FschPzKorps waren noch da, aber auch schon abrufbereit. Alle Versuche, Befehle oder Anweisungen zu bekommen, scheiterten und deren Verbleib war zu dieser Zeit ungeklärt, da niemand angeben konnte, wo sich der Stab exakt befand. Unsere Kompanie hatte sich in ihrer Not dem zuerst angetroffenen 61. Inf.-Rgt. in Böttchersdorf angeschlossen und dort eine Sicherungslinie aufgebaut. Ein feindlicher Vorstoß in Richtung Böttchersdorf, der die Straße nach Allenau (östlich des Stilusees) sperren sollte, wurde von der Gruppe der Panzerjäger- Kompanie und Teilen der Sturmgeschütz-Abteilung HG vor dem Ort Böttchersdorf aufgehalten. Um aber der drohenden Einschließung in Böttchersdorf zu entgehen, griffen drei Tiger-Panzer entlang der Straße nach Marienberg Schönwalde an und erreichten dieses Dorf (nordöstlich). Sie mussten aber noch einmal zurück, da der Russe den Ort Hohenstein (westlich) noch besetzt hielt. Im Zweiten Weltkrieg war in diesem Waldgebiet ein Sicherungsbataillon eingesetzt, geführt von Major Herbst, welches dem Reichsmarschall direkt unterstellt war. 

 

Infolge des durch die frühzeitig Fersengeld gebenden Stäbe verur- sachten totalen Führungs-Chaos, mussten wir in eine Ortschaft, die sich bereits im Operationsbereich der Roten Armee befand. Die Russen stießen zwar mit schnellen Verbänden massiv auf Böttchers- dorf vor, beherrschten aber noch nicht die erfolgreiche deutsche Taktik der Durchstöße durch die Frontlücken, wie es sie in der Lage um Böttchersdorf reichlich gab. Kaum hatte unsere Kompanie die Stellung notdürftig ausgebaut, rannten die Russen immer wieder mit Verwegenheit frontal gegen sie an und hatten dabei auf dem freien Schneegelände große Verluste. Einen Kilometer weiter östlich oder westlich hätten sie unsere Auffangstellung leicht umgehen und uns nach den Regeln der modernen Kriegsführung bequem einsacken können. Die Situation wurde für uns von Stunde zu Stunde mulmiger.

 

Die Russen vor unserer Auffangstellung waren deutlich überlegen und griffen immer wieder rücksichtslos an. Das Ausharren hatte immerhin den gewünschten Erfolg. In der Abenddämmerung bemerkten die Posten viele Gestalten, die sich unter Umgehung unserer Kompanie- stellung von Südosten her auf unser Dorf zu bewegten. Wir richteten uns unverzüglich zur Verteidigung ein, bemerkten aber dann zu unserem Erstaunen, dass es sich um einen ungeordneten Haufen ohne Waffen handelte. Die Ersten, die auf Rufnähe herankamen, schrieen laut: "Wir sind Deutsche, Kamerad! deutsche Soldaten! Nicht schießen!" Mindestens 50 Mann hasteten an uns vorbei, riefen immer wieder: "Da kommt der Iwan!" und waren nicht aufzuhalten. 

Es handelte sich um Angehörige eines Infanterie-Regiments. Sie wurden von sowjetischen Truppen bedrängt, waren in Panik geraten, hatten ihre Ausrüstung im Stich gelassen und keinen anderen Rat gewusst, als prompt Fersengeld zu geben. Wir wagten nicht zu fragen, was aus ihren Offizieren und den anderen geworden war.

 

Der Vorfall bestärkte unser Gefühl, eine Insel in einer unkontrollierbar gewordenen Flut zu sein, die jederzeit über uns zusammenschlagen konnte. Die fast stündlich wiederholte Nachfrage des Kompaniechefs beim Korpsstab, (der war jetzt schon in Domnau) ergab jedoch als stereotypes Ergebnis nur den Befehl: "Weiter die Stellung halten! Es kommen noch Leute von uns!"

 

Eine ganze Weile geschah weiter nichts, die Gruppe hinter mir im Graben schlief im Sitzen den vielfach geübten Landser-Schlaf. Ich selbst war auch ein wenig eingenickt, als weiter hinter mir ein lautes Hupen ertönte, das bald zu einem unangenehmen Daueralarm ausartete. Ich war nicht in der Laune, mich davon beeindrucken zu lassen und reagierte in der ersten Lärmpause nach hinten gewandt mit der laut gebrüllten kommissüblichem Standard-Empfehlung: "Leck mich doch am Arsch!" Der Effekt war beträchtlich. Sekunden später taucht ein Mann in kostbarem Generals-Pelz auf, den ich sofort erkannte. Es war leibhaftig unser Divisionskommandeur: General- major Schmalz. "Na, was sagten Sie da, was soll ich tun?" - "Ich bitte um Entschuldigung Herr Generalmajor!"

 

Während bis jetzt im Gelände nur noch einzelne  versprengte Truppen auf dem Marsch nach Westen gesichtet wurden, erhielt der Kompaniechef vom Generalmajor Schmalz die Meldung, dass aus Richtung Schönbaum ein Treck von Versprengten die freigekämpfte Rückmarschstraße bei Schönwalde erreicht habe. Ein Offizier begab sich an die Straßengabel, um die Versprengten über die Lage zu unterrichten. 

 

Als er dort ankam, bot sich ihm ein ergreifend beeindruckendes Bild. In ihren Gesichter hatten sich die Entbehrungen und Strapazen der letzten Woche bei einer verhältnismäßig freundlichen Temperatur von etwa 20 Minusgraden tief eingekerbt. Tagelang hatten sie kaum etwas anderes zu essen bekommen als etwas verschimmeltes trockenes Brot. Tag und Nacht von den Sowjets gehetzt gönnten sie sich keine Ruhe. Immer auf der Hut vor Überraschungen mussten sie wach bleiben, auch wenn die Überanstrengungen noch so groß waren. Der Offizier rief ihnen zu: "Eine Panzergruppe der 2. FschPzGrenDiv. ist vor Schönwalde und holt Euch raus! 6 km sind es noch bis zur deutschen Hauptkampflinie! Wenn Ihr es bis hierhin gebracht habt, dann schafft Ihr die letzte Strecke auch noch!"

 

 

 

 

 

 

Hier war im Januar 1945 der Truppenverbandsplatz (TVP)

 

Gasthaus in Böttchersdorf gegenüber der Kirche

Regimentsgefechtsstand am 28. Januar 1945

 

Der Zweite Weltkrieg verschonte diese Kirche,

nach dem Willen der Sieger wurde die Kirche 1960 zerstört

 

 

 

 

Allenau

 

Die Kirche wurde Anfang des 15. Jahrhunderts erbaut. Ein Einschuss der sowjetischen Artillerie im oberen Teil des Turmes und eine gewaltige Bresche im Giebel der Kirche zeugen davon, dass die Kirche während des Krieges am 27. und 28. Januar Artillerie-beschuss ausgesetzt war. Durch herabfallende Ziegel wurden die Wände und die Wandmalereien beschädigt. Die Wetterfahne und das Kreuz auf dem Turm sowie das Kreuz auf dem Ostgiebel sind erhalten. Die Sakristei wurde 1980 zerstört. Nach dem Krieg wurde die Kirche als Schweinestall und als Lagerhalle genutzt. Seit 1990 wird die Kirche nicht mehr genutzt. Sie befindet sich in einem vernachlässigten Zustand.

 

 

 

 

 

Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. In den harten Gesichtern leuchtete wieder Lebensmut, und mit neuen Kräften ging es weiter westwärts. Aus fiebernden, tief

liegenden Augen blickten Schwerverwundete dankbar auf, schleppten sich, von Kameraden gestützt, wortlos weiter. Der Bataillons-Arzt versorgte die dringendsten Fälle. Bei dem Gedanken, dass wir uns sozusagen auf verlorenem Posten in der großen Ortschaft Böttchersdorf aufhalten mussten, war uns allerdings nicht besonders wohl, zumal immer wieder in einiger Entfernung MG-Salven und Gewehrschüsse zu hören waren. Daraus wurde, gerade als wir eine Aufwärmpause antreten wollten, schlagartig ein regelrechter Feuerüberfall mit Waffen aller Art und Kaliber, der unser Dorf unter Beschuss nahm.

 

Um uns herum und an allen Ecken und Enden detonierten Granaten. Wir suchten in einem Graben an der Hauswand Deckung, so gut es ging. Da von uns niemand zurückschoss, wurde das Feuer bald eingestellt. Auf dem Hügelkamm vor uns tauchten zahlreiche Fahrzeuge auf, von denen sich einige aus dem Verband lösten und schnell auf uns zufuhren. Wir erkannten sie bald als deutsche Fahrzeuge und wir gaben uns zu erkennen. Nach einigem Palaver, in das auch die Besatzung der Schützenpanzerwagen (SPW) einbe- zogen wurde, die quer durch die Ortschaft gerollt waren und zu uns stießen, stellte sich Folgendes heraus. Am anderen Ende des großen Dorfes, in dem wir uns befanden, war - was wir aber nicht wissen konnten - der Unteroffizier und Waffenmeister Erwin Roock von einer unserer Kampf- gruppen mit drei Mann zurückgeblieben, weil er ein MG instandsetzen sollte. Beim Einschießen der Waffe platzierte er eine Salve mitten in der SPW-Kolonne, der Aufklärungsabteilung unserer Division. Sie prasselte - ohne Schaden anzurichten - auf die Panzerungen der Fahrzeuge. Wie im Krieg und in Westernfilmen üblich, schossen die Getroffenen zunächst einmal aus allen Rohren zurück und unterzogen erst dann das Ziel und die Wirkung der Aktion einer näheren Prüfung.

 

Nachdem auch dieses Abenteuer zu einem guten Ende gekommen war, zogen die SPWs mit ihren Mannschaften ab. Alle Befehle dieser Stunden wirkten mehr oder weniger konfus. Das war damit zu erklären, dass die nur noch schwachen deutschen Abwehrkräfte mit einer Taktik eingesetzt wurden, bei der sie sich dem angreifenden Gegner mit elastischem Widerstand anpassten und ihn durch schnelle Truppenbewegungen irritieren sollten.

Dies konnte nur mit motorisierten Einheiten improvisiert umgesetzt werden. Die Lage in Böttchersdorf zwang dazu, unsere Gruppen zurückzunehmen. Erhebliche Verluste gab es infolge laufender Einsätze der sowjetischen Luftwaffe, die mit keinerlei deutscher Luftgegenwehr zu rechnen brauchte. Weiter westlich bei Hohenstein wurde während dieser Zeit die "Gruppe Lindig" von überlegenen sowjetischen Kräften zwischen Kaydann und Hohenstein umgangen. Die Rote Armee nahm nahezu ohne deutschen Widerstand die Orte Kaydann und Heyde nahe der Alle. Gleichzeitig zweigten sie Verbände zu einem weiteren Vorstoß nach Allenau und zum Südausgang Friedlands ab und verlegten uns dadurch den Rückzug nach Norden. 

 

In dieser kritischen Lage erteilte die Division unserer Gruppe den Befehl, sich in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar hinhaltend kämpfend etwa 8 km nach Norden abzusetzen und einen Abschnitt zwischen der Bahnlinie und dem Ort Allenau zu besetzen. Außerdem erhielt unsere Gruppe den Auftrag, Verbindung zur 61. Inf.-Div. aufzu- nehmen. Dazu sah sich unsere Gruppe allerdings angesichts der starken Inanspruchnahme nicht in der Lage. Einerseits mussten wir den Vorstoß der Sowjets im Friedländer Stadtwald auf Friedland abwehren, außerdem die Reichsstraße 131 für die Rückmarschierer offen halten. Über die Stärke der sowjetischen Verbände fehlte immer noch eine zuverlässige Aufklärung.

 

Verständlicherweise wird sich ein späterer Leser zu diesem Zeitraum immer wieder die Frage stellen, weshalb nicht das eine oder andere unternommen wurde. Man hätte doch gleich eine Abwehrlinie zwischen Stadienberg und Allebrücke ziehen können. Dazu muss man aber bedenken, dass zu diesem Zeitpunkt teilweise noch ost- wärts der Alle große Menschenmassen standen, die sich über die Allebrücke nach Friedland hinüberzwängten. 

 

Im Bahnhof trafen sowjetische Bomben mehrere zum Abtransport beladene Flüchtlingszüge und richteten erheb- liche Verluste an. Die Hauptgleise blieben hierbei weiterhin benutzbar, so dass die bewegungsfähig gebliebenen Züge sogleich aus dem Bahnhof herausgezogen wurden. Im Laufe des Tages wurden die Stadt und der Bahnhof Friedland geräumt. In der herrschenden Aufregung bemerkten die Flüchtlinge in den hinteren Wagen des Zuges nicht, dass die vordere Hälfte des Zuges den Bahnhof verließ. Der ganze Zug wäre für die vorgespannte Maschine zu lang gewesen und so hatte man den Zug einfach in der Mitte auseinandergekoppelt und dem Lokführer unauf- fällig das Zeichen zur Abfahrt gegeben.

 

Diese Vorgänge hatten auf die Flüchtlingsbewegung eine verheerende Wirkung. Gegen Ende Januar waren fast sämtliche Hauptstraßen für Zivilisten gesperrt worden. Die fliehende Bevölkerung, die im Begriff war, sich nach Norden zum Haff zu wenden, wurde durch die Truppenbewegungen vorerst wieder in Nord-Ost-Richtung nach  Allenburg gezwungen und musste dazu noch mit ihren schweren Wagen auf kaum befestigte Landstrassen und Feldwege ausweichen.

 

In Friedland, 67 Kilometer südwestlich von Königsberg, begannen sich die Dinge zu überstürzen. Friedland wurde am Morgen des 28. Januar zum Gefechtsstand der 50. Inf.-Div. und der 61. Inf.-Division. Unsere Kampf- truppen der 2. FschPzGrenDiv. lagen zwischen der Eisenbahnbrücke an der Alle und dem Stadienberg an der Straßenbrücke zur Stadt. Hier war Uffz. Erwin Roock mit drei Mann zur Verkehrsregelung abkommandiert. An der Brücke begegneten ihm der Kommandierende General, Generalmajor Schmalz und der Stadtkommandant von Friedland, Hauptmann Sauvant. Rückflutende Truppen überschwemmen die Stadt. Auffangkommandos unserer Division sammelten sie vor der Brücke ein und alle mussten zurück zur Front.

 

Feldgendarmerie, die Kettenhunde, sie waren nicht mehr im Kampfgebiet von Friedland!

 

Am Mittag gab es einen Auftritt an der Alle-Brücke. Im sowjetischen Artilleriefeuer stauten sich Hunderte von Flüchtlingen, weil nicht nur die Fahrbahn, sondern auch die Gehwege gesperrt wurden. Es waren wenige dabei, die einen Wagen hatten, die meisten schleppten Handgepäck und schoben Kinderwagen oder zogen hochbe- packte Rodelschlitten hinter sich her. Als Generalmajor Schmalz und Hauptmann Sauvant dazukamen, drängten sie sich um ihn. Frauen, Greise, Kinder jeden Alters schimpften auf die Partei. Generalmajor Schmalz schlug seinen Pelzmantel auf, um seine Uniform zu zeigen und schleuste alle in einer Schlange auf dem Brücken- Gehweg hinüber. 

 

Am Schillerpark wurden Geschütze gesprengt, das Käsewerk am Bahnhof und die Eisenbahnbrücke sanken in die Alle, dann wurde innerhalb einer Stunde Friedland geräumt. Als der Aufbruch kam, dachte jeder nur an sich selbst. Der größere Teil der Einwohner packte Clubsessel und allen möglichen Hausrat auf ihre Wagen, statt sich um die Fußgänger zu kümmern. Meist jüngere Frauen und Kinder zogen ihre Schlitten und Handwagen hinter den Pferdefuhrwerken her. Viele erschöpfte, vor Kälte starrende Menschen waren in Panik geraten und hatten ihr Gepäck im Stich gelassen. Nach Einbruch der Dunkelheit schien Friedland wie ausgestorben.

 

Es gibt keine genauen Zahlen, doch starben in diesem ostpreußischen Winter 1945 schätzungsweise mehr als 100.000 deutsche Menschen.

 

Der Russe griff nun auf ganzer Front, meist in Bataillonsstärke an. Nach dem begonnenen Absetzen der Masse sollten sich am 28. Januar auch die Nachhuten um 21.00 Uhr im Einvernehmen mit der 50. Inf.-Div. aus Friedland lösen. Danach sollte das 61. Inf.-Rgt. im Anschluss an das 4. FschPzGrenRgt. zunächst auf die Linie Deutsch- Wilten und später bis zur Eisenbahnlinie beim Gutshof Pr. Wilten zurückgehen. Die ganzen Bewegungen verzögerten sich allerdings, da die Nachhutgruppe des 4. FschPzGrenRgt.s, die nur bis 22.00 Uhr die Stellung in Friedland halten sollte, nicht planmäßig bis 23.00 Uhr in Deutsch-Wilten eintraf. Dann kam der Befehl, auch mit der letzten Kompanie, die noch an der Reichsstraße 142 gesichert hatte, in Richtung Pr. Wilten abzuziehen und nicht länger auf die Nachhutgruppe zu warten, da die Verbindung zu ihr abgerissen war. Das Zurückgehen der ganzen Division erfolgte nun planmäßig. Als die Masse der Division Lindenhof und Gr. Klitten durchschritten hatte und sich nur noch die Nachhut auf der Straße nach Domnau befand, welche die verstärkte Kompanie des 50. Inf.-Rgt. in Lindenhof abwartete, begab sich der engere Stab nach Domnau. Die letzten Nachhuten der FschPzGrenDiv., welchen noch Sturmgeschütze zur Verfügung standen, hatten um 03.00 Uhr noch einmal leichte Gefechtsberührung mit ersten nachdrängenden sowjetischen Spitzen.

 

Der Marsch der Regimenter in die befohlenen neuen Räume führte zunächst durch die "Ic-Linie" zwischen Gr. Klitten und Gr. Saalau, welche von der 50. Inf.-Div. zu halten waren. Das gestaltete sich durch die schlechten und nun wieder vom Schnee verwehten Wege äußerst schwierig. Insbesondere das 61. Grenadier-Regiment, welches von der Straße nach Powayen abweichen musste, um als Korpsreserve vor der FschPzGrenDiv. zu stehen, hatte verwehte Strecken zu überwinden.

 

Von Osten loderten Brände, von dort war ebenfalls Kanonendonner zu hören. Der Marsch ging in die Nacht hinein. An der Steigung südlich Domnau vorbei, wo zur Entlastung der Trecks und der Militärfahrzeuge noch entrümpelt wurde, lagen weggeworfene Dinge aller Art. Als vor Domnau ein Leutnant der 50. Inf.-Div. rücksichtslos in die Kolonne hineinfuhr, wurde er von dem für die Verkehrsregelung verantwortlichen Hauptmann unserer Division angehalten und es kam zu einer kurzen Auseinandersetzung, bei der beide die Pistolen zogen. Als sich das allge- meine Tobuwabohu zu ordnen begann, bot sich zwangsläufig das folgende Bild der Szene. Um den Platz des Geschehens herum standen die inzwischen hellwach gewordenen Männer des Gefechtstrosses unserer Kompanie. Die Motoren liefen, der Fahrer des Leutnants saß am Lenkrad. Gerade als er sagte: "Ab nach Domnau!" , traten ihm etliche Männer in den Weg. "Du kannst doch nicht...", knurrte der Waffenwart Roock drohend "...mit allem hier abhauen und uns mit der Notration zurücklassen! Lade erst mal ab!" - "Darüber verfüge ich!" , keifte der Leutnant zurück, erntete aber rundum nur höhnisches Gelächter.

Ich stieß Erwin Roock, der neben mir stand, leicht an, entfernte mich gerade weit genug, um eine Gewehrgranate in etwa 20 Meter vom Fourage-Lkw zu werfen, wo die Versammlung stattfand und hatte prompt den gewünschten Erfolg. Als ich unauffällig und entsprechend langsam zurückkam, hatte Erwin bereits die Heckklappe am Lkw geöffnet und von der hohen Ladung eine Kiste heruntergeworfen. "Mehr!" riefen etliche Stimmen. Und als ich rief: "Schokakola!" riefen andere im Chor: "Schokakola, Salami, Knäckebrot!" Nach einigen Kartons meinte dann der Leutnant mit wehleidiger Stimme: "Das muss aber genug sein!"

 

 

 

Pr. Eylau

 

Das L`Estocq - Denkmal von 1807 steht auf einem Hügel von Pr. Eylau. Rechts ist eine der beiden übrig gebliebenen Kanonen zu erkennen. Am 7. und 8. Februar 1807 trotzten in Pr. Eylau und am 14. Juni 1807 in Friedland einst die verbündeten Armeen deutscher und russischer Verbände der für unschlagbar gehaltenen Armee Napoleons. Fast wäre es ein Sieg geworden, hätten die Russen nicht gezögert, sondern - wie die Preußen es wollten - die Gelegenheit ergriffen und das Schlachtenglück ausgenutzt. So kam Kaiser Napoleon noch einmal mit einem blauen Auge davon. Später marschierte er von hier aus in Russland ein. Unverändert wird das Denkmal gepflegt, das am Ende der Alle auf dem Hügel zwischen der Straße und der Eisenbahnlinie nach Bartenstein steht. Es erinnert an den Mann und seine Soldaten - allesamt Ostpreußen, die dort Napoleons Nymbus der Unbesiegbarkeit zerstört hatten und an ein Bündnis, das andere Zeiten sah als die jüngste böse Vergangenheit von 1945.

 

 

 

Friedland

 

Die Gedenkstätte sieht noch fast so aus wie früher. Nur von den einst vier Kanonen stehen jetzt lediglich noch zwei. Die beiden anderen gingen 1960 verloren, als man sie den Abhang hinunter stürzte. Russischer Übermut, der dort belacht wurde! Es ging im Jahr 1945 in Friedland und Pr. Eylau mehr kaputt als diese Requisiten eines unglück- lichen Krieges.

 

Die Schlacht war aber eine der blutigsten in der napoleonischen Geschichte. 55.000 Soldaten, 30.000 Franzosen sowie 25.000 Preußen und Russen, ließen ihr Leben. Der Mann, der das Kriegsglück gewendet hatte und unter den Klängen des Dessauer Marsches zum Gegenangriff antrat, die fast schon geschlagenen Russen befreite und die überlegenen Franzosen zurückwarf, war Gerhard von Scharnhorst. Sicher war es auch ein Zufall, dass die letzte Schlacht um Friedland und Pr. Eylau an einem 7. Februar tobte. Jetzt aber, im Winter 1945, gingen beide deutsche Städte unter, vernichtet von den Truppen jenes Landes, das 1807 ihr Retter gewesen war. Die Napoleon-Kiefer ist übrigens völlig zuge- wachsen.

Ich war von der Aktion unterdessen so fasziniert, dass ich noch eine Gewehrgranate opferte, sie detonierte knapp vor dem Lkw. Der Leutnant wurde sichtlich nervös aber wir standen wie eine Mauer und das so lange, bis sich vor uns auf dem eisbedeckten Straßenrand ein stattlicher Vorrat stapelte, mit dem wir gut eine Woche auskommen konnten. Und das alles, weil der Leutnant die Pistole gezogen hatte. Offiziell blieb die Version vom Feuerüberfall der sowjetischen Artillerie unangezweifelt. Was sich in der Nacht wirklich abgespielt hatte, war in der Kompanie natürlich nicht geheim zu halten. 

 

Noch nach Jahren - und Jahrzehnten - beim Treffen in Munster hielt sich das Geschehen als eine Geschichte, die immer wieder mit viel Schenkelklopfen und Gelächter erzählt und vermutlich weidlich ausgeschmückt wurde. (Die Gewehrgranate wurde aus einem kleinen Becher, der auf den Karabinerlauf aufgesetzt wurde, verschossen. Sie ließen sich auch abziehen und wie eine Handgranate werfen).

 

Der Russe griff bereits bei Pr. Wilten über die Bahnlinie hinweg nach Norden gegen Domnau an. Die Leuchtspurgeschosse der MGs zeigten die bedrohliche Nähe der HKL zum Engpass an der Straßengabel bei Lindenhof im Wald von Pöhlwalde an. Obwohl die Straße nach Benutzung von drei Regimentern durch Baueinheiten breit genug geräumt wurde, war der Marsch beschwerlich und die Truppe so übermüdet, so fix und fertig, dass sie wie Trauben an den Fahrzeugen hingen. Das behinderte die überholenden motorisierten Fahrzeuge. Ohne jede Rücksicht fuhr nun der Leutnant mit offener Wagentür an der Kolonne entlang, um uns Grenadiere wegzudrücken. Das führte bei der Infanterie zu Verdruss, denn am Hang bei der Straßengabel mussten die Fahrzeuge - gerade auch die der motorisierten Kolonnen - wegen der Schneeglätte von der Infanterie hinaufgeschoben werden.

 

 

29. Januar 1945 im Raum Domnau

 

Erbost sprach unser Kompaniechef, der beim Ausrücken aus Pr. Wilten die Aufgabe der Nachhut hatte, von einer "Behandlung der fechtenden Truppe entsprechend einer Strafkompanie". Bei einem nur kurzem Halt lag alles auf dem vereisten glatten Boden und begann zu schlafen. Die schweren Winteranzüge, Filzstiefel, das Tragen der Ausrüstung, das Nachziehen der schweren MGs ermüdeten sehr. Ich hatte eine Kuh vor den Schlitten gespannt. Bei der Ankunft nach Stunden in Domnau am 29. Januar sind alle Quartiere schon von motorisierten Einheiten der Division und des 4. Grenadier-Regiments belegt. Herrenlos standen die vom langen Nachtmarsch ermüdeten Grenadiere im Freien. 

 

Die von der motorisierten Einheiten ausgestellten Posten mahnten: "Seid ruhig, hier wird geschlafen!" Ihm wurde erwidert: "Wir wollen auch schlafen, ihr sitzt im Warmen!" Auch die Häuser unterhalb der Kirche waren so voll, dass allenfalls nur ein Stehplatz zu ergattern war Nebenan war die Feldpost. "So ein Sauhaufen", sagte unser Spieß. Schließlich war ein Platz für uns und den Funktrupp gefunden. Er musste sofort auf Empfang gehen, denn eine Leitung für die neue Stellung der "Id-Linie" südöstlich Domnau war noch nicht verlegt. Die Kontakte des Dora-Funkgerätes waren auf dem Marsch eingefroren. Aber es wurde wenigstens harter Käse aus Friedland und je Mann eine Viertel- Flasche Kaffee ausgegeben.

 

Da einige Lastkraftwagen beleuchtet waren, warf ein sowjetisches Flugzeug, das den Ort Domnau mit Bordlichtern überfliegt, fünf Bomben. Mit der Funkver- bindung kamen die neuen Befehle gegen 05.30 Uhr. Da der Abschnitt des 4. FschPzGrenRgt. HG in der "Id-Linie" südlich Domnau (Pkt.85) Straße mit Gutshof allein eingesetzt war, mussten die Einheiten der 50. Inf.-Div. weiter und zwar nach Osten, die Linie vom Bahnhof Domnau bis Gr. Saalau verteidigen. Die Einheiten der 61. Inf:-Div. wurden an der Straße von Kapsitten nach Domnau (Pkt. 77,3) am Mühlenberg eingesetzt. 

 

Beim Abmarsch zur neuen Stellung fehlten wie so oft, wenn verschiedene Einheiten im gleichen Haus liegen, Kochgeschirre, Feldflaschen und andere lebens- wichtige Utensilien, die am Leib getragen wurden. Das war schlimm, denn für die Kampf-Truppe dauerte die Wiederbeschaffung stets mehrere Tage. Es ging im Morgengrauen weiter und es war bitter kalt. Schließlich endete der Marsch an der vorgesehenen HKL an einem Gutshof (Pkt.85) und an der Straße vor Domnau. Die Nachrichtengruppe lag im frontseitig letzten Haus, da von hier aus die besten Funkverbindungen zu den Kampfgruppen und B-Stellen zu erwarten waren.

 

Am 29. Januar baute das 4. FschPzGrenRgt. die Stellungen in der "ld-Linie" weiter zur Verteidigung aus. Im Abschnitt der Straße vor Domnau arbeitete die Divisions-Reserve-Kompanie sowohl an Stellungen als auch an Wegen, die für das spätere Absetzen vorgesehen waren. Es wurden Schneewälle errichtet und Schneestände für die schweren MGs, denn der Russe setzte nach dem vielen Neuschnee motorisierte Schlitten ein, die bis 5 Meter lang waren und an der Stirnseite mit zwei MGs und eine Panzerplatte bestückten waren. Boten sie uns die Breitseite, waren sie verloren. Die Rotarmisten waren auf Schneeschuhen fast gefährlicher als auf Schlitten, denn bei geringem Schussfeld näherten sich diese mit weniger Geräuschen nahezu überraschend und zwangen uns zum Nahkampf.

 

Die Lage veränderte sich schlagartig. Der Russe war während der Nacht unmittelbar an der Naht zwischen Gut Garbnicken und Gut Naukritten mit starken Teilen über die Reichsstraße 131 vorgegangen, und ging nun im ganzen Abschnitt mit starken Kräften zwischen Domnau und Abschwangen vor. Gegen Mittag (beginnend am 29. Januar) gingen mehr als drei sowjetische Divisionen in Richtung Mühlhausen. Um 10.30 Uhr griffen sowjetische Schlachtflieger mit Bordwaffen die Divisions-Einheiten in Domnau an und belegten den Ort mit Bomben. Es traten größere Verluste ein. Der Führer der Pz.Jg.Abt. und weitere Angehörige des Stabes vom 4. Regiment HG fielen. In dem durch Truppen, Fahrzeuge, Munitionslager usw. völlig überbelegten Ort entstanden erhebliche Brände und materielle Schäden, insbesondere auch an Fahrzeugen der Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Pr.Eylau und weiter nach Heiligenbeil zum Frischen Haff waren. 

 

Um 12.00 Uhr besetzte der Russe Gr. Saalau und griff danach vergeblich Richtung Westen an. Ein Einbruch im Gutshof wurde ab 13.00 Uhr bereinigt. Die Waldstücke und die Straßen südlich von Domnau waren inzwischen schon von Südosten her vom Russen besetzt und bedrohten nicht nur das 4. FschPzGrenRgt. in der Flanke, sondern die ganze Division. Armee und Korps HG hielten die Bedrohung indessen für so schwerwiegend, dass das Generalkommando um 18.00 Uhr befahl, das für die Verteidigung bereits eingesetzte 61. 1nf.-Rgt zu verschieben und die Lage zu bereinigen.

 

Generalmajor Schmalz und der Chef des Generalstabes Oberstleutnant von Baer kamen um 18.30 Uhr zum 4. FschPzGrenRgt., um persönlich ab 19.00 Uhr beim Angriff nach Süden dabei zu sein. Das 4. Regiment und Teile des 61. Inf.- Rgt. griffen durch den Wald südlich Domnau an und es ging über den fast einen Meter hohen gefrorenen Schnee.

 

Aber selbst mit Ferngläsern war zunächst kein Gegner auszumachen. So ließ Generalmajor Schmalz die Kompanien gruppenweise durch den verschneiten Wald vorgehen. Erst nach dem vorsichtigen Heraustreten aus den Waldrändern stießen wir auf ein verlassenes Lagerfeuer der Russen. Beim weiteren Vorgehen setzte plötzlich aus Schneestellungen heraus feindliches MG-Feuer ein. Es gelang uns aber, diese Stellung zu durchbrechen und danach ging der weitere Angriff wieder flüssig vorwärts. Offenbar hatten sich die sowjetischen Verbände während der Nacht zurückgezogen.

 

Gegen 22.00 Uhr war die Verbindung zum linken Nachbarn in den Waldstücken wiederhergestellt, damit war die HKL auch über die Regimentsgrenze hinweg geschlossen. Zur Sicherung schob das Regiment einen Zug als Gefechtsvorposten südlich Domnau vor. Die Kampfgruppen waren in einer Stellung am Südrand von Domnau, in der nur wenige Häuser verfügbar waren, so dass die Männer, die an der HKL im Freien lagen, wenigstens gruppenweise zum Schlafen abgelöst wurden, um unter einem Dach zu schlafen. An der HKL war höchste Wachsamkeit geboten, denn südöstlich lagen im Raum Gr. Klitten starke Feindkräfte beiderseits der Wälder. Soldaten, die trotz der guten Tarnanzüge frierend ins Haus kamen, konnten nur abwechselnd schlafen. Während der Russe in der Nacht zum 30. Januar 1945 lediglich mit Spähtrupps gegen unsere HKL vorfühlte, begann das Aufschließen auf breiter Front. Am frühen Morgen folgten an den Schwerpunkten vor Domnau massierte Angriffe.

 

07.00 Uhr - Etwa 500 Rotarmisten gingen in breiter Front zum Angriff auf Domnau vor.

08.30 Uhr - Der Russe stand auf breiter Front an der HKL vor dem 4. FschPzGrenRgt. Acht Panzer, die schon am Morgen vor den Vorposten des 50. Inf.-Rgt. zu sehen waren, kamen nicht weiter nach vorn.

09.00 Uhr - Der Russe griff die Gefechtsvorposten an der Straße von Osten und Süden in jeweils einer Kompaniestärke an, wurde jedoch abgewiesen.

10.00 Uhr - Die Gefechtsvorposten erhielten den Befehl, sich zunächst bis unterhalb der Kirche von Domnau zurückzuziehen.

11.00 Uhr - Ein sowjetisches Bataillon versuchte in die Stellungen des 4. FschPzGren- Rgt. einzubrechen, wurde aber im Nahkampf zurückgeworfen.

 

Die Trosse wurden darauf vorbereitet, nochmals Kräfte nach vorne abzugeben. Die herausgezogenen Gefechtsvorposten am Hügel der Kirche lagen unter starkem Beschuss von Salvengeschützen und hatten Verluste, dabei auch Trommelfellverletzungen. Aus unseren Stellungen war die Wirkung dieser Feuer- überfälle (Stalinorgeln) gut zu beobachten. Die meisten Häuser in Domnau erhielten Volltreffer durch Bomben und das Punktfeuer der russischen Infanterie- geschütze. Da an der HKL wieder ein starker Feindangriff erfolgte, wurden die Gefechtsvorposten an der Kirche in Alarmbereitschaft versetzt und mussten wieder in ihre vorherige Stellung in der HKL zurück. Durch Straßengräben unterm Schnee (Tunnel) versuchten die Rotarmisten, ungesehen heranzukommen und einzubrechen. (Tagebuch Aufzeichnungen vom 30. Januar 1945)

 

 

Die Abwehrkämpfe in der Domnau-Stellung

 

Die Kämpfe am 30. und am 31. Januar 1945 wurden bis zum Bajonett geführt. Bei Tage hielten sowjetische Scharfschützen alle Bewegungen auf einsehbaren Flächen nieder. Auf der schneebedeckten hellen Fläche hatte man gegen ihre Scharf- schützen keine Chance, sie hatten die Sonne im Rücken und waren mit Zielfernrohren ausgerüstet. Trotz der Kälte war es verboten, die Kampfstände zu beheizen. Deshalb mussten ständig Ablösungen zum Aufwärmen vorgenommen werden. Nach Erweitern des Abschnittes schanzte das ganze Regiment! In erster Linie wurden die Grabenstücke und Kampfstände vom Schnee freigeschaufelt und erweitert. Zwischen den einzelnen Grabenstücken wurden weiterhin auch Panzerdeckungslöcher geschaffen. In der Stellung wirkte sich die Kälte bei uns allen sehr unangenehm auf die Blase aus. In einer Nische der MG-Stellung stand eine größere Konservendose, in diese erleichterten wir uns mehrmals am Tag und kippten den Inhalt mit viel Schwung über den Stellungsrand, denn wie bei den anderen auch war meine Blase durch die ständige Unterkühlung in einem dauernden Reizzustand.

 

Jemand rüttelte mich an der Schulter und ich hörte Uffz. Erwin Roock sagen: "Komm, geht für eine Stunde zum Aufwärmen!" Wir machten uns zu dritt auf den Weg nach Domnau. Erst nach einiger Zeit kamen wir richtig in Bewegung, denn die Kälte saß uns noch in den Knochen. Bis zum Hangrücken unterhalb der Kirche brauchten wir nur zehn Minuten, dahinter lag in einer Kurve recht geschützt das Haus, in der sich unser Gefechtstross mit der Feldküche einquartiert hatte. Als wir die Tür aufstießen, umgab uns eine Wärme von ca. 25 Grad wie in einem Treibhaus. Unser Fourier Albert R. war nicht zu sehen, aber der Koch raunzte uns an: "Zum Futtern gibt's nix!" Er machte auch hier kaum einen Handschlag, dazu hatte er die zwei russischen Mädchen Luba und die Köchin Katjuschka bis hierher mitgenommen. Sie kannten mich noch ganz gut, den obligatorischen Essenholer im Kreis Gumbinnen/Hochfließ.

 

Katjuschka reichte uns einen halbvollen Feldbecher mit "Tschai". In Domnau konnte man erkennen, dass die Häuser fluchtartig verlassen worden waren, überall lag noch Hausrat umher. Etwa 30 Häuser waren zerstört, einige davon durch Brände verkohlt. Man sah bis hin zum Marktplatz auch Häuser, die von der russischen Artillerie zerschossen wurden. Ich war etwas erstaunt, dass in der Stadt keine Zivilisten oder Flüchtlinge zu sehen waren. Die Masse der Trecks hatte sich schon am Dienstag den 30. Januar in Bewegung gesetzt, denn bis an die Küste des Frischen Haffs brauchten die Trecks volle drei Wochen.

 

Durch die 80%-ige Zerstörungen hatte die Stadt im Januar 1945 ihren ehemaligen Charakter eingebüsst. Wie sieht es heute in Domnau aus? Was ist übrig von damals? Wer nach Jahrzehnten wiederkehrt, muss darauf gefasst sein, dass das, was man wiederzusehen hofft, nicht mehr vorhanden ist oder im Laufe der Jahre völlig verändert wurde. Das Fotografieren (1993) wird hier wegen der nahen sowjetisch-polnischen Grenze von der Miliz argwöhnisch beobachtet, so dass man sich mit der Kamera wie ein Spion vorkommt.

 

Ansonsten: In der Stadt Domnau gibt's am 31.01.45 nichts Neues. Ich überlegte schon, ob wir drei den Weg zur Front antreten, oder den Tag in der warmen Stube beim Gefechtstross verbringen sollten, als uns ein ohrenbetäubender Schlag zu Boden warf. Zuerst konnte ich nur feststellen, dass ich noch lebe und mich im Zimmer und in einer gewaltigen roten Staubwolke befand. Instinktiv reagierten wir und rannten hinter die nächstliegende Hauswand und dann sofort zu einer anderen Stelle, die mir sicherer erschien.

 

Während ich mich dort noch vergewisserte, dass ich weiter nichts abbekommen hatte, kam der nächste Feuerüberfall. Diesmal war es eine dicht liegende Zehnersalve einer Stalinorgel, die Einschläge lagen genau da, wo wir drei uns noch kurz zuvor nichtsahnend aufgehalten hatten Die Einschläge explodierten schlagartig und unangekündigt durch Abschüsse oder Granatengeheul. Der erste Schuss war nur ein Orientierungsschuss für den Beobachter gewesen und hatte verdammt gut gelegen. Wir hatten es also bei der sowjetischen Batterie nicht mit Anfängern zu tun. Normalerweise hätte es mit einer Salve genug sein müssen, um nur drei "Chitlerfaschista" zu erledigen.

 

Gegen jede Vernunft schossen sie jedoch weiter. Mal gab es eine Feuerpause von einigen Minuten, aber sie streuten jetzt systematisch nach allen Regeln der artilleristischen Kunst die Stadt ab. Wir konnten uns vorsichtig daran machen, zurück zur HKL aufzubrechen, denn im Osten wurde es früh dunkel, nicht nur wegen der Jahreszeit, sondern auch infolge der Zeitverschiebung. Im Bereich der Wehrmacht waren nämlich alle Uhren gleich auf mitteleuropäische Zeit eingestellt. In Ostpreußen brach die Dämmerung im Januar um halb vier Uhr nachmittags herein, hinzu kam, dass Domnau bereits im Schatten der tief stehenden Sonne lag, während die Iwans auf der Ostseite noch geblendet wurden.

 

In den klaren Nächten war von Domnau alles was vor uns lag gut zu überblicken. Nur die Tätigkeit der Scharfschützen, der Artillerie und der Flugzeuge nahm zu. 

Russische Nah-Aufklärer, die wir wegen ihres schnarrenden Motorgeräuschs "Nähmaschinen" nannten, kamen regel- mäßig bei Dunkelheit und warfen kleine Splitterbomben auf unsere Stellungen und auf Domnau. Sie flogen langsam und es war ziemlich leicht, sie mit dem MG zu treffen, aber sie waren an der Unterseite gepanzert. Man sah, wie die Leuchtspurmunition von ihnen abprallte. Dabei verwandelten sie sich in einen Perlenregen, was wie ein romantisches Feuerwerk aussah. Ich erinnere mich aber, dass die Russen nachts einen schweren Luftangriff auf Domnau unternahmen, bei dem das Feldlazarett, das in einer Schule untergebracht war, ebenfalls getroffen wurde. Auf den in diesen Tagen abgeworfenen sowjetischen Flugblättern stand:

 

Zivilisten aus Domnau raus!

Domnau in Schutt und Asche!

oder

Die 50. - 61. und die motorisierte Göring-Division werden in Domnau vernichtet werden!

 

Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet am 31. Januar 1945:

"Südlich Königsberg warfen Panzergrenadiere den bis an das Frische Haff vorgedrungenen Feind zurück." 

Von Gerdauen, Friedland und Domnau kam kein Wort im Wehrmachtsbericht vor.

 

Erst am 9. Februar 1945 kam eine erneute Meldung:

"In Ostpreußen wurden bei Landsberg und Kreuzburg erneute feindliche Durchbruchsversuche in erbitterten Kämpfen verhindert und 57 Panzer abgeschossen."

 

Seit Gumbinnen und noch zur Zeit der Tagebuchnieder- schrift am 31.01.45 im Raum Domnau lebt die Truppe von der Hand in den Mund. Die Grenze ist erreicht, es gibt vermehrte Fälle geistiger Verwirrung. In der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar 1945 bezog unsere Kampfgruppe die Nachhutstellung zwischen Domnau und dem Bahnhof. Vom Russen war bekannt, dass von Osten her ein russisches Kavallerie-Korps gegen Domnau drückte. Gleichzeitig hatte von Süden her aus Richtung Pr. Wilten ein russisches Panzerkorps Lindenhof genommen und drang mit einem Stoßkeil das Tal aufwärts nach Domnau. Die feindliche Luftwaffe war in letzter Zeit überaus rege gewesen und störte empfindlich jede eigene Bewegung.

 

In einer Besprechung am 31. Januar nachmittags erhielt der Kp.-Chef unserer Kompanie von seinem Batl.- Kommandeur folgenden Auftrag:

"Die 14. Pi.-Kompanie hält als Nachhut des Bataillon nach Durchmarsch noch vorne liegende Stellungseinheiten bis 21.30 Uhr den Ostrand der Stadt Domnau. Die Nachhut marschiert dann über Kapsitten nach Bekarten, Gutshof Rohrmühle. Dort bezieht die Kompanie nach Eintreffen im Gutshof Rohrmühle eine neue Verteidigungsstellung, Grenze rechts vom Gutshof, wobei Verbindung zum 16. FschJgRgt. aufzunehmen ist. Regiments- Gefechtsstand, Verbandsplatz und Trosse in Pr. Eylau. Der vorgeschobene Beobachter einer schweren Batterie wird sich zur artilleristischen Unterstützung im Dorf Bekarten melden."

 

Die Nachhutstellung des 4. FschPzGrenRgt. sollte voraus- sichtlich 12 bis 24 Stunden gehalten werden. Nachdem um 19.30 Uhr das 3. und 4. Regiment ostwärts Domnau abgerückt war, löste sich auch unsere 14. Pi.-Kompanie zur befohlenen Zeit um 21.30 Uhr aus ihrer bezogenen Nachhut- stellung. Irgendwelche Feindberührungen fanden nicht mehr statt. Im Gegenteil - während sich ringsum die in Bewegung geratene Front mit MG-Feuer, Sprengungen und  Leucht- kugeln lebhaft bemerkbar machte, herrschte vor unserer Kompanie tiefe Stille.

 

Völlig unbelästigt vom Russen, der nicht einmal mit Späh- trupps nachfolgte, konnte unsere 14. Pi-Kompanie in den neuen Raum marschieren. Wir erreichten auf Waldwegen und Straßen gegen 1.45 Uhr den Gutshof Rohrmühle. Der Kompanie-Chef hatte, abgesehen von kleineren Halten, bisher scharf durchmarschieren lassen, um Zeit und Abstand vom Russen zu gewinnen. Uns war das ganze Gelände für die nun zu beziehende Stellung noch völlig unbekannt, eine Einsicht jetzt bei Nacht nicht möglich. Doch war uns von vornherein klar, dass der nach der Karte sich ergebende Verteidigungs-Abschnitt von etwa 4 Kilometern für eine schwache Kompanie viel zu breit sein musste. Der Gutshof konnte von vornherein nur stützpunktartig besetzt werden. Dies mochte auch für die vorgesehene Zeit ausreichend sein. Das Hauptgewicht der Abwehr vor Pr. Eylau sollte jedenfalls um den Kreege-Berg (Pkt.80) herum sein. Der Auftrag für diese Gruppe war, schwächere russische Angriffe abzuwehren und bei stärkerem Feinddruck kämpfend nach Pr. Eylau auszuweichen.

 

Der Gefechtsstand vom 3. FschPzFüsRgt. und die Funkstelle waren am Ortseingang im Kreisbauhof von Pr. Eylau, etwa 500 Meter unterhalb der Erich-Koch-Siedlung. Dort meldete sich auch ein inzwischen eingetroffener VB eines Artillerie- Regiments mit seinen Funktrupp. Er teilte mit, dass sie mehrere Artillerie-Beobachtungsstellen auf der Höhe (Pkt.80) eingerichtet hätten. Sein mitgebrachtes Funkgerät habe leider eine Störung, so dass ein Einschießen seiner Batterie auf Sperrfeuerräume vorerst nicht möglich sei.

 

Kurz nach 10.30 Uhr tauchte der gegen das Dorf Bekarten ausgeschickte Spähtrupp atemlos im Gefechtsstand auf. Er meldete, dass der Russe bereits in die Ortschaft einge- drungen sei und gab seine Stärke mit ungefähr zwei Kompanien und zahlreichen Panzern an. Diese Feind- meldung ging um 11.00 Uhr per Funk an den Divisions- Kommandeur Generalmajor Walther, da erst zu diesem Zeitpunkt die Gegenstelle in Pr. Eylau wieder auf Empfang war. 

 

Von nun an wurde ständige und laufende Funkverbindung vereinbart. Schon bald begann ein zunehmender Feuer- kampf um die Höhe (Pkt.80) und Kl. Sausgarten. Der Russe schien die Bedeutung dieser Höhe vor Pr. Eylau erkannt zu haben. Noch während seines ersten Vorgehens kam eine Funkmeldung von der dort befindlichen Kampf- gruppe: "Die Höhe (Pkt.80) ist gegen den starken Feind nicht zu halten!"

 

 

Einige Städte, die einst nicht von der ostpreußischen Landkarte wegzudenken waren, gibt es heute nicht mehr. Sie wurden zu Dörfern zurückgestuft oder gänzlich von der Landkarte gestrichen. Es ist sicher kein Zufall, dass sie fast ausschließlich in der weiterhin abgeriegelten Grenzzone oder den vom Krieg besonders schwer heimgesuchten Gebieten liegen. So ist Domnau (Domnowo) keine Stadt mehr, wird immerhin aber noch als Dorfsowjet weitergeführt. Ich bin 1993 den ganzen Grenzstreifen zwischen Angerapp, Nordenburg, Gerdauen, Friedland, Domnau, Zinten bis Heiligenbeil abgefahren. Das war eine deprimierende Reise für mich. Ich sah fast keine Menschen. Die Gegend wirkte verlassen, manchmal geradezu unheimlich. Man hatte ständig das Gefühl, dass gleich etwas passiert oder es käme jemand. Hier, wo einmal die Mitte Ostpreußens war, ist nun das Ende der Welt. Quer durch das Land zieht sich ein scharf bewachter, schier unüberwindlicher Grenzstreifen.

 

  

 

 

  

 

 

 

 

Die Kirche von Domnau wurde 1945 nicht in Mitleidenschaft gezogen, sie war unversehrt und wurde als Getreidespeicher genutzt. Die südliche Vorhalle wurde abgerissen und das Turmportal als Autoeinfahrt verbreitert. Es wurde auch eine Kirchenwand durchgebrochen und ein Tor zum Schweinestall eingebaut. Auf dem Hügel, auf dem die Kirche steht, wurden alle deutschen Gräber zerstört und ausgeraubt. Im Jahr 1993 begannen von deutscher Seite kleine Renovierungsarbeiten. Das Dach wurde teilweise repariert und in der zweiten Etage des Turms wurde ein kleine Kapelle eingerichtet. Das Stadtzentrum zwischen Marktplatz und Bergstraße ist zerstört, hier gibt es nichts mehr! Danach verfiel der Rest rapide und bietet heute einen traurigen Anblick, Die noch vorhandenen Häuser sind in einem katastrophalen Zustand. Erhalten sind der Wasserturm, die Mühlen- werke Gustav Scherwitz, die Schule, die Post und das Kreisgericht. Das Haus an der Bergstraße unterhalb der Kirche ist erhalten, hier befand sich am 30. und 31. Januar 1945 unsere Feldküche.

 

 

 

 

Dorf Abschwangen, wo die Russen viele Gräueltaten an den Bewohnern verübten.

 

Für uns war klar, dass dieser Schlüsselpunkt der ganzen Front vor Pr. Eylau unbedingt gehalten werden musste. Wenn der Russe dort hinauf kam, war die ganze Abwehrfront vor Pr. Eylau aufgerissen, da er von dort aus das ganze umliegende Gelände mit Sicht und Feuer beherrschen konnte. Für die eigenen Kampfgruppen am (Pkt.80) und an der Reichs- straße nach Pr. Eylau konnte noch kein zwingender Grund zu einer Räumung ihrer Stellung vorliegen. Die Gruppen befanden sich dort erst seit kurzer Zeit im Gefecht, hatten noch keine Verluste erlitten und hatten bisher nur geringe Mengen Munition verbraucht. Es mangelte also offensichtlich allein an der Standfestigkeit des kampfunerfahrenen Führers eines Haufens vom Sturmbataillon HG.

 

Vieles ist während des Krieges und nach 1945 über diese Einheit des FschPzKorps HG getuschelt und gedeutet worden. Strafeinheit, Bewäh- rungsbataillon und was damit alles zusammenhängt. Die Wirklichkeit war: In dieser Einheit befanden sich Soldaten, die von einem aus Offizieren bestehenden Kriegsgericht degradiert waren. Es waren vorwiegend Offiziere, die alle auf Grund von Nichtbefolgung eines Befehls oder sonstiger Disziplinwidrigkeiten mit dem Militärstrafgesetz in Konflikt geraten waren, also wegen Vergehen disziplinarischer Art. Als einzige Einheit innerhalb der deutschen Wehrmacht besaßen die Angehörigen dieses Bataillon das Recht, ihre Führer vom Gruppenführer bis zum Bataillonsführer selbst zu wählen. Die Rehabilitierung wurde auf Vorschlag dieses Bataillonsführers vollzogen. Mit fünf Ausnahmen blieben alle von Görings Luftwaffe danach freiwillig weiterhin beim Bataillon.

 

Alle FschPzKorps-Angehörigen, die sich wegen ehrenrühriger oder krimineller Vergehen schuldig gemacht hatten, gehörten  jedoch nicht diesem Bataillon an! Immer an Brennpunkten und im härtesten Einsatz stehend, hat sich auch diese Einheit bis zu ihrem Untergang bei Heiligen- beil-Balga hervorragend bewährt, auch hier vor Pr. Eylau im Februar 1945. An dieses Bataillon wurde der Funkbefehl gegeben: "Die Straße und die Höhe ist unbedingt zu halten!"

 

Es gelang auch, den ersten feindlichen Vorstoß abzuwehren. Daraufhin versuchte der Russe, sich mit etwa fünf Panzern T-34 heranzuarbeiten. Dies meldete ein neuer Funkspruch: "Feind greift durch die Mulde mit Panzern an. Erbitte dringend Verstärkung!" Noch war nicht zu erkennen und zu übersehen, ob der Russe seinen Angriff gegen die Höhe vor Pr. Eylau verbreitern und auch an anderen Stellen vorstoßen würde. 

 

Granatwerfer, die leider fehlten, hätten mit ihrer Steilfeuer-Wirkung ein Feindvordringen verhindert. Dadurch gelang es Teilen der feindlichen Infanterie und fünf Panzern, in den Rücken des Bataillon und der Divisions- reserve einzubrechen, die ebenfalls zu weit vorne und zu nahe am Schwer- punkt des Kampfes in Bereitschaft stand. Durch die hohen Ausfälle mussten nun selbst die Bataillonsstäbe und Nachrichtenstaffeln zum Gegenstoß antreten und später in die HKL eingegliedert werden.

 

Bereits um 12.30 Uhr spitzte sich die Lage erneut zu. ,,16 Panzer mit Infanterie greifen Kl. Sausgarten und die Höhe 80 an!"  

Da auch hier die panzerbrechenden Waffen fehlen, musste das Dorf Kl. Sausgarten aufgegeben werden. Dem Regiment wurde die 2. Kompanie Panzerjäger-Abteilung HG zur Panzerbekämpfung unterstellt. Mit dem Eintreffen der ersten Teile war jedoch nicht vor dem Nachmittag zu rechnen Es war beabsichtigt, eine Auffanglinie etwa 1000 Meter südlich des vorge- legten Regimentsgefechtsstandes vor dem Panzergraben am Kreisbauhof Pr. Eylau zu bilden, um zu verhindern, dass durchgesickerte Teile des Gegners weiter nach Norden vorstoßen. Beutekarten wiesen aus, dass sowohl Pr. Eylau als auch Althof als Angriffsziele der feindlichen Panzer- verbände befohlen waren.

 

Durch Zurücknahme der eigenen Linie in die kleinen Waldstücke östlich und südlich von Pr. Eylau war es möglich geworden, den Einsatz der sowjetischen Panzer bis zu einem gewissen Grad wirkungslos werden zu lassen, da diese im unübersichtlichen Gelände die deutschen Stellungen nicht mehr erkennen konnten. Es gelang dadurch, die feindliche Infanterie von den Panzern zu trennen, die es - auf sich selbst gestellt - nunmehr vorzogen, nach dem Abschuss von zwölf T-34 in ihre Ausgangsstellung zurückzufahren. Das Gebiet wurde aber durch dauernde Aufklärung über- wacht. Es war dem Russen somit nicht möglich, nach Pr. Eylau hineinzu- stoßen. Februar 1945.

 

Der Gegner verstärkte weiter seine Anstrengungen. Er hatte begonnen, seine schweren Waffen einzuschießen und bestreute besonders lebhaft die ganze Stadt Pr. Eylau mit Granatwerfern sowie die Hänge und auch die Gegend um den Gefechtsstand bei der Siedlung. Die eigenen Ausfälle mehrten sich. Auch andere Gruppen meldeten auf dem Gefechtsstand Verwundete. Dort lagen schon eine ganze Anzahl Verwundeter, die von dem einzigen Kompanie-Sanitäter betreut wurden. Ein Abtransport konnte noch immer nicht erfolgen, weil dafür weder genügend Sanitäter, noch Fahrzeuge vorhanden waren.

 

Wir kämpften allein weiter, ohne Hilfe und Unterstützung durch das Regiment und die Artillerie. Der YB versuchte nun, da sein Funkgerät trotz aller Bemühungen auch weiterhin Störungen hatte,  seine Batterie durch Leuchtzeichen zum Schießen zu veranlassen. Unverständlich blieb, dass die Artl.-Abtl. die bedrängte Lage der Kampftruppen nicht erkannte und von sich aus ihr Feuer auf den Russen leitete. In unserer Stellung, wohin der YB zurückgekehrt war, riefen nun rote Leuchtzeichen die eigene Artillerie zu Hilfe. Endlich schlugen einige heulende Lagen 10,5 Granaten vor unseren Stellungen ein. Schon wenige Minuten darauf kam die Antwort. Feindliche schwere Artillerie vom Kal. 15-cm nahmen die eigenen Geschütze, die beim Gutshof Valentini und Henriettenhof standen, unter Beschuss, worauf diese auch bald wieder verstummten.

 

Kurz nach 15.30 Uhr kam der verwundete Führer des SMG und meldete, dass das MG durch einen Volltreffer ausgefallen sei. Damit hatte unsere Kompanie ihre einzige schwere Waffe verloren. Bei eintretender Dunkel- heit bestand dann die Möglichkeit, sich mit der Kompanie abzusetzen und eine neue Stellung vor Pr. Eylau zu beziehen. Da aber ein Absetzen unter Feinddruck geschehen musste, wobei die Verwundeten nicht mitgenom- men werden konnten, sollten alle nun zu Fuß zurückgebracht werden. Auf dem Gefechtsstand im Kreisbauhof von Pr. Eylau wurden aus den Leicht- verwundeten Trägerkommandos zusammengestellt, die ihre schwerge- troffenen Kameraden in Zeltbahnen usw. bis zum Bahnhof zurücktrugen.

 

Preußisch Eylau

 

 

 

Pr. Eylau, die Russisch Orthodoxe Kirche

 

 

Den alten, geräumig wirkenden Marktplatz gibt es nicht mehr.

Die ganze Westseite ist nicht mehr vorhanden.

Auf der Ostseite sieht es nicht viel anders aus.

 

 

Die Ev. Kirche in der Kirchstraße wurde zerstört.

Hier wurden die Gefallenen bestattet.

 

 

In Ostpreußen sieht man diese Gräber allerdings nicht, auch jene in Pr. Eylau nicht. Längst ist Gras darüber gewachsen, jedoch nicht über seine schreckliche Geschichte. Nicht einmal den Platz der schaurigen Gräber von 1945 kennen sie, dort nahe am umgepflügten Grenzstreifen, dicht zwischen der früheren Artillerie- und Infanterie- Kaserne. Damit man es mit den Toten nicht so weit hatte, die man zu Hunderten wegschaffen musste, wurden sie in Deckungsgräben geworfen.

 

Am 9. Februar 1945 besetzten sowjetische Kräfte Pr. Eylau. Es ist kaum anzunehmen, dass die Russen die Gefallenen nach ihren schweren Abwehrkämpfen registrierten. Kein Wunder, dass niemand etwas über deren Schicksal weiß. An der Bahnlinie vor Pr. Eylau war ein durchgehender breiter und tiefer Panzergraben angelegt worden. Unsere Kompanie hatte hier eine Stellung. Ich habe ihn noch selbst bei unserem kurzen Aufenthalt im Februar 1945 gesehen. Viele Berichte sprechen davon, dass die Gefallenen einfach in den Panzergraben gekippt wurden.

 

 

 

Den Zurückgehenden wurden Meldungen über die sich verschlechternde Lage und die dringende Bitte um Verstärkung und Munition mitgegeben. Die einzige vorhandene Verbindung zum Regiment in Pr. Eylau litt erheblich unter Störungen. Es dauerte oft geraume Zeit, bis sich die Gegenstelle endlich trotz ständigen Anrufens meldete. Immer wieder wurde der verschlüsselte Spruch nicht verstanden. Auf Meldungen und Hilferufe im Klartext kam überhaupt keine Antwort. So waren wir allein auf die Berichte der Verwundeten angewiesen.

 

Gegen 16.00 Uhr brachte endlich ein Kradmelder Munition vom Regiment und als Wichtigstes den Absetzbefehl für die Kompanie für 19.00 Uhr nach Kreuzburg. Mit einer Lagemeldung und der Bitte um Verstärkung wurde er zurückgeschickt. Jetzt stand unser Kp.-Chef vor der Entscheidung, entweder dem Regiments-- Befehl folgend bis 19.00 Uhr weiter hier vorne auszuhalten oder ein sofortiges Absetzen einzuleiten. Ersteres musste zur Folge haben, dass die gesamte zusammengeschmolzene Kompanie eingeschlossen und restlos zusammengeschossen werden würde. Im anderen Fall war auch aus der bereits drohenden Umklammerung in Richtung Pr. Eylau nicht zu entkommen, weil weiter Widerstand bis zum befohlenen Absetzen geleistet werden sollte. In diesem Falle musste schnell und geschickt gehandelt werden.

 

Es kam zum Entschluss des sofortigen Lösens unter Beziehen verschiedener Zwischenstellungen bis zum Bahnhof und Kreiskrankenhaus bei staffelweisem Zurückgehen unter besonderer Sicherung gegen die linke Flanke. Maßnahmen hierfür waren bereits getroffen worden, die Verwundeten waren großteils zurück- gebracht worden, auch der Verbandsplatz hatte bis zur Mühle Schadwinkel zurückverlegt werden können. Aus Leichtverwundeten wurden unter der Führung des verwundeten Führers des II. Zuges eine kleine Kampfeinheit gebildet mit dem Auftrag, sofort zum Stadtgut Denstorff vorzurücken und gegen den Feind an der Bahnlinie abzuschirmen, um ein mögliches Hineinstoßen in die laufenden Absetzbewegungen zu verhindern.

 

An unsere Kompanie erging der Befehl, in Eile und unter Mitnahme aller Verwundeten bis zum Gefechtsstand zurückzugehen, um von dort aus im gegenseitig überschlagenden, deckenden Einsatz der einzelnen Gruppen die Ortsmitte von Pr. Eylau zu erreichen. Unsere Absetz- bewegungen liefen gut an. Mitten im starken feindlichen Feuer gelang es, rennend zurückzugehen. Als wir jedoch, entgegen dem Befehl, dicht geballt auf der Straße weiter in den Ort zurückgingen, bekamen wir heftiges feindliches Feuer vom See her. (Langer See) Zwar erwiderten wir diesen Beschuss mit guter Wirkung, wie das Geschrei aus Richtung des Sees zeigte. Aber dann kamen vorzeitig, ohne Befehl, die beiden noch am Kreisbauhof sichernden Gruppen zurückgelaufen. Im Nu bildete fast die gesamte Kompanie auf der großteils gut einzusehenden Markt- straße einen wirren, dichtgedrängten Haufen.

 

Mit den durcheinandergeratenen Gruppen war nun im feindlichen Feuer ein geplantes, geordnetes und gegenseitig deckendes Zurückweichen nicht mehr möglich. Die Kompanie wurde in aller Schnelligkeit ohne Rücksicht auf die einzelnen Züge und Gruppen neu in kleine Kampfein- heiten gegliedert und unverzüglich in einer dicht zusammengefassten Abwehrstellung eingesetzt. Zwei Einheiten wurden beiderseits des Marktplatzes in die Häuser befohlen mit dem Auftrag, nachdringendem sowjetischen Truppen im Häuser- und Nahkampf ein weiteres Vorgehen zu verwehren. Das Nachstoßen der Russen, nun auch bei der Erich- Koch-Siedlung, wirkt sich auch im rückwärtigen Gebiet verunsichernd aus.

 

Auf der Straße von Pr. Eylau nach Zinten bewegten sich endlose Kolonnen voran, Wagen hinter Wagen, mit vermummten Gestalten und Bergen von Gepäck beladen. Sie kommen kaum schneller als im Schritt-Tempo voran. Der Rückmarsch der Flüchtlinge war ein stetiger Kampf mit tiefen Schnee, großer Kälte, glatten Wegen, um Quartiere sowie um Futter und Wasser für die Pferde. Im Neuschnee blieben die Wagen hängen und verursachten Stauungen, die über Stunden andauer- ten. Zum Tränken entstand an guten Wasserstellen Streit. Wasser war so knapp, dass es auch dann aus Flüssen entnommen wurde, wenn darin eingefrorene Leichen oder Tierkadaver lagen. 

Am Wege verlorenes oder wegen des Gewichts abgeladenes Gepäck blieb liegen und wurde von den Fahrzeugen bzw. Schlitten in den Schnee gepresst oder zermalmt. Hinter der kämpfenden Truppe war beim Rückzug ohnehin ständig eine Atmosphäre der Unsicherheit. Das kam durch das Zusammentreffen von Angehörigen vieler verschiedener Divisionen - dabei auch versprengter Einheiten.

Niemand wusste etwas Genaues, man hörte nur, dass es links "mulmig" sei und die Frontlage sich dauernd verändere. Die scharfe Kälte trieb uns in die Häuser der Ortschaften, weil man sich am Leben halten wollte. Dadurch entstanden, besonders bei Nacht, kilometerbreite Frontlücken, die durch Spähtrupps nur ganz unzulänglich überwacht werden konnten. Die Verteidigungsfront im Raum Pr. Eylau oder später bei Kreuzburg war also eine mehr oder weniger zusammen- hängende Reihe von Dörfern und Häusern. Die Folge war, dass der Russe abseits der Dörfer die Front ungehindert durchschritt und dann die einzelnen Ort- schaften in der Flanke und im Rücken umfasste und erledigte. Von der Truppe und insbesondere den fechtenden Teilen wurde aber weiterhin der letzte Einsatz verlangt.